50 000 Mosaiksteine am Tor zur Freiheit

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50 000 Mosaiksteine am Tor zur Freiheit

Kunst Außenpforte der JVA Rockenberg von Inhaftierten gestaltet / Justizministerin weiht Werk ein

Rockenberg (thg). Als „ein Projekt, das sich sehen lassen kann“ und ein Beispiel dafür, „welche Qualifikationen junge Menschen in Justizvollzugsanstalten erwerben können“, bezeichnete Justizministerin Eva Kühne-Hörmann die neuen Mosaik-Flächen im Eingangsbereich zur JVA Rockenberg. Gestern wurde das Kunstprojekt, das die Verbindung von innen nach außen schaffen soll, am „Tor zur Freiheit“, wie Anstaltsleiter Klaus Ernst sagte, feierlich eingeweiht.

Allerdings waren von den 50 Künstlern, die an der etwa drei Jahre währenden Entwicklung des Projekts beteiligt waren, die allermeisten nicht dabei, weil sie noch ihre Haftstrafen verbüßen oder als Entlassene andernorts wohnen. Ein junger Mann war jedoch gekommen. „Das sieht gut aus, ich habe das jetzt zum ersten Mal so gesehen“, sagte er. Gerne blickte er auf die entspannte Zeit im Kunstprojekt zurück, in dem die jungen Leute in Gruppen bis zu acht Mitwirkenden zusammenarbeiteten.

Der Eingeengte, der Sportler, der Tänzer, der Stützende und der Blick nach draußen nennen sich die fünf Mosaikfiguren an der Außenmauer an der Pforte der JVA und am gegenüberliegenden Besucherraum. „Mehr als ‚Kunst am Bau‘, sondern ein bemerkenswertes Gemeinschaftsprojekt“ sei dort entstanden, so Kühne-Hörmann.

Die bunten Figuren sind Ergebnis eines Projekts mit jugendlichen Strafgefangenen. Sie haben in verschiedenen Werkstätten und Bildungsgängen während ihres Jugendstrafvollzugs mit Unterstützung der Bildhauerin Regina Planz, von der die ursprünglichen Entwürfe stammen, und des Kunstpädagogen der Anstalt, Norbert Cloß, die Umsetzung geplant und dann in monatelanger Arbeit die Mosaikfiguren geschaffen. „Mehr als 50 000 Mosaiksteine sind es, fast jeden davon habe ich in der Hand gehabt“, sagte Planz, die zusammen mit Cloß die Arbeit erläuterte. Zunächst sei es auch darum gegangen, den jungen Menschen ein Verständnis für Kunst zu vermitteln. Dann hätten sie mit großer Begeisterung an dieser freiwilligen Arbeit teilgenommen.

Anstaltsleiter Klaus Ernst rief das Kunstprojekt 2014 im Zuge einer Ausschreibung zur Förderung der künstlerischen Ausgestaltung landeseigener Dienstgebäude ins Leben. Nach Bewilligung durch den Kunstbeirat Hessen waren seit 2016 insgesamt rund 50 junge Gefangene an der Entwicklung und Gestaltung dieser Figuren beteiligt. Sie haben als Maurer, Gipser, Elektriker – und als Künstler – ihre Fähigkeiten eingebracht. Giselher Hartung vom Kunstbeirat hob die Besonderheit hervor, dass sein Gremium in diesem Fall nicht über die Anschaffung eines Kunstwerks, sondern über ein erst noch entstehendes Werk zu entscheiden hatte. Mit Mitteln des Sonderbaufonds in Höhe von 16 000 Euro wurde es gefördert.

Bürgermeister Manfred Wetz wies auf die zum Projekt erschienene Broschüre hin, die neben dem Projektverlauf auch Gedanken der beteiligten Jugendlichen enthält. Er regte an, in einem nächsten Projekt auch Flächen oder Einrichtungen der Gemeinde oder der Kirchen einzubeziehen. Gleichzeitig bat er um Fortsetzung der Sanierungen historischer Bausubstanz auf dem JVA-Gelände. Anstaltsleiter Ernst erklärte, dass der nunmehr genehmigte nächste Bauabschnitt im Jahr 2018 beginnen werde.

Der freiberuflich tätige Frankfurter Kunsthistoriker Dr. Martin H. Schmidt-Magin stellte das Werk in einen großen Zusammenhang von der Antike bis zur Gegenwart und beschäftigte sich mit dem Aspekt des als Mosaiksteine verwendeten Murano-Glases. Diese seien „aus Feuer geboren“, hätten dadurch eine Reinigung, also eine Katharsis erfahren. Aus Sand wurde durchsichtiges Glas. „Auch in der JVA geschieht idealerweise eine Läuterung“, so der Kunsthistoriker. Zudem zog er eine Parallele zwischen dem venezianischen Murano um 1300 und der Anstalt in Rockenberg. Denn die Geheimnisse der Glaskunst seien damals bewahrt worden, indem die Glasbläser eingesperrt wurden.

Fotos: thg

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