1621 war Johannes Kepler zum ersten Mal am Butzbacher Hof zu Gast

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1621 war Johannes Kepler zum ersten Mal am Butzbacher Hof zu Gast

BUTZBACH. Die Abbildung zeigt Kepler und Brahe im Observatorium in Prag.

Berühmte Besucher Butzbachs / Dagmar Storck erinnert an Astronom, Mathematiker, Theologe und Optiker

BUTZBACH. Zu den berühmten Besuchern Butzbachs gehört Johannes Kepler. Am 27. Dezember würde er 449. Geburtstag feiern. 

Im Frühjahr 1610 erfuhr Johannes Kepler in Prag von Galileis Ergänzungen zum ersten Fernrohr aus den Niederlanden. Er war fasziniert von dessen astronomischen Entdeckungen durch das neue Gerät und erkannte die Möglichkeiten, die sich dadurch auf den Gebieten der Optik und Astronomie eröffnet hatten. Bereits 1603 war sein Werk „Der optische Teil der Astronomie“ erschienen, Kepler verstand die optische Wirkungsweise und schlug auch gleich Verbesserungen für die Funktion des Galilei-Fernrohrs vor. Veränderte Linsen machten das Bild klarer und heller und durch eine dritte Linse wurden die Bilder nicht nur scharf und vergrößert, sondern auch aufrecht. Das Bild war zwar auf den Kopf gestellt, doch für astronomische Beobachtungen war dies kein Problem, das „Keplersche Fernrohr“ war 1611 geboren. 

Die bedeutendste Leistung Keplers auf dem Gebiet der Optik war das Anfertigen seines Werkes „Dioptrice“, in dem er das Zusammenwirken von Auge und Linse systematisch untersuchte und darstellte. Er schuf damit die Grundlagen für die Optik als Wissenschaft. 

Das Jahr 1611 sollte zu einem Schicksalsjahr Keplers werden, u.a. starb seine Frau Barbara. Um den wachsenden religiösen und politischen Spannungen zu entgehen, bewarb er sich für den Posten eines Mathematikers in Linz. Nachdem im Januar 1612, Rudolf II. gestorben war, trat Kepler die Stelle in Linz an. Im Oktober 1613 heiratete er seine zweite Frau Susanne Reuttinger, sie gebar ihm sieben Kinder, nur eines sollte das Erwachsenenalter erreichen. 

Bereits Keplers Jahre in Prag waren mit einer immer größer werdenden Geldnot verbunden, seine Gehaltszahlungen erfolgten unregelmäßig und oft gekürzt. 1624 fuhr er nach Wien um für Geld zu bitten. Sechs Jahre wütete bereits der Dreißigjährige Krieg. Bis zu seinem Lebensende beliefen sich die Gehaltsschulden des Kaisers auf über 12.000 Gulden. Unzählige Bemühungen um Auszahlung blieben erfolglos. Selbst noch sein Sohn Ludwig versuchte, größtenteils vergeblich, etwas von der Summe einzutreiben. 

Kepler musste sich einiges einfallen lassen, um Geld zu verdienen, unter anderem erfand er 1604, nach einem Gespräch mit einem Bergwerksbesitzer, eine Pumpe um Wasser aus den Bergwerksstollen herauszupumpen. Nach ein paar Fehlversuchen hatte er eine ventillose und daher fast wartungsfreie Zahnradpumpe erfunden, die heute, in prinzipiell gleichartiger Form, in Automotoren als Ölpumpe eingebaut wird! Nach seiner Hochzeit, und dem damit verbundenen Weinkonsum, beschäftigte er sich mit einer Formel zum Berechnen des Rauminhaltes von Weinfässern, seine Ergebnisse stellte er 1615 vor („Keplersche Fassregel“). Im gleichen Jahr wurde seine Mutter Katharina als Hexe angeklagt. Man wollte damit möglicherweise auch ihn angreifen, viele seiner Ideen standen im Widerspruch zu den zentralen Auffassungen seiner Zeit. Sechs Jahre lang kämpfte der Sohn darum, sie vor dem Scheiterhaufen zu bewahren. Nach der Entlassung aus dem Kerker starb sie ein halbes Jahr später, vermutlich an den vorher erlittenen Haftbedingungen. Zwischenzeitlich, im Mai 1618 hatte Kepler, nach intensivem Studium der Daten zur Umlaufbahn des Mars, das dritte der nach ihm genannten Gesetze entdeckt, er erläuterte es im 1619 erschienen Werk „Harmonices mundi libri V“. Kepler zu seinen Entdeckungen: „Ich fühle mich von einer unaussprechlichen Verzückung ergriffen ob des göttlichen Schauspiels der himmlischen Harmonie. Denn wir sehen hier, wie Gott gleich einem menschlichen Baumeister, der Ordnung und Regel gemäß, an die Grundlegung der Welt herangetreten ist“. 

Übrigens, interessanterweise vertonte ein weiterer „Besucher Butzbachs“, Paul Hindemith, Keplers Leben und Lehre in seiner Oper „Die Harmonie der Welt“ (Uraufführung 1957). Im Mai 1621 nahm Landgraf Philipp den Mediziner, Astronomen und Mathematiker Daniel Mögling (1596 – 1635), der aus einem nicht ganz unbedeutenden württembergischen Gelehrtengeschlecht stammte, aufgrund seiner Kenntnisse auf wissenschaftlichem Gebiet und auch wegen seiner wertvollen Kontakte zu bedeutenden Gelehrten (u.a. Kepler, Mästlin, Schickard), in seine Dienste. Durch ihn kam anscheinend auch der persönliche Kontakt zu Johannes Kepler zustande. 

1621 genoss Kepler zum ersten Mal die Gastfreundschaft am Butzbacher Hofe. Zusammen stellte man von der kleinen Sternwarte auf dem Dach des Schlosses Sternenbeobachtungen an. Kepler bewunderte die Instrumente, die Philipp hatte anfertigen lassen, besonders erwähnt sei der im Jahr 1620 durch den Friedberger Schreinermeister Conrad Mause angefertigte hölzerne Himmelsglobus (Sphaera armillaris). Er soll dem berühmten Vorbild des Astronomen Tycho Brahe an Perfektion nicht nur ebenbürtig gewesen sein, sondern jenen noch an Größe und Schönheit übertroffen haben. Bei Kepler, der ja Brahes Instrumente kannte, soll er große Bewunderung hervorgerufen haben. Der berühmte Globus ging nach Philipps Tod 1643 in den Besitz der Universität Gießen über. Dort verliert sich leider jede Spur von ihm! 

Alle für die Astronomie erforderlichen mathematischen Berechnungen benötigen einen riesigen Zeitaufwand. Man suchte nach Hilfsmitteln, die diese mühseligen Arbeiten verkürzen konnten. 1619 beschäftigte sich Kepler mit der Benutzung der „Logarithmen“ des Schotten John Neper. Kepler stellte diese auf eine präzisere mathematische Basis und berechnete sie völlig neu. Die „Chilias Logarithmorum“ waren im Winter 1621/1622 fertig, jedoch fand er keinen Förderer für die Veröffentlichung. Sein alter Lehrer und Freund Mästlin, dem er das Manuskript zugesandt hatte, meinte dazu nur, es stünde „einem Professor der Mathematik nicht an, sich über irgendeine Abkürzung der Rechnungen kindisch zu freuen“. 

Ein wesentlich größeres Verständnis für die Bedeutung dieses neuartigen Rechenverfahrens zeigte Landgraf Philipp III. in Butzbach. Er bot sich an, das Werk drucken zu lassen. Er beauftragte den Gießener Drucker Caspar Chemlin, der sich inzwischen in Marburg (neuer Sitz der Universität Gießen) niedergelassen hatte. Die „Chilias“ erschienen zur Frankfurter Herbstmesse 1624, wo sie im Messekatalog angezeigt wurden. Zum Dank an seinen Freund und Gönner widmete Kepler dem Landgrafen sein Werk. Dafür erhielt er neben 10 Exemplaren von Philipp noch zusätzlich 50 Reichstaler. 

Im Jahr darauf erschien eine Ergänzung zu den Logarithmentafeln, die dem Wunsche Philipps entsprach, durch ausführliche Erläuterungen und eine Gebrauchsanweisung, die Tafeln für die allgemeine Einführung dieses Rechenverfahrens geeignet zu machen. Dieses „Supplementum“ ließ der Butzbacher Landgraf ebenfalls in Marburg drucken. Kepler verlieh der freundschaftlichen Beziehung besonderen Ausdruck in einer „alliteratione od nomen“: Philips/Vielliebs. 

Weniger geläufig ist, dass Kepler gedichtet hat, doch es gibt zahlreiche Beispiele. Einige seiner Gedichte bestechen durch Geist, auch geistreichen Spott, und geistreiche Gedanken. Ein kleiner Auszug aus dem Gedicht (Dank) an den Landgrafen: (…) Vielliebs wiegt auf die Chilias/ Du – mit dem Herzen, der Hand schöpfst duftende Gaben aus Quellen:/ Geist duftet alles, was du nimmst/ Liebreich dein Herz, deine Hände voll Gold und dein Geist voller Wahrheit:/ Dir widm‘ ich Herz und Hand und Geist/ Deiner Erlauchtigsten Hoheit/ untertänigster Verehrer und dankbarer Gast/ Johannes Kepler. Kepler und auch später sein Sohn Ludwig „duzen“ hier den Fürsten, das zeigt, dass sich zwischen der Familie und Philipp ein engeres Verhältnis entwickelt haben musste. 

Dagmar Storck

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