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Amerikaner rücken nach Butzbach vor

BUTZBACH. Am 27. Dezember 1944 wurde die Amtsgasse samt dortiger Stadtmauer weitgehend zerstört. Dieser Luftangriff galt aber eigentlich den Butzbacher Bahngleisen zwecks Eindämmung der Munitions- und Ölzüge für die Ardennenoffensive. Foto: Heil

BZ-Serie Teil 1: Bodo Heil erinnert an das Kriegsende vor 75 Jahren in Butzbach und der Wetterau

BUTZBACH. Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Der 29. März 1945 war für Butzbach und die meisten Orte der Wetterau der Tag der Befreiung von der NS-Gewaltherrschaft. In einer BZ-Serie blickt Bodo Heil darauf zurück. 

Am Vormittag des 28. März 1945 besetzten die Panzerkolonnen der 1. US-Armee (General Hodges), durch das Lahntal kommend, die Stadt Gießen. Am 7. März hatten die Amerikaner die einzige intakte Rheinbrücke bei Remagen erobert und schnell einen rechtsrheinischen Brückenkopf gebildet. Ebenfalls am 28. März besetzte die 6. US-Panzerdivision auch die Stadt Friedberg. Diese Panzerdivision gehörte zur 3. US-Armee (General Patton), die am 23. März bei Oppenheim den Rhein überquert hatte. 

Die nördliche Wetterau und mit ihr die „befestigte“ Garnisonsstadt Butzbach war zwar noch nicht besetzt, lag aber in der Zange zwischen den beiden US-Armeen. Lediglich der Weg nach Osten, in Richtung Vogelsberg, war noch frei. 

Wer in der Wetterau von den NS-Größen etwas von den Siegern zu befürchten hatte, floh nach Möglichkeit Richtung Vogelsberg. So auch der Butzbacher Ortsgruppenleiter (der später dreieinviertel Jahre interniert wurde, zuletzt im Camp 91 Darmstadt) am Abend des 27. März 1945 unter Berufung auf einen angeblichen Befehl des Gauleiters Sprenger. Die nördliche Wetterau war, wegen fehlender Flakabwehr im westlichen Taunusgebiet, ab Frühjahr 1944 bevorzugte Einflugsschneise der US-Bomberpulks mit ihren fliegenden Festungen, die kriegswichtige Ziele der mitteldeutschen Werke wie Leuna und Böhlen in Sachsen angriffen, wo in Hydrierwerken aus Braunkohle Benzin für die U-Boote, Panzer und Flugzeuge gewonnen wurde. 

Da hatte auch fast kein Butzbacher Angst, dass die Feinde ihre kostbare Bombenlast gerade über dem unbedeutenden Butzbach abladen würden, wie ich als Zeitzeuge (Jahrgang 1936) versichern kann. Am 12. Mai 1945 explodierte eine B-24H „Liberator“ über dem Gemeindewald Nieder-Weisel. Deren Trümmerteile lagen noch weit nach 1945 auf der Oes herum. Diese „Liberator“ war bereits im Raum Böhlen durch Flak beschädigt worden. Die 13 Besatzungsmitglieder dieser Führungsmaschine konnten aber alle über der Wetterau mit dem Fallschirm abspringen. 

Erst nach dem Krieg prägte Albert Speer den Satz, dass an diesem Tag (12. Mai 1945) durch den weitgehenden Ausfall der mitteldeutschen Hydrierwerke „der technische Krieg entschieden gewesen“ sei“. 

In der BZ vom 24. Juni 2006 findet sich ein detaillierter Zeitzeugenbericht über den Absturz einer weiteren B-14 „Liberator“ vom 11. September 1944 direkt über dem Taunusdorf Espa. Von den neun Männern an Bord können sich nur vier mit dem Fallschirm retten. Fünf werden auf dem Gemeindefriedhof beerdigt. Zwei Espaer Zeitzeugen berichteten damals der BZ, sie hätten den toten Piloten damals in der völlig versengten Kanzel sitzen sehen. Auch meine älteren Schulkameraden in der Stadtschule erzählten mir damals detailgetreu die Schauergeschichte. Am Totensonntag, dem 26. November 1944, wendete sich der Luftkrieg über der Wetterau zuungunsten der Deutschen. Zwei englische Lancaster-Fernbomber hatten ihre Bombelast wegen dichter Wolkendecke über dem vorgesehenen Vierschiebebahnhof Fulda nicht abwerfen können. Ein Bomber wurde seine tödliche Last von fünf Tonnen über dem Gelegenheitsziel, der Kleinstadt Hungen, los. Der letzte Lancaster-Fernbomber wollte eigentlich, bei guter Sicht, den Butzbacher Verschiebebahnhof treffen, klinkte aber zu früh aus und lud seine fünf Tonnen Explosivstoff mit verheerenden Folgen über der Weiseler Straße ab mit Zentrum heutiges Kaufhaus Müller. Sehr viele Butzbacher hatten trotz Bombenalarms, ihre Schutzräume nicht aufgesucht, weil ein Bomberpulk auf dem Rückflug damals noch als harmlos galt. Daher gab es 45 Tote. 

Am 27. Dezember 1944 wurden erneut die Butzbacher Bahnanlagen verfehlt und stattdessen das Gebiet Amtsgasse/Bismarckstraße bombardiert. Sieben Personen starben. 

Am 22. Februar 1945 ging im Zuge der Operation „Clarion“ zwischen Nussallee und Bollwerk ein Bombenteppich nieder, der aber nur Gartenland traf. Die leichten Bomber B26 Marauder gingen anschließend, wohl aus Frust über diesen Fehlwurf, in den Tiefflug über und schossen wahllos um sich, wobei der Bahn-Verladearbeiter Paul Huhnstock aus Griedel erschossen wurde. Eine dieser Maschinen wurde bei Ober-Mörlen abgeschossen und die acht Mann Besatzung auf dem Ober-Mörler Friedhof bestattet. Bodo Heil

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