Abschied vom „Meister der Zahlen“

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Abschied vom „Meister der Zahlen“

Horst Röhrig sitzt auch in seinem neuen Haus in Niederkleen täglich am Schreibtisch. Foto: Weißenburg

Der Langgönser Bürgermeister Horst Röhrig geht zum 31. Mai in den Ruhestand Niederkleen war 24 Jahre im Amt

Von Ernst Walter Weißenborn

LANGGÖNS. Moment mal, der Mann hat doch Urlaub! In seinem Neubau in Niederkleen dauert es ein wenig, bis das offensichtlich wird. Beim Stück Erdbeerkuchen spricht Bürgermeister Horst Röhrig über die Zukunft des Langgönser Bahnhofsgebäudes und warum die Idee, dort ein Sonnenmuseum einzurichten, nicht zu ausgefallen erscheint. Die erste Frage an den nur noch drei Tage im Amt weilenden Gemeindeoberen lautet daher: ,,Sie haben doch frei, woher wissen Sie, dass das im Bauausschuss besprochen wurde? 

„Der Mann, der in Langgöns seit 24 Jahren Ideengeber und damit auch der derzeit dienstälteste Bürgermeister im Kreis ist, lacht: ,,Ich habe als

Zuschauer hinten gesessen.“ Vorne beantwortete bereits sein Nachfolger Marius Reusch, der ab 1. Juni übernimmt, die Fragen. „Bis zum Bahnhof in Langgöns sind es gerade einmal acht Minuten aus Gießen und auch vom Rhein-Main-Gebiet aus ist unser Kernort gut zu erreichen. Wie es da in ein paar Jahren aussehen wird, das ist ein spannendes Thema.“

Langgöns, einmal erlebt, lässt einennicht los, das sieht man an Röhrig. Der 65-Jährige, der nicht mehr zur Wiederwahl antrat, ist seiner Heimat als Bub aus dem Langgönser Ortsteil Niederkleen verhaftet. Dort will er sein Altenteil verbringen. Hier hat der Verwaltungschef mitten im Ort aktuell ein Haus gebaut und im Wohnzimmer, wo der Kuchen gereicht wird, seinen neuen Schreibtisch aufgestellt. Eine Fläche vor dem Haus ist bereits eingesät sowie mit einem Baum bepflanzt und ab Samstag hat Röhrig richtig Zeit, die kleine Gartenfläche im Hof zu bestellen.

Am Rande der historischen Bebauung von Niederkleen bildet sein Haus die Moderne ab, erhält aber in den nächsten Tagen noch ein nachempfundenes Hüttenberger Hoftor, berichtet Röhrig. Der Mix symbolisiert die langsame Veränderung in den Ortskernen und der Gemeinde.

Gleich gegenüber hatte der scheidende Langgönser Bürgermeister bis Frühherbst 2018 in seinem Elternhaus gewohnt.

Wer den „Mann der Zahlen“ kennt, weiß, dass der Junggeselle eine besondere Liebe pflegt, die zu Langgöns. Das beweist allein der Umstand, dass er drei Tage vor der Pensionierung engagiert über das Bahnhofsprojekt im Kernort LangGöns spricht.

Horst Röhrig kennt viele Langgönser Geschichten, weiß vom Auf und Ab der Menschen. Netzwerken und Sparsamkeit sind seine Stärken. All das, was er in fast einem Vierteljahrhundert mit anderen zusammen umsetzte, hat er fein säuberlich notiert . Die vierseitige stichpunktartige Liste umfasst allein 18 Bauprojekte. Dass im Kreis Gießen einzigartige Industriegebiet Magna-Park Rhein-Main und die Ansiedlung des Postverteilzentrums sind Coups, die Röhrig mit einfädelte. 

Loslassen ist da schwierig. Davon zeugt, dass der scheidende Bürgermeister den angefallenen Resturlaub, gleich zwei Monate, ganz zum Schluss nimmt. 

Viel geräumt hat Röhrig für den Auszug aus dem Amtszimmer sowie alte Bilder durchforstet. Mitgenommen hat er ein persönliches Geschenk, einen Kalender mit Sondermarken zur Briefzentrumseröffnung 1996 in Lang-Göns. Damals wurde ihm erstmals bewusst, dass Langgöns zentral liegt, mitten in Deutschland, doch er wollte nicht übertreiben, und machte daraus den Werbeslogan „Langgöns mitten in Hessen“. Mit den Anfängen der Unternehmensansiedlung auf dem Gelände vor der ehemaligen US Ayers-Kaseme, dem heutigen Magna Park Rhein-Main, und dem Engagement des Niederkleener Speditionsuntemehmers Wolfgang Bork wurde das noch deutlicher: ,,Langgöns liegt mitten in Europa“. 

Über den Tellerrand muss man schauen, das hörte man von Röhrig in seiner Amtszeit immer wieder. Langgöns, als südlicher Zipfel des Landkreises, hat gleich zwei Nachbarn. Hier kann man vom Wetteraukreis und auch dem Lahn-Dill-Kreis profitieren. ,,Wenn man nur im eigenen Saft brät, funktioniert das nicht“, fasst Röhrig sein Erfolgsrezept in Worte. 

Als Bürgermeister muss man neugierig sein. Nicht von ungefähr hat er viermal die Direktwahl gewonnen. 

Was will Röhrig nach dem 31. Mai machen? Zurück in die Politik vor Ort, das ist nichts für ihn. Ein Mitwirken bei der Alters- und Ehrenabteilung der Feuerwehr im Heimatort schwebt ihm noch vor. Ein Wermutstropfen ist für den Nie-derkleener, dass er das neue Feuerwehr-. haus in seinem Geburtsort nicht mehr als Bürgermeister einweihen kann. Nur knapp wird er das Ende des Projekts verpassen, das im Sommer Marius Reusch offiziell seiner Bestimmung übergeben wird. 

Schon jetzt geht der 65-Jährige zwei-mal die Woche ins Fitnessstudio. Als er im Oktober 2004 einen Hinterwandinfarkt hatte, war ihm das dringend ans Herz gelegt worden. Sein Beruf ist mit Stress verbunden, aber den täglichen „Pep“ mochte er nicht missen. ,,Solange man sich noch als Bürgermeister über et-was ärgern kann und etwas dagegen tut, ist man noch nicht zu lange im Amt.“ Wichtig sei es, sich als Gemeindeoberhaupt für Projekte zu begeistern und be-reit zu sein, viel dazu zu lernen. 

Ein Höchstmaß an Flexibilität sei gefragt, wenn die Pläne vom Morgen bereits am Nachmittag über den Haufen geworfen werden müssten. 

Der Sozialdemokrat schnupperte wie viele andere der Bürgermeisterzunft bereits vorab Politikluft. Er erinnert sich genau, wie er im Gemeindevorstand das erste Mal von seinem Vorvorgänger, dem SPD-Urgestein Heinz Ulm, 1981 beauftragt wurde, eine Rede beim Volkstrauertag zu halten. Ulm schickte ihn mit den Worten „Geh nach Cleeberg, da kennen dich net so viel Leut” in das Taunusdörfchen. 

Der Kontakt mit den Bürgern im Hinblick aufs Ganze war ihm stets wichtig. Röhrig hörte zu, das ist die ureigenste Aufgabe eines Bürgermeisters und suchte das Beste für die Gemeinde. Daher hat er auch im neuen Kindergarten in Niederkleen 1997 eine Großküche einbauen lassen, aus der die kleineren Kindertagesstätten Cleeberg, Dornholzhausen und Oberkleen täglich mitversorgt werden. Das trägt zu gleichwertigen Lebensverhältnissen bei. Dennoch findet er: ,,Jedes Dorf hat etwas Eigenes, es muss nicht immer und überall gleich zugehen.“ 

Die Übersicht zu bewahren und das Kirchturmdenken einzukalkulieren, das ist ein hartes Brot. Was hat er nicht hinbekommen? In Lang-Göns noch ein neues Wohngebiet aufzulegen, schießt es aus ihm heraus. Nach dem Fasanenweg ab 1998 war Schluss im Kernort. Den Bereich „Schellmerg‘‘, mit zwei Privatflächen und einem großen Acker der Gemeinde oberhalb der Kindertagesstätte ,,Kinderhaus Fasanenweg“, hätte er gerne zum Baugebiet gewandelt, das sei politisch leider bisher nicht durchsetzbar gewesen. 

Nicht immer hat Horst Röhrig den richtigen Ton getroffen. Vor Jahren wurde hinter verschlossenen Türen heftig um die Etikette gekämpft. Einmal wollte die Mehrheit des Parlaments sogar gegen ihn klagen, doch man fand sich wieder. Findig zu verhandeln, wusste der Betriebswirt immer. ,,Verhandlungen sind ein Wettstreit. Im Gefecht der Argumente muss man aber auch als ausgleichender Makler auftreten. Vertrauen und Verlässlichkeit in der Abwicklung sind alle Beteiligten notwendig. Eine Schieflage ist zu erkennen und auszugleichen, denn man sieht sich immer zweimal.“ 

Wie sieht es in 26 Jahren in Langgöns aus? Dann ist der Niederkleener 81 und mit dieser Zahl verbindet er auch etwas. Röhrig wünscht sich, eine lebendige prosperierende Gemeinde und in jedem Fall kein Outlet, scherzt er. Und wie darf man sich die Politik vor Ort in 26 Jahren vorstellen? ,,Die muss jünger werden, und es muss sich die Bevölkerungszusammensetzung wieder im Parlament widerspiegeln.“ ,,Es kommt sonst zur Unwucht“, glaubt Röhrig. Früher habe man noch auf den Proporz in der Gemeindevertretung geachtet, angefangen bei den Vereinen. Es dürfe nicht nur ,,Anschlägmächer‘‘ geben. Eigeninitiative müsse sich wieder mehr unter den Bürgern entwickeln. ,,Dass der Bauhof immer gerufen wird, um den kleinsten Dreck wegzumachen. Das geht nicht.“ 

Und einen persönlichen Wunsch, hat den der angehende Pensionär? Große Reisen vielleicht? Nicht wirklich: ,,2034 wird die Niederkleener Feuerwehr 100 Jahre alt. Dann bin ich 81 Jahre alt. Wenn ich dann noch ohne Rollator über den Festplatz laufen kann, das wäre was.“ 

Er lacht dabei und jeder gönnt ihm diesen schmalen Wunsch von Herzen.

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