Auf Aussöhnung gesetzt, nicht auf Rache

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Auf Aussöhnung gesetzt, nicht auf Rache

FESTREDE – Stefan Hörtler von Sudetendeutscher Landsmannschaft auf Patenschafts-Festabend in Butzbach

BUTZBACH (mr). Stefan Hörtler, stellvertretender Bundesvorsitzender der Sudentendeutschen Landesmannschaft, der auch Direktor der sudetendeutschen Bildungsstätte Heiligenhof in Bad Kissingen ist, war Festredner beim Patenschaftsjubiläum Butzbach-Tepl am Samstag in der Alten Turnhalle Butzbach. Er betonte, dass die Forderung nach „Nie mehr Vertreibung“ auch im Jahr 2019 nicht erfüllt würde: Allein in diesem Jahr seien 62 Millionen Menschen von Vertreibung weltweit betroffen. Umso wichtiger sei es, immer wieder auch an die Geschichte zu erinnern. 

Bereits 1950 hätten die Sudetendeutschen trotz der grauenvollen Vertreibung auf Rache verzichtet und auf Aussöhnung gesetzt. Doch die Beneš-Dekrete hätten den Vertriebenen schwere Lasten aufgebürdet, und noch bis heute würden die Dekrete gelten, auch wenn deren Umsetzung nicht mehr erfolgten. Acht der 143 Dekrete seien dabei für die Sudetendeutschen besonders kritisch, bereits 1950 habe man aber die Hand gereicht zur Versöhnung und Verständigung. Als dann 1989 in einer sanften Revolution der Ostblock aufbrach, interessierten sich immer mehr, gerade junge Tschechen für die jüngste Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. 

Hörtler berichtete weiter, dass viele Veranstaltungen im Heiligenhof von Tschechen besucht würden, die eine Antwort auf die Vorkommnisse der Jahre 1945/46 suchten. Der Direktor des Heiligenhofs forderte die ältere Generation unter den Gästen auf, alles aufzuschreiben, was sie noch aus der Zeit im Sudetenland und während und nach ihrer Flucht wüssten, um dies auch für die Nachfolgegenerationen zu bewahren. 

Kritische Töne klangen in Hörtlers Vortrag durch, als er klar formulierte, dass noch nicht alles zwischen den Tschechen und Deutschen aufgearbeitet sei. In Anlehnung an die einstmals von einem deutschen Innenminister formulierten Forderung „Für mich wird die Sache erst rund, wenn ein sudetendeutscher Tag in Tschechien stattgefunden hat“, blicke er, Hörtler, zwar positiv nach vorne, aber derzeit zeigten die tschechischen Verantwortlichen nicht unbedingt „europäisches Format“. Sie nähmen keine Flüchtlinge auf, sie bauten nach wie vor auf Atomkraftwerke, schotteten sich im Energiesektor ab und verhielten sich ausgesprochen nationalistisch. Dies träfe aber nicht auf die jungen Tschechen zu, was auch durch die alljährlich stattfindenden „Märsche der Erinnerung“ mit einer großen Zahl von Teilnehmern aus Tschechien bewiesen wäre. 

Ein anderes Beispiel habe der tschechische Künstler Lukaš Hodek gezeigt: er habe Barbiepuppen in mortalen Situationen fotografiert, um den kritischen Umgang mit der jüngsten Geschichte zu dokumentieren, diese Bilder in Prag ausgestellt, und kein Bild sei verschmiert oder zerstört worden: „Die Tschechen nehmen auch ihre Verantwortung immer ernster“, meinte Hörtler in einer Zusammenfassung weiterer Beispiele. 

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