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Anklage spricht von Körperverletzung

Prozess gegen 53-jährige Krankenschwester um Vergiftungen in Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim fortgesetzt

BAD NAUHEIM/GIESSEN (jwn). Im Prozess gegen eine 53-jährige Krankenschwester der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik wegen versuchten Mordes durch Beimischung von verschreibungspflichtigen Medikamenten scheint eine Verurteilung der Angeklagten wegen eines vorsätzlichen Tötungsdeliktes nach dem fünften Verhandlungstag immer unwahrscheinlicher. 

Vor der Gießener Schwurgerichtskammer wirft die Anklage der Frau versuchten Mord durch das Beimischen von starken Beruhigungsmitteln in selbst gebackenen Keksen oder in Kaffee vor, den sie in der Nacht zum 30. September 2017 in die Teeküche der Station H 2 in der Kerckhoff-Klinik gestellt haben soll und zwar zur freien Bedienung für ihre Kolleginnen. Ein Arzt und zwei Krankenschwestern sowie eine Putzkraft litten nach dem Genuss unter Vergiftungserscheinungen. 

Obwohl in der Wohnung der Angeklagten Verpackungen der Beruhigungsmittel Oxazepam und Zolpidem gefunden wurden und auch an dem Mixer der Angeklagten Spuren der beiden Arzneimittel von der Polizei nachgewiesen wurden, blieb die Anklagte auch an dem fünften Verhandlungstag bei ihrer Aussage, dass sie nichts damit zu tun habe. Zwar habe sie die selbstgebackenen Kekse mit auf die Station gebracht, aber die seien nicht vergiftet gewesen. Schließlich hätten auch andere davon gegessen und zwar ohne anschließende Vergiftungserscheinen. 

Während die Aussagen einer Krankenschwester und einer Kriminalbeamtin, die den Weg der Kaffeetassen und der Keksdose von der Krankenhausstation zur Polizeiwache und anschließend zur kriminaltechnischen Untersuchung aufzeichneten, aber dem Gericht keine neuen Erkenntnisse brachten, ließ die Aussage einer weiteren Krankenschwester zu einem Vorfall vor etwa fünf Jahren die Prozessbeteiligten aufhorchen. Sie hatte zu der Zeit auf der Station H 3 in der Kerckhoff-Klinik gearbeitet. An einem Tag sei die Pflegedienstleiterin an den Stützpunktschreibtisch der Station getreten und hatte sich über die herumstehenden Tassen auf dem Arbeitstisch aufgeregt. Aus Wut habe sie aus dem Arzneischrank eine Ampulle Lasix (beseitigt Wassereinlagerungen im Körper) genommen und den Inhalt in eine der herumstehenden Tassen gekippt.

„Meiner Ansicht nach wollte sie einen Denkzettel erteilen, denn aus den Tassen hätte weiter getrunken werden können. Sie standen dort nicht zum Spülen“, erinnerte sich eine Krankenschwester. Sie habe den Zwischenfall sofort dem Stationsarzt gemeldet, der vor dem Vorfall an dem Platz gesessen habe und auch danach. Er habe sich zwar darüber aufgeregt, aber es offensichtlich nicht weitergemeldet. Sie hingegen habe den Vorfall an die Klinikleitung weiter gemeldet, aber ebenfalls ohne jegliche Konsequenzen für die Pflegedienstleiterin. Die war in einer der Verhandlungen zuvor vom Gericht daraufhin angesprochen worden, konnte sich aber angeblich an nichts mehr erinnern. Allerdings habe sie nach der Vernehmung durch das Gericht sofort den Arzt und die betreffende Krankenschwester angerufen und sie gebeten, dass sie sich an den Vorfall vor Gericht doch bitte nicht mehr erinnern sollten. 

Für sie wird dieser Vorfall nun voraussichtlich doch noch Konsequenzen haben, denn die Staatsanwaltschaft wird nun zumindest wegen uneidlicher Falschaussage vor Gericht, möglicherweise auch wegen gefährlicher Körperverletzung gegen sie Ermittlungen aufnehmen. 

Konsequenzen hat diese Aussage möglicherweise auch für die Angeklagte. Da ihr bisher Mordabsichten nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnten und auch kein für eine Mordanklage unabdingbares Tatmotiv ersichtlich ist, darüber hinaus zudem noch eine zweite Person aufgetaucht ist, die schon einmal nachweislich Medikamente in Trinkgefäße geschüttet hat, erweiterte Staatsanwalt Friedemann Vorländer vorsichtshalber die Anklage um die Punkte fahrlässige Körperverletzung und Inverkehrbringen von Betäubungsmitteln. 

Der Prozess wird am 13. Mai um 9.00 Uhr mit den Plädoyers und dem Urteil fortgesetzt.  

  

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