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AfD-Sprecherin verharmlost Corona und löst Empörung im Kreistag aus

Grüne werfen „billigen Coronapopulismus“ vor / Mobile Impfteams könnten nach Weihnachten starten

WETTERAUKREIS (ka). „Etwas bizarr ist das schon“, räumte die SPD-Kreistagsabgeordnete Christine Jäger ein. Ausgerechnet am ersten Tag verschärfter Kontaktbeschränkungen tagte gestern der Kreistag. Das musste wohl sein, denn es ging unter anderem um die Erlaubnis, nächstes Jahr 63 Millionen Euro in diverse Wetterauer Projekte zu investieren. Damit die Sitzung nicht zum Superspreader-Event wurde, traf man sich in der großen Bürgerhaus-Halle. Nicht alle 81 Abgeordneten, sondern nur die Hälfte machte sich aus allen Ecken der Wetterau auf den Weg nach Nidda. 

Das Coronavirus steckte in vielen der 18 Tagesordnungs-Themen. Zu dieser Krankheit zeigten sich gegensätzliche Einschätzungen. Zur Empörung der großen Mehrheit führte die Rede der Friedberger AfD-Abgeordneten Cornelia Marel. Sie behauptete, die Wirtschaft werde „bewusst mit Volldampf an die Wand gefahren“. Und sprach vom „angeblichen Killervirus“, also einer nur vorgespiegelten Gefahr. Die bisherigen Corona-Toten seien im Durchschnitt 82 Jahre alt, so Marel. Das entspreche dem Durchschnittsalter deutscher Männer. Sei also nichts besonderes.  

Um diese These zu unterfüttern, forderte die AfD-Fraktion, zusätzliche Informationen in das tägliche Corona-Bulletin des Friedberger Gesundheitsamtes aufzunehmen. Da müssten unter anderem das Alter der aktuell Erkrankten und deren Vorerkrankungen aufgeführt werden. Außerdem sei anzugeben, ob die Verstorbenen dem Virus oder ihren Vorerkrankungen zum Opfer gefallen seien. Nachforschungen also, für die das Klinikpersonal und die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes aktuell keinerlei Zeit haben.

Als Marels genehmigte Redezeit erreicht war, hatte sich die AfD-Abgeordnete gerade erst in Rage gesprochen. Der Kreistagsvorsitzende Armin Häuser (CDU) bat Marel, zum Ende zu kommen.  Doch die Friedbergerin schimpfte weiter auf die Maskenpflicht in den Schulen, die Kindern gesundheitlich schade, weil sie ihre ausgeatmete Luft nochmal in die Lungen bekämen. Da platzte Häuser der Kragen. Er entzog Marel das Wort. Und Politiker der anderen Fraktionen schüttelten die Köpfe. „Solche Verschwörungserzählungen sollten wir uns nicht gefallen lassen“, meinte der Grüne Michael Rückl. Als „billigen Coronapopulismus“ bezeichnete der CDU-Fraktionsvorsitzende Sebastian Wysocki die Thesen von Marel. „Da fehlt völlig die menschliche Wärme. Ihr Antrag ist echt zum Heulen!“

Einige der sechs AfD-Abgeordneten veranlasste der Ordnungsruf des Kreistagsvorsitzenden, aus Protest in einem anderen Antrag mit der NPD zu stimmen. Deren Vertreter Daniel Lachmann und Stefan Jagsch forderten die Abwahl Häusers vom Kreistagsvorsitz. Denn er führe die Sitzungen ungerecht und parteiisch. Es sei eine „bodenlose Frechheit“, so Jagsch, dass Häuser die NPD-Vertreter zum Maskentragen aufgefordert habe. Dabei seien sie doch beide mit ärztlichem Attest vom Mundschutz befreit. Doch die große Mehrheit des Kreistages sprach Häuser ihr Vertrauen aus.

Diese Geplänkel raubten dem Kreistag Zeit, sich mit dem wahren Ernst der Lage zu befassen. Das Virus beschert uns allen „die schwerste Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges“, sagte Wysocki. Auch nach Corona werde der Alltag anders bleiben als bis zum vorigen März. Und die Steuerausfälle durch die eingebrochene Wirtschaft würden der Wetterau spätestens ab 2022 noch sehr zu schaffen machen. Im laufenden Jahr habe der Kreis schon zehn Millionen Euro in die Corona-Bekämpfung investieren müssen, heißt es im Bericht des Finanzdezernenten Matthias Walther (CDU).

Die komplette Kreisverwaltung ist laut Landrat Jan Weckler (CDU) momentan „komplett in der Pandemiebekämpfung“ aktiv. Neben der Kontakt-Nachverfolgung der vielen Neu-Infizierten und dem Betrieb des Reichelsheimer Testzentrums arbeite der Kreis mit Hochdruck am Hochfahren des Büdinger Impfzentrums. Mehr als 600 Helfer haben sich laut Weckler zum Dienst gemeldet, allerdings könne gerade das medizinische Personal oft nur mit bestimmten Zeitfenstern im ehemaligen Obi-Markt aktiv werden, weil man ja seinen regulären Job auch noch ausfüllen müsse. Weckler hofft, dass ab 28. Dezember die ersten Wetterauer in Büdingen geimpft werden. Wenn sich das verzögere, könnten wenigstens die ambulanten Impfteams mit ihrer Arbeit loslegen. Laut Amtsarzt Reinhold Merbs können zunächst drei mobile Impftrupps gebildet werden.

Die Epidemie sei sehr dynamisch und auch dramatisch, sagte der Landrat. Das Gesundheitssystem arbeite am Limit. Und es sei zu hoffen, dass auch in nächster Zeit „wirklich ein Krankenwagen kommt, wenn Sie die 112 wählen“.

Die Ladenschließungen und die von ihm selbst verkündete Ausgangssperre zwischen 21 und 5 Uhr empfindet Weckler ebenfalls als „wirklich einschneidende Maßnahmen, die die Grundrechte einschränken.“ Es gebe keine Alternative. Der nächtliche Hausarrest wird in der Wetterau erst dann aufgehoben, wenn die Inzidenz fünf Tage in Folge unter 200 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen liegt. Gestern lag die Inzidenz bei 234.

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