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Johannes Napp

Azubi zur Veranstaltungsfachkraft und Musiktalent.

Als nicht gänzlich bildungsferner Mensch weiß man noch aus Schulzeiten, was ein Verb, ein Substantiv und ein Objekt ist. Etwas schwieriger wird es aber, wenn es weg von einfachen Satzgliedern in Richtung rhetorische Stilmittel geht und man zum Beispiel den Unterschied zwischen einer Metapher, einer Alteration und einer Hyperbel erklären soll. Ohne es vielleicht zu wissen, benutzen wir alle sogar immer auch Oxymora. Bevor Sie nun aber die Zeitung verlassen und investigativ diesem Begriff hinterhergoogeln, verrate ich Ihnen, was gemeint ist. Ein Oxymoron ist ein Wort oder  Wortkonstrukt, das sich in sich selbst widerspricht wie zum Beispiel die Worte bittersüß oder Hassliebe. In beiden Worten erfolgt mittendrin ein semantischer U-Turn in die absolute Gegenrichtung. Genauso verhält es sich in meinen Augen zum Beispiel auch beim Begriff Technomusik. Da geht nur entweder oder. Im Bereich der zusammengesetzten Begriffe kennt man folgende Oxymora: echtes Kunstleder, sympathischer Makler, Offenbacher Eintracht-Fan  oder eingefleischter Vegetarier. Dass Oxymora aufgrund ihrer Definition ausschließlich im sich widersprechenden Ostwestfalen beheimatet sind, ist allerdings nur ein Gerücht. Als ich vor einiger Zeit bei einem Bühnenauftritt in Großwallstadt das Publikum gefragt habe, welche anderen Oxymora ihnen noch einfallen, rief ein recht betagter Herr von links voller Überzeugung „Eheglück“. Eine Pointe, die ich mir nicht besser hätte ausdenken können und unvergessen bleibt. Aber zurück zum Ausgangsbegriff Hassliebe, den ich persönlich häufig mit bestimmten Musikinterpreten verbinde. Manchmal kann ich deren Lieder nicht ertragen, und dann wieder ertappe ich mich dabei, sie sogar lauthals mitzusingen. Ein Paradebeispiel ist für mich dabei der gute alte Chris de Burgh. Dieser plärrende Gitarrenzwerg geht mir seit den Achtzigern mit „High on emotion“ total auf die Nerven und immer, wenn „Lady in red“ oder „Missing you“ im Radio laufen, wechsele ich hektisch den Sender vor all dem triefenden Schmalz. Die nicht minder schmalzigen „Where peaceful waters flow“, „A spaceman came travelling“, „Borderline“ oder das monumentale „The Revolution“ jedoch,  finde ich bis heute toll. Erklären kann ich das nicht. Klarer Fall von Hassliebe. Dass ich mich an diesem Montagmorgen mit einem 21-jährigen hippen Musiker ausgerechnet über den doch etwas spießigen Leder-Blouson-Träger Chris de Burgh unterhalten würde, hatte ich nun wirklich nicht erwartet. Auf einen Kaffee mit dem Azubi zur Veranstaltungsfachkraft Johannes Napp.

Johannes, Du bist kein gebürtiger Butzbacher, wo genau kommst du her?

Johannes Napp: Ich stamme aus  Lippstadt in Nordrhein-Westfalen und bin im Alter von drei Jahren mit meinen Eltern nach Ober-Höchstadt bei Kronberg gezogen, wo ich bis zum Ende der neunten Klasse zur Schule gegangen bin.

Ich habe Dich als talentierten Butzbacher Jung-Musiker kennengelernt. War Musik auch schon zu Kronberger Zeiten ein Thema für Dich?

Johannes Napp: Nein, ich stamme aus keiner besonders musikalischen Familie. Ich war eher sportlich aktiv und habe viel Kampfsport, vorzugsweise Kung-Fu betrieben. Okay, ein wenig Alibi-Gitarrenunterricht hatte ich als Kind schon, ohne dass mich das aber sonderlich angefixt hätte. Erst mit 13 Jahren ist bei mir diesbezüglich der Knoten geplatzt.

Gab es da einen besonderen Schlüsselmoment oder ein Vorbild, dem Du nacheifern wolltest?

Johannes Napp: Eher letzteres, aber das traue ich mich ja kaum zu sagen. Es war Chris de Burgh. Mit seiner Musik bin ich – vor allem durch meine Mutter bedingt – aufgewachsen. Irgendwann später fand ich dann bei ihr im Schrank eine Chris de Burgh Konzert-DVD. Er ganz allein mit Gitarre in einer Kirche in Holland. Auf dieser DVD entdeckte ich auch einen Song wieder, den ich jahrelang nicht gehört hatte: „The snows of New York“. Das Lied hatte mich sofort wieder gepackt, so dass ich es unbedingt nachspielen wollte. Ich kaufte einem Schulkameraden seine Gitarre ab und legte los. Parallel bekam ich zu Weihnachten vom meinem Vater ein ganz amtliches E-Piano, so dass ich beginnen konnte, Musik zu machen. Alles aber ohne Unterricht, dafür bin ich einfach zu ungeduldig. Ich wollte mein eigenes Tempo gehen und nutzte dazu eher ein paar Youtube-Tutorials, um mir Sachen beizubringen. Am meisten und schnellsten lerne ich aber, wenn ich mir die Künstler per Video anschaue und genau beobachte und höre, wie sie etwas spielen.

Nach Butzbach gekommen bist Du mit 16 Jahren, vermutlich auch mit und wegen Deiner Eltern …

Johannes Napp: Indirekt schon. Meine Eltern hatten sich zuvor getrennt, und ich lebte zunächst weiter bei meiner Mutter in Ober-Höchstadt. Irgendwann lief das aber nicht mehr so gut, so dass ich zu meinem Vater und seiner neuen Lebensgefährtin gezogen bin, die zu der Zeit noch in Bad Nauheim lebten. Gemeinsam sind wir dann 2012 nach Espa gezogen, verbunden mit meinem Schulwechsel an das Weidiggymnasium. Recht bald wurde aber klar, dass auch diese Wohnkonstellation nicht das Optimale war, so dass ich schließlich mit 16 Jahren meine erste eigene kleine Wohnung hier in der Butzbacher Altstadt bezog, in der ich zweieinhalb Jahre gelebt habe.

Wow, mit 16 die erste eigene Wohnung, Respekt. War das nicht eine ziemliche Herausforderung in Sachen Haushaltsführung inklusive Kochen, Wäsche, Aufräumen etc.?

Johannes Napp: Wieso war? Das ist es heute immer noch (lacht). Gerade das Aufräumen …

Wie bist Du hier in Butzbach aufgenommen worden? Zur zehnten Klasse an eine völlig neue Schule zu kommen, ist ja nicht gerade ohne.

Johannes Napp: Das war großartig, ich bin hier super aufgenommen worden, habe sofort Kontakt gefunden und mich wohlgefühlt. Das lag aber auch daran, dass das Klientel an einer Kronberger Schule im Schnitt dann doch etwas … naja, sagen wir mal „gediegener“ ist als hier. Da fühlt sich der eine oder andere aufgrund von Papas gut gefülltem Bankkonto schon gerne mal als etwas Besseres. Am Ende meines ersten Jahres hier nahm mich ein Klassenkamerad zur Schulmusical-Aufführung „Pan“ mit ins Bürgerhaus. Ich war total „ge-flashed“. Das hatte in meinem Augen überhaupt nichts mehr mit Schülerniveau zu tun, das war nahezu professionell, was ich da erlebte. Zum nächsten Schuljahr hat mich dann mein Freund mit zur Musical-AG geschleppt, seitdem war ich dort mit dabei und habe bis heute noch – wie viele ehemalige Mitglieder auch – guten Kontakt zu dieser einzigartigen, ja fast familiären Gruppe. Derzeit helfe ich noch mit beim Songschreiben für das nächste Stück im kommenden Jahr.

Ich nehme an, es sind dann auch die entsprechenden Musiklehrkräfte, an die Du Dich später noch gut erinnern wirst.

Johannes Napp: Auf jeden Fall. Allen voran natürlich an Alexander Fischer, aber auch Frau Potschka, Frau Damm und auch Frau Egerer möchte ich da erwähnen. Sie alle holen den Schüler ab, wo er ist und helfen ihm, sich weiterzuentwickeln. Das fand ich klasse.

Wie ging es nach dem Abitur für Dich weiter?

Johannes Napp: Durch meinen Schülerjob bei der Firma „Party-rent“ in Ober-Mörlen, war mir recht schnell klar, dass ich später etwas in Richtung Veranstaltungstechnik machen wollte. Bei „Partyrent“ habe ich im Lager in der Materialpflege begonnen. Etwas später hat man mich dann auch mit auf Produktion geschickt, wobei ich Partyartikel ausliefern und aufbauen musste. Als ich mit der Schule fertig war, durfte ich dann alleine und eigenverantwortlich im Sprinter Nachlieferungen ausfahren. Parallel zu diesem Job habe ich mich bei verschiedenen Veranstaltungsfirmen beworben. Gelandet bin ich dann in Karben bei „Satis&Fy“, einer der ganz großen Veranstaltungsfirmen Deutschlands, die international agieren. Wir haben Standorte u.a. in München, Berlin, New York oder Portland. Wir betreuen viele Kongresse, Tagungen, Messen, aber auch Musik-Großveranstaltungen wie z.B. „Rock am Ring“ oder „Rock im Park“ und große Musikshows u.a. von Helene Fischer, Xavier Naidoo oder „Santiano“, die ja letztens erst hier im Schlosshof waren.

Wie lange dauert diese Ausbildung?

Johannes Napp: Normalerweise drei Jahre, ich kann aber auf zweieinhalb verkürzen, so dass ich im Frühjahr 2018 die Ausbildung als „Fachkraft für Veranstaltungstechnik“ beenden werde.  Zu Beginn der Ausbildung bin ich nach Karben gezogen, jedoch schnell und reumütig wieder nach Butzbach zurückgekehrt. Mit fehlte mein soziales Umfeld einfach zu sehr. Heute wohne ich wieder hier in der Altstadt und pendle nach Karben.

Durchläufst Du da, wie bei allen anderen Ausbildungen auch, sämtliche Abteilungen des Unternehmens? 

Johannes Napp: Ja, genau. Das ist alles blockweise (auch die Berufsschule). Man ist also ein paar Wochen im Ton, dann eine Zeit im Video oder bei der Disposition. Es ist aber immer möglich, dass man für besonders interessante Projekte dann punktuell abgezogen und mit auf Produktion genommen wird. Dort sieht und lernt man dann, was alles für eine große Produktion zu tun ist, welche Technik, aber auch Logistik dahintersteckt.

Hast Du schon einen Plan, wie es nach der Ausbildung für Dich weitergehen könnte?

Johannes Napp: Grundsätzlich möchte ich mich in Richtung Ton spezialisieren und dann auch selbstständig als Tontechniker arbeiten. Parallel dazu möchte ich mich aber Anfang nächsten Jahres an Musikalischen Hochschulen bewerben, in Mainz, Leipzig und Berlin und nach Möglichkeit dann Musik studieren. Mainz wäre mir aufgrund der Dozenten, aber auch wegen der regionalen Nähe natürlich das Liebste.

Mit welchem Fernziel?

Johannes Napp: Von der Musik zu leben. Je nachdem wie es sich ergibt, eventuell mit einer Mixtur aus Livemusiker, Studiomusiker und Ton-Techniker.

Welchen bekannten Künstlern bist Du im Rahmen der Ausbildung schon persönlich begegnet und wen empfandest Du dabei als besonders nett?

Johannes Napp: Als richtig cool und ohne jegliche Allüren habe ich Max Mutzke und Götz Alsmann erlebt. Interessanterweise habe ich dann auch mal Chris de Burgh getroffen, der aber menschlich leider nicht so der Typ ist, mit dem ich warm werden würde.

Was war bisher Dein aufregendstes  Erlebnis im Rahmen Deiner Ausbildung?

Johannes Napp: Das Festival „Rock am Ring“ im letzten Jahr mit diesem Mega-Gewitter. Schon am ersten Festivaltag musste wegen eines Unwetters unterbrochen werden. Da gab es ja diesen Blitz-einschlag, der einem Menschen fast das Leben gekostet hätte. Ich weiß noch genau, dass ich mich selbst erst wenige Minuten zuvor ins sichere Produktionsbüro begeben hatte. Just in dem Moment, als ich mir das Wasser von der Brille wischte und wieder etwas sehen konnte, stand plötzlich der bekannte US-Schauspieler Jack Black vor mit, der mit seiner Band auf dem Festival spielte. Das war schon skurril. Samstag ging dann das Festival zunächst weiter, ehe es dann aber doch abgebrochen wurde, was für uns bedeutete, den Wecker noch früher zu stellen und dann am Morgen gleich mit dem Abbau zu beginnen.

Kommen wir zu Deiner eigenen Musikkarriere: Du trittst immer häufiger mit deiner Band, dem „Upright trio“, im Raum Mittelhessen auf. Wie kam es zu dieser Formation und zu diesem Bandnamen?

Johannes Napp: Ralf Bartel vom Butzbacher Kino hatte mich 2014 gefragt, ob ich nicht am „Heimatabend“ von Lars Ruppel anschließend im Kino-Foyer einen Soloauftritt machen wolle. Natürlich wollte ich, war mir aber ganz allein noch ein wenig unsicher, so dass ich zwei befreundete Musiker, Jonathan und Charly, bat, mich dort zu unterstützen. Wir haben dort dann eine halbe Stunde gespielt und daraus ergab sich u.a. ein Auftritt beim Open-Air-Kino im Sommer. Auch zwei Tage vor diesem Auftritt hatten wir noch immer keinen Bandnamen. Open-Air-Kino-Mitorganisator Michi Krause meinte aber, dass wir unbedingt einen haben müssen, sonst könne er uns nicht richtig ankündigen. Wir überlegten lange und fieberhaft, aber es fiel uns nichts Originelles ein. Schließlich kamen wir irgendwie auf die englische Bezeichnung von Kontrabass, upright bass. Nun gut, wir hatten Kontrabass und waren drei, fertig war das „Upright Trio“. Mit dieser Formation spielen wir mittlerweile recht häufig auf Familienfeiern und zu anderen Anlässen. Jeder von uns ist aber auch noch in andere Band- oder Soloprojekte verwickelt.

Gutes Stichwort, denn  mittlerweile scheust Du Dich nicht mehr, solo aufzutreten und begeisterst dabei mit Coversongs, aber auch eigenen Stücken. Wie hat sich das angefühlt, zum ersten Mal solo seine eigenen Songs zu spielen?

Johannes Napp: Das war schon cool. Zum ersten Mal solo und mit eigenen Stücken habe ich in Wölfersheim bei „Freies im Gesang“ gespielt. Das komplett Neue dabei für mich war, dass mir 120 Leute 20 Minuten total aufmerksam zugehört haben. So etwas kannte ich von den Auftritten mit der Band bei Hochzeiten oder Geburtstagen gar nicht.

Macht sowas nicht Lust auf mehr?

Johannes Napp: Mal schauen. Ich werde sicher weiter Songs -schreiben und plane auch, irgendwann mal ein Album daraus zu machen. Dennoch glaube ich, dass ich als Solokünstler nicht genug Rampensau oder Frontman-Entertainer bin, so dass mein Schwerpunkt weiter auf der Band liegen wird.

Da ich Dich schon solo erlebt habe, möchte ich da entschieden widersprechen! Wie groß ist Dein Gesamt-repertoire an Songs, die Du jetzt spontan solo mit Gesang und  Gitarre performen könntest?

Johannes Napp: Eigene und Coverstücke zusammengenommen, würde das sicher für gut zwei Stunden reichen.

Bitte vervollständige folgende Sätze: Wenn ich einen größeren Geldbetrag in die Stadt Butzbach investieren dürfte, dann würde ich …

Johannes Napp: … das Geld in kulturelle Projekte stecken und dafür sorgen, dass so tolle Schlosshof-Konzerte im Sommer öfter stattfinden.

Jeder Butzbacher, jede Butzbacherin sollte einmal in seinem Leben …

Johannes Napp: … im Open-Air-Kino gewesen sein.

Unbedingt mal reinhören sollte man in die Musik von …

Johannes Napp: … Gregor Meyle. Allen, denen ich Meyle bislang empfohlen habe, waren begeistert. Vor allem seine Live-Konzerte sind grandios.

Als ich heute Morgen aufgewacht  bin, war mein erster Gedanke:

Johannes Napp: … zu früh!

In Butzbach fehlt es mir am ehesten an …

Johannes Napp: … ein paar jugendlich orientierten Bars.

In Butzbach startet heute das Festival „Stadtlesen“. Liest Du auch gerade ein Buch und wenn ja, welches?

Johannes Napp:  Ja, mache ich! (lacht) Es heißt: „Neue allgemeine Musiklehre“ von Christoph Hempel.

* * *

Zu Hause angekommen ertappe ich mich dabei, nicht nur den mir bisher unbekannten Chris de Burgh-Song „Snows of New York“ zu recherchieren, sondern auch das Album „The Gateway“ aus meinem CD-Schrank hervorzukramen und aufzulegen. Während ich dieses Interview schreibe, höre ich noch zwei andere ältere Alben des Iren. Mit den gewohnten Höhen und Tiefen, so dass ich beschließe, mir eine eigene Playlist mit den Liedern zusammenzustellen, die ich gut finde. Dann kann ich Herrn de Burgh auch mal wieder für einen Moment richtig lieben. Bis ich den kleinen Mann über habe. Ich vermute mal spätestens nach den Herbstferien, wenn das nächste  „Wir sind Butzbach“-Porträt erscheint.

Martin Guth

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