Mödlareuth im Norden von Butzbach? 
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Szenen mitten aus dem Leben
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Ferdinand Reich

Foto: guth

Als meine Frau und ich 1999 beschlossen, gemeinsam ein Haus zu kaufen, wusste sie, mit mir einen kompletten Handwerkslegastheniker an ihrer frisch verehelichten Seite zu haben. Es war klar, dass sie bei den unvermeidlich kleineren oder größeren Arbeiten am Eigenheim auf alle zählen konnte, nur nicht auf mich. Folgerichtig war auch unsere Ausstattung an Werkzeug lächerlich rudimentär, im Vergleich zu dem, was befreundete Paare mit „echten“ Männern in der Beziehung so alles im Keller horteten. Auch entfernte Verwandte, die uns dankenswerterweise bei den Renovierungsarbeiten zum Einzug halfen, waren hin und wieder doch erstaunt bis süffisant amüsiert über meine zwei linken Künstlerhände, die – wenn man ehrlich ist – nichts weiter konnten als Sachen von A nach B zu tragen und Kaffeekochen. „Wie, Maddin? Ihr habt escht ka Schleifex? Un kaan Boschhammer? Gibt´s ja net. Abber ´ne Stischsääch haste da, odder?“ Verlegenes Kopfschütteln meinerseits, während der Handwerker-onkel nachgiebig lacht. „Süß, naja, Akademiker halt. Passema acht: Dann fahr ich kurz nach Haus und bring mal des Nötigste an Maschine mit und Du fährst in de Baumarkt und holst schon 20 Unnerbutzdose“. Ich traute mich nicht zu fragen, was um alles in der Welt er damit meinte und brachte dann natürlich prompt das Falsche mit, nämlich 20 Zehn-Liter-Dosen Grundierungsanstrich für Raufaserputz. Davon haben wir heute, fast 20 Jahre später sicher noch gut 80 Liter übrig. Aber, ob Sie’s glauben oder nicht, seitdem sind mir dann doch – via „learning by doing“ und durch tatkräftigen Beistand meines Schwiegervaters – einige handwerkliche Dinge ganz passabel gelungen. Aber eben nur dort, wo’s nicht so drauf ankommt: Regalbauten für den Dachboden, Fliesenverlegen im dunklen Kartoffelkeller oder das Streichen von Kellerwänden, die danach sofort wieder komplett zugestellt wurden. Nur vor einem hatte mich mein ansonsten stets ermunternder Schwiegervater gebetsmühlenartig gewarnt, wohlwissend um meine Schusseligkeit: dem Arbeiten mit Strom. Eine verwitwete Tochter wollte er nun wirklich nicht mit verantworten. „Beim Strom holste lieber einen Fachmann“, lautete die Devise, der ich bis heute treu geblieben bin und vielleicht auch deswegen noch lebe. Mit einem dieser Butzbacher Elektro-Fachleute treffe ich mich an diesem bitterkalten Februarmorgen bei uns zu Hause am Kamin. Auf einen Kaffee mit Ferdinand Reich.

Lieber Ferdi, wie schon ganz viele andere zuvor in dieser Reihe, zählst auch Du für mich zu einem der Gesichter dieser Stadt, schön, dass es nun geklappt hat. Bist Du eigentlich ein waschechter Butzbacher?

Ferdinand Reich: Nein, geboren bin ich 1965 in Oberschlesien, im Kreis Oppeln. Das war damals deutsches Gebiet. Meine Eltern hatten schon über Jahre hinweg vergeblich Ausreiseanträge gestellt, ehe es 1971 plötzlich Schlag auf Schlag ging und wir als „unerwünschte Personen“ Hals über Kopf ausgewiesen wurden. Mein Vater hämmerte innerhalb von zwei, drei Tagen zwei große Kisten zusammen, in denen wir das Notwendigste verstauten. Den Rest ließen wir zurück. Wir, das heißt meine Eltern und meine drei älteren Geschwister. Über ein Auffanglager in Borken kamen wir zunächst nach Kaiserslautern, wo wir für vier Jahre lebten. Dort kam dann noch mein Bruder -Andreas zur Welt.

Welchen Bezug hast Du bzw. Deine Familie heute noch zu Deiner alten Heimat?

Ferdinand Reich: Es gibt schon noch Kontakte, die Schwester meines Vaters lebt dort noch. Vor etwa acht Jahren war ich zusammen mit meinen Eltern, aber auch in Begleitung meiner beiden Kinder noch mal drüben, vor allem um ihnen zu zeigen, wo ich herkomme. Ansonsten ist das für mich aber ein abgeschlossenes Kapitel. Es bleibt die Erinnerung an eine wirklich schöne, behütete Kindheit auf einem Bauernhof. Die Phase der Flucht, das Zurücklassen der Freunde, habe ich eigentlich gut verarbeitet – sicher ein gutes Stück auch verdrängt, aber ich denke, das ist ein ganz normaler Prozess. Für meine Eltern hatte dieser Schritt natürlich eine ganz andere Dimension, da kann man nur den Hut ziehen.

Wie hast Du das Ankommen in Kaiserslautern in Erinnerung? 

Ferdinand Reich: Kaiserslautern war natürlich eine völlig andere Welt. Als sechs-, später dann siebenköpfige Flüchtlingsfamilie galt man da schon als ein wenig asozial beziehungsweise einer unteren Schicht angehörend. Umso mehr hat das unsere Familie aber als Einheit zusammengeschweißt und wir haben uns durchgekämpft. Mein Vater war Maurermeister und galt in vielen Bereichen als Spezialist und Koryphäe, hatte immer gut zu tun, so dass wir uns als Familie nach und nach sozial nach oben kämpfen konnten.

Was führte Euch dann nach vier Jahren nach Butzbach?

Ferdinand Reich: Das kam über eine Tante, die hier lebte. Meine Eltern haben dann in der Römerstraße gebaut und ich kam in die 5. Klasse der Stadtschule. Zwei Jahre später wechselte ich auf die Schrenzerschule, woran sich zwei Jahre Berufsfachschule anschlossen, wo ich dann den Zweig „Elektrotechnik “ eingeschlagen habe.

War das ein gezielter Berufswunsch oder eher Zufall? 

Ferdinand Reich: Eigentlich wollte ich ganz lange Kindergärtner werden. Ich mochte es schon immer, unter Leuten zu sein, mit Menschen in Kontakt zu stehen. Mein Vater wies mich aber ziemlich eindringlich darauf hin, dass damit nicht viel zu verdienen sei. Durch meinen damaligen besten Kumpel, Dorian Guber, kam ich dann aber in den Bereich Elektrotechnik, was mich durchaus faszinierte, denn gebastelt oder herumgewerkelt habe ich immer gerne. Nach dem Realschulabschluss absolvierte ich bei Rudi Seipp eine Lehre, etwas später wechselte ich dann zum Elek-troinstallateur Manfred Imbescheid nach Hoch-Weisel. Das waren wunderbare acht Jahre, in denen ich viel gelernt habe und mich toll entfalten konnte. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar.

Wo hat man Dich als jungen Mann in Butzbach jenseits der Arbeit angetroffen?

Ferdinand Reich: Beim Sport. Mit 14 bin ich gemeinsam mit meinem Bruder in den Gambacher Radfahrverein. Wir beide haben unter unserem ersten Trainer, Ewald Schmidt, dort die Rennradabteilung gebildet. Ich bin dort B- und A-Jugendrennen gefahren, mein Bruder sogar noch darüber hinaus. Jenseits davon haben wir in unserer Freizeit aber auch immer Fußball gekickt und – nicht zu vergessen – ich war Ministrant in der Sankt Gottfriedgemeinde und habe tolle Erinnerungen an Fahrten mit Pfarrer Ruhl nach Frankreich oder an die Ministranten-Zeltlager.

Wie kam es dazu, dass Du Dich irgendwann selbstständig gemacht hast? War das von langer Hand geplant oder eher spontan?

Ferdinand Reich: Ich hatte schon immer vor, irgendwann beruflich was Eigenes zu machen, meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Nach meiner Meisterprüfung 1992 war es dann Zeit, das Nest zu verlassen und ins kalte Wasser der Selbstständigkeit zu springen. Parallel haben meine Frau und ich gebaut und im selben Jahr kam noch unsere Tochter Isabel zur Welt, zwei Jahre später unser Sohn Benedikt, insofern war das natürlich eine bewegte Zeit. Enorm wichtig war es für mich dabei, eine starke Partnerin an meiner Seite zu wissen, die voll hinter mir steht, mehr noch, die mir als Betriebswirtin im Bereich Buchhaltung und Rechnungswesen wunderbar den Rücken freigehalten hat. Wir waren wirklich ein tolles Team – beziehungsweise sind es immer noch – und das, obwohl wir privat mittlerweile getrennt sind.

Wir war das als „Frischling“ mit seiner eigenen kleinen Firma in Butzbach gegen die Konkurrenz anzutreten? 

Ferdinand Reich: Es war mir bewusst, dass es nicht einfach werden würde, gegen die alteingesessenen Firmen, die „Platzhirsche“, zu bestehen. Ich glaube, da hat schon der eine oder andere geschmunzelt und geunkt, wie lange ich wohl „überleben“ würde. Zu allen pflege ich aber bis heute ein gutes Verhältnis. Wir gehen respektvoll miteinander um, was ich sehr schätze.

Dein Berufsbild hat sich in den letzten 20 Jahren massiv verändert. Hättest Du vor einigen Jahren diese technischen Fortschritte für möglich gehaltenen?

Ferdinand Reich: Ich war immer jemand, der an allen Weiterentwicklungen brennend interessiert war. Ich war dazu ganz viel auf Messen unterwegs, wo mir nach und nach klar wurde, was alles mal möglich sein würde. Ich habe mich dann auf Schulungen dementsprechend fortgebildet, um diese Neuerungen meinen Kunden verständlich zu erklären. Wer da nicht am Ball beziehungsweise auf dem aktuellen Stand bleibt, kann einpacken. So versuche ich auch, meine Mitarbeiter immer wieder auf Fortbildungen zu schicken, denn ich glaube, wir stehen erst am Anfang einer rasanten technischen Weiterentwicklung.

Bist Du jemand, der diese vielfältigen elektronischen Neuerungen auch bei sich zu Hause verbaut hat? 

Ferdinand Reich: Also, ich ticke schon so, dass ich meinen Kunden (soweit es geht) nichts verkaufen möchte, das ich nicht selbst getestet oder verbaut habe. Aktuell dreht sich zum Beispiel ganz viel um das Thema „Netzwerktechnik“ und Sicherheit, z.B. Videoüberwachung. Dazu gibt es jede Menge nette app-gesteuerte Features, die das Leben in den eigenen vier Wänden erleichtern, aber natürlich auch Spaß machen können. Stichwort Hausleitsystem, also die App-Steuerung von Heizung, Rollläden, aber auch das komplette individuelle Lichtsystem eines Hauses, inklusive einer Anwesenheitssimulation. Gerade im Bereich der Sicherheitstechnik, aber auch der Sprachsteuerung wird sich in den nächsten Jahren noch ganz viel tun.

Bleibt bei so viel Arbeit noch Zeit für Hobbys? 

Ferdinand Reich: Natürlich immer zu wenig. Irgendwann hat bei mir das Laufen das Radfahren abgelöst und ich wurde Gründungsmitglied des Butzbacher Lauftreffs. Heute aber ist das Singen mein großes Hobby, das mir wahnsinnig viel Freude bereitet.

Du bist bei den „Wetterauer Schürzenträgern“, einer siebenköpfigen Butzbacher Gesangstruppe, die nicht nur auf diversen Fastnachtssitzungen in und um Butzbach seit Jahren für beste Stimmung sorgt …

Ferdinand Reich: Stimmt, mittlerweile werden wir auch für Geburtstage und andere Feiern gebucht. Kopf der Gruppe ist Paul Sonntag, unter dessen Anleitung wir immer ab August für die kommende Kampagne neue Stücke aussuchen und einstudieren. Dazu fahren wir traditionell einmal auch in ein geselliges „Trainingslager“ nach Köln. Mindestens genauso wichtig wie das unbeschwerte Singen dort ist mir die wunderbare Gemeinschaft und der Zusammenhalt in dieser Gruppe. Natürlich aber auch unsere Auftritte u.a. bei den Sitzungen in Pohl-Göns, der Sankt-Gottfriedgemeinde oder in Maibach. Am Ende jeder Kampagne ist es Tradition, gemeinsam nach Köln zum Umzug zu fahren, was für uns alle immer ein Jahreshighlight ist.

Die zurückliegende Kampagne schien für Dich im November noch völlig undenkbar, als Du eine bittere Diagnose hinnehmen und Dich einer schweren Krankheit stellen musstest. Ich möchte dies hier nicht über die Maßen ausdehnen, aber Du hast mir signalisiert, dass wir auch darüber kurz reden können. 

Ferdinand Reich: Ja, können wir, was auch daran liegt, dass ich grundsätzlich versuche, offen damit umzugehen. Auch, weil ich merke, dass es nicht nur mir, sondern auch meinem Umfeld hilft. Im November kam ich zunächst mit Verdacht auf Schlaganfall ins Krankenhaus, was sich dann aber als bösartiger Gehirntumor entpuppte, der sofort operiert werden musste. Man schickte mich dann doch nochmal für eine Woche nach Hause, weil ich zu viel Blutverdünner intus hatte. Nach dem ersten Schock, dem ersten Durchhänger habe ich diese Tage dann genutzt, um einige Dinge zu regeln, privat wie geschäftlich. Nach der Tumorentfernung folgte dann die volle Dosis Chemotherarpie und Bestrahlung, die ich erstaunlich gut vertragen habe. Natürlich ist eine solche Diagnose ein Schock, aber, weißt Du, in den Tagen in der Gießener Onkologie habe ich so viele Menschen hier aus der Region getroffen und gesprochen, die alle ihren persönlichen Kampf gegen den Krebs führen, so dass es für mich – so komisch es klingt – gut war, zu spüren, dass ich damit nicht allein bin. Verbunden mit der Erkenntnis, dass es mir, im Vergleich zu vielen anderen dort, wirklich gut geht. Zumal ich eine tolle Familie und tolle Freunde habe, die mir zur Seite stehen und bei denen ich mich nur bedanken kann.

Wie hat sich Dein Leben nach der OP nun verändert?

Ferdinand Reich: Natürlich raten Dir alle: mach jetzt langsam, zieh Dich zurück, schone dich, sieh zu, dass Du Dir keine Infektion oder ähnliches einfängst. Nach ein paar Tagen Trübsinn zu Hause war mir aber schnell klar, mein Leben – so wie es geht – weiterzuleben wie bisher, mal abgesehen von der Krankschreibung. Es hilft mir, lenkt ab und lässt mich im Leben nicht außen vor. So habe ich auch irgendwann bei den Jungs der Gesangs-truppe angerufen und gesagt, dass ich gerne wieder zu den Proben kommen und auch die Saison mitbestreiten möchte. Das hat super geklappt und riesig Spaß gemacht, auch die Fahrt am Rosenmontag war wieder ein tolles Erlebnis. Weißt Du, ich war nie jemand, der schnell aufgegeben hat, und bin ein durchweg positiv denkender Mensch. Das hat sich durch diesen Tumor nicht geändert, mehr noch, es hilft mir enorm dabei, damit umzugehen. Im Moment geht es mir gut und dafür bin ich dankbar. Ich mache alles medizinisch Notwendige, grüble aber nicht groß nach, was kommen wird. Für mich gilt das, was für alle gilt: Es steht nicht in unserer Macht, was kommt. Andere in meinem Alter fallen ohne Vorwarnungen tot um, ohne die Gelegenheit zu haben, sich zu verabschieden oder Danke zu sagen.

Bitte vervollständige folgende Sätze: Wenn ich einen größeren Geldbetrag in die Stadt Butzbach investieren dürfte, dann würde ich …

Ferdinand Reich: … große Senioren-WGs bauen lassen. Ich denke da an große Immobilien, in denen jeder seine 60, 70 Quadratmeter Wohnfläche hat und dort mit vielen anderen zusammenlebt. Jeder könnte sich in dieser Gemeinschaft mit seinen individuellen Stärken einbringen und dabei nicht nur Gesellschaft, sondern auch eine sinnvolle Beschäftigung finden. Der eine ist noch fit für die Gartenpflege, die andere bietet Seniorensportkurse an, ein Dritter kann womöglich in der Buchhaltung aktiv sein, während eine Gruppe anderer ein kleines Café in diesem Komplex betreibt.

Für diese Reihe empfehle ich …

Ferdinand Reich: … meinen Gesangskollegen und Freund Paul Sonntag. Oder aber die Fotografin und mobile Katzenbetreuerin Inge Kohrmann.

Mein Lieblingsplatz in und um Butzbach ist …

Ferdinand Reich: … der Hausbergturm und der Marktplatz. An beiden Orten wird mir immer wieder klar, wie schön wir es doch hier haben.

In Butzbach fehlt es mir ein wenig an …

Ferdinand Reich: … dem Hype, dem Zusammenhalt, der Aufbruchsstimmung beziehungsweise der Zuversicht, gemeinsam einiges stemmen zu können wie während des Hessentages 2007 und in den Monaten danach. Leider hat sich dieser „Spirit“ größtenteils wieder verloren.

Mit meiner Firma sponsere ich hin und wieder Vereine, weil …

Ferdinand Reich: … ich mein Geld in Butzbach und durch Butzbacher verdiene und ich es für selbstverständlich halte, es auch größtenteils hier auszugeben. Nicht nur was das Einkaufen angeht, sondern eben auch, indem ich einige heimische Vereine oder Institutionen als Sponsor unterstütze.

Gute Laune macht mir …

Ferdinand Reich: … Lachen, Musik, meine Familie und meine Freunde.

Zu Abend essen würde ich gerne mal mit …

Ferdinand Reich: … Nobert Blüm. Oder aber mit BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken.

* * *

Sicher wegen der „kölsch“ gefärbten Musik, die Ferdinand Reich – auch jenseits des Karnevals – schätzt. Vielleicht aber auch deswegen, weil Wolfgang Niedecken 2011 selbst eine schwere Krankheit überwinden musste und sich heute wieder bester Gesundheit erfreut. Genau dies und nichts weniger wünsche ich meinem heutigen Portraitgast und danke ihm für ein beeindruckendes, mitunter auch bewegendes Gespräch. Martin Guth

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