„Aufseherinnen waren am schlimmsten“

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„Aufseherinnen waren am schlimmsten“

BUTZBACH. „Ich kann nicht verstehen, wie die Aufseherinnen und Aufseher am Tag im Lager Menschen grausam töten und am Abend als normale Väter und Mütter zu ihren Familien zurückkehren können“, fragte sich Edith Erbrich in der Erinnerung an die Lagerzeit im KZ Theresienstadt bei ihrem Vortrag am Sonntagabend im Museum.Text + Foto: dt

ZEITZEUGIN – Edith Erbrich berichtet im Butzbacher Museum über ihre Haft im KZ Theresienstadt

BUTZBACH (dt). Am Ende kommt ihr der Satz über die Lippen: „Wir haben einfach Glück gehabt.“ Glück? Im KZ-Lager Theresienstadt?  In der Diskussion mit den Zuhörern nach ihrem – auch emotional eindringlichen – Vortrag spricht die 82-jährige Edith Erbrich am Sonntagabend in der Industriehalle des Butzbacher Museums vom „Glück“, überlebt zu haben. „In der Nacht vom 7. auf 8. Mai 1945 hörten wir auf unseren Strohsäcken von draußen Geräusche in großer Lautstärke mit Schießereien“, erinnert sie sich. Es war die Nacht der Befreiung des Ghetto-Lagers Theresienstadt durch die russische Rote Armee. Noch heute erfüllt sie tiefe Dankbarkeit für die Befreier und „die stillen Helfer und Helden“, die ihr im  schwersten Zeitabschnitt ihres Lebens beigestanden hatten.  

Recht kritisch sieht sie die Gestaltung der heutigen Gedenkstätte Theresienstadt unter tschechischer Verwaltung. Nach einem Besuch dort spricht sie von einer regelrechten „Verdummung“ der heutigen Besucher in der Gedenkstätte, wo ein teilweise völlig falsches Bild vom wirklichen historischen Geschehen vermittelt werde. Später in der Diskussion unterstützt ein junger Besucher Erbrichs Kritik: „Augenzeugen sind die natürlichen Feinde der Historiker“, was bei einem Teil der Zuhörer zustimmende Heiterkeit auslöste. 

Nach der Eröffnung der Gedenkstunde am Sonntagabend durch die stellvertretende Museumsleiterin Antje Sauerbier, gab Uwe Hartwig, der Vorsitzende der Lagergemeinschaft Auschwitz – Freunde der Auschwitzer, einen Rückblick rund um den Auschwitz-Befreiungstag 27. Januar 1945. „Auschwitz steht als Chiffre für alle Verbrechen des NS-Mordsystems“, unterstrich Hartwig und verwies darauf, dass das Lager Theresienstadt der „Warteort“, die Vorstufe, für den Weitertransport in das Todeslager Auschwitz gewesen sei. Es sei ganz wichtig, dass es heute weiterhin noch Augenzeugen gebe, „die uns darüber berichten können“. Noch in den ersten Jahren, in der neuen Bundesrepublik, seien die NS-Opfer vielerorts auf deutliche Ablehnung gestoßen. 

Edith Bär (später Erbrich) war – so beginnt sie ihren Vortrag – mit ihrer vier Jahre älteren Schwester Hella ein Kind aus einer „Mischehe“, so die NS-Terminologie. Der Vater war jüdischen Glaubens, die Mutter „arisch“ und katholisch. Im März 1944 sei sie mit ihrer Familie in der Ostendstraße in Frankfurt ausgebombt und in einem Luftschutzkeller verschüttet worden. Die Juden seien davor und zu diesem Zeitpunkt massiv schikaniert worden, die beiden Kinder durften nicht zur Schule gehen, die Familie bekam nur wenig Nahrungsmittel auf Karte. Alle männlichen Juden mussten den verordneten zusätzlichen Vornamen „Israel“ und die weiblichen „Sarah“ in ihre Pässe, die mit einem großen „J“ überstempelt wurden, eintragen lassen. Die „arische“ Mutter sei vorübergehend in Beugehaft genommen worden, weil sie sich nicht von ihrem jüdischen Ehegatten habe scheiden lassen wollen. 

Am 8. Februar 1945 habe die Familie ein offizielles Schreiben bekommen, dass sie sich am 14. Februar in der Großmarkthalle zum Abtransport in ein „Arbeitslager“ einzufinden habe. Das habe nur für den Vater und die beiden sechs- und zehn-jährigen Mädchen gegolten. „616 Menschen aus Frankfurter Vororten“ seien in Viehtransportwagen unter unmenschlichen Bedingungen nach Theresienstadt transportiert worden. Der Vater habe vorsorglich bereits adressierte und frankierte Postkarten mit kurzen Nachrichten an die Mutter aus dem Zug geworfen; diese Original-Postkarten seien zum Großteil bei der Mutter angekommen und heute noch in Erbrichs Besitz, wie auch viele andere vom Vater gerettete Dokumente und Originalunterlagen aus jener Zeit.       

Bei der Ankunft in Theresienstadt wurden allen die Haare geschoren. Im Lager seien 140 000 Menschen untergebracht gewesen. Bereits im Juni 1944 seien Abgesandte des Internationalen Roten Kreuzes zur „Besichtigung“ nach Theresienstadt gekommen, wo die Nazis den neutralen Delegierten eine einstudierte Inszenierung eines vorbildlichen Lagers vorgeführt hätten; ergänzend sei dazu der NS-Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ angefertigt worden. Im Lageralltag seien „die Aufseherinnen am schlimmsten“ gewesen. Sie könne bis heute nicht begreifen, wie das Aufseherpersonal bei Tag Menschen habe brutal töten und am Abend als Mütter und Väter zu den eigenen Familien zurückkehren können. 

Nach der Befreiung im Mai 1945 sei die Familie in Frankfurt – einschließlich der Mutter – wieder vereint gewesen. Der Neustart in der Schule und später im Beruf sei nicht einfach gewesen. Die Zeit könne nicht alle Wunden heilen. Wie Erbrich gesteht, habe sie anfangs große Scheu empfunden, von Theresienstadt zu erzählen, zumal der von ihr bewunderte Vater bei aufkommenden Fragen stets gesagt habe: „Kind, lass es ruhen.“ Sie habe kein Mitleid bekommen wollen, doch es habe sich bei ihr die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Berichte von Zeitzeugen „wichtiger sind als jahrelanger Geschichtsunterricht“. Seitdem sei sie durch ganz Deutschland unterwegs, besuche Schulen und habe dabei festgestellt, dass gerade Kinder und Jugendliche sehr aufmerksame Zuhörer seien.

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