150 können vom Schreiben leben

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150 können vom Schreiben leben

Foto: dreut

AUTOREN – Bernd Ture von zur Mühlen informiert in Ostheim über Schriftsteller und deutschen Buchmarkt

OSTHEIM (dt). Er hat eine langjährige umfassende Erfahrung zum Thema Buch, zum Buchmarkt und zur Lebenswelt von Schriftstellern. Der 79-jährige Buchwissenschaftler und Autor Bernd Ture von zur Mühlen ist seit 40 Jahren Dozent an der Buchhändlerschule in Frankfurt und war am Montagabend Gast in der Bücherei Ostheim/Nieder-Weisel im Dorfgemeinschaftshaus Ostheim. Er stellte vor einer ansehnlichen Zahl von Zuhörern als Insider interessante Fragen in den Raum und gab dazu äußerst informative Antworten: Wovon leben Schriftsteller? Kann man generell vom Schreiben leben? Wie leben Autoren? Wie arbeiten sie? Wie funktioniert der größte Buchmarkt der Welt, der deutsche? Zur Einstimmung las der Referent aus einem eigenen Aufsatz, den er in den „Marginalien – Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophiles“ der Pirckheimer Gesellschaft Berlin kürzlich veröffentlichte. Im Anschluss richtete von zur Mühlen den Fokus auf die Frage, wie Autoren ihren Lebensunterhalt bestreiten. Eine Umfrage des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, dessen Redaktion 3000 deutschsprachige Autoren befragt hatte, habe gezeigt, dass von dieser großen Zahl nur 150 angegeben hatten, dass sie aus ihren Einkünften als Schriftsteller leben könnten. Ein Autor erhalte in der Regel über seinen Verlagsvertrag zehn Prozent des Ladenverkaufspreises (ab 500 verkauften Exemplaren) als Honorar. Die Beispiel-Rechung ist sehr einfach: Für in der Regel zwei Jahre Arbeit an einem Buch mit einer verkauften Auflage von 10 000 Exemplaren pro Jahr, das in der Buchhandlung 20 Euro koste, bekomme der Autor – vor Steuern – 20 000 Euro. Aus dieser Tatsache werde deutlich, dass eigentlich nur renommierte, große Schriftsteller und Bestsellerautoren mit Riesenauflagen ihren Lebensunterhalt von ihren Einkünften bestreiten könnten. Aber es gebe auch bessere Verlagsverträge; so habe der Literatur-Nobelpreisträger von 1929, Thomas Mann, vom S. Fischer-Verlag 20 Prozent pro verkauftem Buch gefordert und auch erhalten. 

Äußerst minimal seien die Einkünfte von Autoren in der literarischen Gattung der Lyrik, in der sich die Buchauflagen oftmals nur im Hunderterbereich bewegten. Wesentlich besser gehe es den Dramatikern, die mit jeder Aufführung eines ihrer Stücke von den öffentlich subventionierten Theatern Tantiemen erhielten. „Deutschland ist das Land der Bücher, ein Land der Literatur“, betonte der Referent, „kein Land auf dieser Welt hat mehr Verlage, mehr Buchhandlungen, mehr Bibliotheken, mehr vergebene Literaturpreise.“ Pro Jahr werde in der Gesamtrechung in allen deutschen Buchhandlungen ein Umsatz von neun Milliarden Euro registriert. Statistisch gesehen hätten 54 Prozent der Deutschen in der Vergangenheit pro Jahr mindestens ein Buch gekauft. Pro Jahr erschienen 50 000 neue Buchtitel, stellte von zu Mühlen fest. Doch diese positive Bilanz sei in den letzten Monaten unter Vorlage neuester Zahlen erschüttert worden. Nach diesen aktuellen Erhebungen seien dem Buchmarkt in den letzten Jahren sechs Millionen Leser verloren gegangen. Trotzdem blieben die Umsätze der Buchbranche auf nahezu gleichem Niveau. Des Rätsels Lösung: Immer weniger Leser kauften mehr Bücher, seien zu Viellesern geworden.      

 Haben Autoren neben ihren Verlagshonoraren weitere Nebeneinkünfte? Dies bestätigte der Referent. Weitere Einnahmequellen seien Autorenlesungen in den Buchhandlungen und insbesondere auf den großen literarischen Festivals und Buchausstellungen (Frankfurt, Leipzig). „Autorenlesungen haben in den letzten Jahren eminent zugenommen. Die meisten Lesungen sind ausverkauft. Im Rahmen von Festivals gibt es oftmals 60 bis 70 Lesungen“, informierte der Referent. Weitere Einnahmen erhielten Autoren durch Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaft „VG Wort“. Diese erhebe für die Autoren Gebühren bei Fotokopien aus urheberrechtlich geschützten Texten, den sogenannten „Bibliotheksgroschen“. 

Finanziell für die Autoren nicht zu unterschätzen seien auch die zahllosen Literaturpreise in Deutschland, die oftmals mit einem Wohnrecht (bei „Stadtschreibern“) und/oder der Übergabe eines größeren Geldbetrages oder eines Monatsgehaltes für einen begrenzten Zeitraum  verbunden seien. Bei Taschenbüchern werde von den Verlagen so kalkuliert, dass von fünf herausgegebenen Büchern ein Erfolgstitel die übrigen vier mitfinanziere. Neue, unbekannte Autoren könnten Bücher meist nur mit finanzieller Selbstbeteiligung – oftmals in dreistelliger Höhe – veröffentlichen. Eine weitere Möglichkeit seien „Books on Demand“, wo ein Autor für 30 gedruckte Exemplare seines Textes, die er erhalte, 900 Euro selbst zahlen müsse. Abschließend gab Bernd Ture von zur Mühlen Einblicke in den schöpferischen Tagesablauf und die Arbeitsweise vorwiegend renommierter Autoren.

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