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Aktion „Gemeinsam gegen Corona“

BAD NAUHEIM. „Gemeinsam gegen Corona“ war das Motto einer Veranstaltung, zu der das Evangelische Dekanat Wetterau an die Dankeskirche Bad Nauheim eingeladen hatte. Fotos: Ulrich Schröder 

Auch Kita-Leiterin aus Butzbach-Ostheim kam als Betroffene zu Wort

BAD NAUHEIM (pm). Wie lebt es sich mit Long-Covid? Was bedeutet eine Ansteckung mit dem Coronavirus für Menschen mit schwachem Immunsystem? Und wie sieht der Corona-Alltag im Kindergarten aus? Antworten auf diese Fragen gab es am Sonntagnachmittag an der Dankeskirche in Bad Nauheim. Unter dem Motto „Sorgen wahrnehmen. Sich und andere schützen. Hoffnung verbreiten. Gemeinsam gegen Corona!“ waren rund 150 Teilnehmer der Einladung des Evangelischen Dekanats Wetterau in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Nauheim gefolgt und hörten den Betroffenen zu. 

Dabei kamen Betroffene zu Wort u.a. die Leiterin der Kita im Butzbacher Stadtteil Ostheim, Elke Holtzem.
Foto: Ulrich Schröder

„Der öffentliche Raum vor den Kirchen wird seit einigen Wochen von Menschen in Anspruch genommen, die lautstark Angst, Wut, Hass und Demokratiefeindlichkeit verbreiten“, begründete Wolfgang Dittrich, Referent für Gesellschaftliche Verantwortung im Dekanat, die Notwendigkeit der Veranstaltung. „Das ist Teil der Wirklichkeit. Ein anderer Teil sind Menschen, die an dem Virus erkrankt sind und an seinen Folgen leiden. Diesen Menschen wollen wir eine Öffentlichkeit bieten.“ 

Bürgermeister Klaus Kreß dankte in seinem Grußwort den Initiatoren der Veranstaltung und lobte, dass man denen ein Ohr gebe, die tagtäglich mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen haben.  

Wie Oliver Spies. Er leidet nach einer Infektion mit dem Coronavirus seit über einem Jahr an Long-Covid. Auf dem Podium erzählte er vom zunächst milden Verlauf seiner Erkrankung. Etwa vier Wochen später ereilten ihn jedoch Kopf- und Gliederschmerzen, ihm fehlten Konzentration und Orientierung. „Alles war zu laut und zu hell“, sagt der Long-Covid-Patient. „Ameisen krabbeln in meinem Kopf und mein Gehirn ist manchmal wie ein Stein und manchmal wie Gelee.“ Gemeinsam mit seiner Frau hat er eine Long-Covid-Selbsthilfegruppe gegründet.  

Inzwischen nimmt Spies an einer Studie teil. Die Diagnose: Sein Immunsystem ist gestört und löst eine Art Hirnhautentzündung aus. „Dagegen gibt es keine Medikamente, ich muss vorerst damit leben. Wie lange, weiß ich nicht“, sagt Spies, der fordert, dass die Politik Gelder dafür bereitstellt, an Therapiemöglichkeiten zu forschen. „Ich wünsche mir, normal und beschwerdefrei leben und an meine Arbeitsstelle zurückkehren zu können“, sagte er abschließend. Und: „Corona existiert wie die Luft, die wir atmen.“

Das weiß auch Dr. Andreas Ay. Ihm wurde 2015 nach einem Herzinfarkt in der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim ein neues Herz transplantiert. „Nach meinem Herzinfarkt lag ich im Koma und war an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen“, erzählte der Kunstexperte. „Glauben Sie mir, an eine Beatmungsmaschine angeschlossen zu sein ist kein Spaß. Auch nicht für die Angehörigen, die vor dem Krankenbett stehen“, gab er zu bedenken. Der Gießener hat wenig eigene Immunabwehr und muss sich vor jeglichen Infektionen schützen. Seit seiner Transplantation trägt er täglich Mundschutz. „Der Mundschutz schützt mich und das Gegenüber. Und das sehe ich als eine Christenpflicht an“, betonte Dr. Ay, der mit seinem Lebensgefährten Kay-Herrmann Hörster seit Ausbruch der Pandemie mehr oder weniger in Isolation lebt.  

Für seinen Lebensgefährten, der einkaufen und zur Arbeit gehen muss, bedeutet das eine große Verantwortung, wie er emotional schilderte. „Wir vergessen manchmal, dass hinter all den Begriffen und Statistiken, die wir in der Pandemie lesen, Menschen stehen. Wir müssen uns bewusst machen, dass in einer Woche so viele Menschen sterben, wie in einem Dorf in der Wetterau leben. Und wenn wir von vulnerablen Gruppen sprechen, dann ist das nicht nur der Herztransplantierte, der verletzlich ist, sondern dann sind es seine Familie, seine Freunde, die verletzbar sind. Dann sind wir es als Gemeinschaft. Ich wünsche mir, dass wir sensibler, stiller und demütiger werden im Umgang mit der Pandemie.“ Und zum Abschluss betonte Hörster: „Lassen Sie uns diese Zeit gemeinsam bewältigen und verlieren wir nicht die Hoffnung.“ 

Elke Holtzem sprach als Leiterin der Evangelischen Kita in Butzbach-Ostheim stellvertretend für ihre Kollegen in den Kindertagesstätten im Wetteraukreis, von denen 14 in Trägerschaft des Evangelischen Dekanats Wetterau sind. „Wir betreuen die Kinder derzeit wieder in geschlossenen Gruppen, sie dürfen sich also nicht frei bewegen und spielen, Aktionen und Gottesdienste sind nicht möglich, Öffnungszeiten müssen gekürzt werden“, erzählte sie. Positive Corona-Tests und Quarantäne machen vor Kindern und Mitarbeitenden nicht halt. Das Personal arbeite am Limit und immer mit der Angst vor einer Ansteckung. Der Großteil von ihnen habe sich entschieden, ohne Maske zu arbeiten, denn Mimik und Gestik seien für die Kinder essenziell. Als Kita-Leitung wünscht sie sich klare und nachvollziehbare Regeln, etwa für die Quarantäne, die man gut umsetzen und an die Eltern weitergeben kann. Und: „Wir dürfen in der Pandemie die Kinder nicht vergessen.“ Dekan Volkhard Guth dankte zum Abschluss allen, die gekommen waren: „Wegen dem, was wir hier heute Nachmittag gehört haben, tragen wir Masken, deswegen halten wir Abstand, deshalb treten wir als Kirche fürs Impfen ein.“ Er hob Corona als Herausforderung an und für die Demokratie hervor. „Wir alle merken, dass das was uns bisher ausgemacht und getragen hat, plötzlich nicht mehr trägt. Das kann einem Angst machen!“ Wichtig sei, den Diskurs zu suchen. „Ich wünsche mir, dass wir uns verständigen, wie wir leben wollen, welche Werte zählen für ein gutes Miteinander und was uns als Gesellschaft ausmacht. In diesen Diskurs können und müssen wir uns als Kirche einbringen.“

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