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Auschwitz war ein tägliches Trauma

GEDENKEN — Berichte des KZ-Häftlings Hermann Reineck im Butzbacher Museum im Originalton

Butzbach (dt). Den Zuhörern am Mittwochabend in der Industriehalle des Butzbacher Museums fehlte am Ende die Sprache. Es fehlten die Worte zur Kennzeichnung dessen, was der bereits 1995 im Alter von 76 Jahren verstorbene Auschwitz-Häftling Hermann Reineck – zuletzt in Münzenberg/Gambach wohnend – in einem Rundfunk-Feature der Journalistin und Autorin Monika Held über seine Haft im Konzentrationslager Auschwitz berichtet hatte. Im vollbesetzten Saal lauschten die Zuhörer erschüttert der eindringlichen Stimme Reinecks. Die Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer hatte gemeinsam mit der Stadt Butzbach zu dieser Gedenkstunde mit dem Originalzeugnis über Auschwitz eingeladen. Die gesamte Veranstaltung wird an diesem Samstag ab 11 Uhr für Interessierte im Museum wiederholt, wobei der Eintritt frei ist.

Reineck wurde am 9. Januar 1919 in Wien geboren. Sein 100. Geburtstag war der äußere Anlass für diese Gedenkveranstaltung im Museum. Die stellvertretende Museumsleiterin Antje Sauerbier begrüßte unter anderen den ehemaligen hessischen Landtagspräsidenten und Finanzminister Karl Starzacher, den Vorsitzenden der Lagergemeinschaft Auschwitz Uwe Hartwig, die Autorin Monika Held und Bürgermeister Michael Merle. Hartwig bezeichnete Reineck als ein „Kind der Arbeiterklasse“ und dankte Neithard Dahlen für die Vorbereitung und Organisation des Gedenkabends. Dahlen stellte das dreiteilige Gesamtprojekt vor, erinnerte daran, dass Reineck über eintausend Mal Vorträge in Schulen gehalten habe und unterstrich daneben Reinecks beruflichen Bezug zu Butzbach.

In der ersten Feature-Sequenz des Abends berichten Reineck und seine Frau Anni von der Aufarbeitung der Haft nach seiner Befreiung ab 1945. „Ich leb’ jeden Tag mit Auschwitz, das bekommt man nicht aus dem Kopf heraus“, kennzeichnete Reineck sein bleibendes Trauma, seine unermessliche seelische Belastung. Er berichtet, dass er jede Nacht vom Lager träume, unter Schreianfällen gelitten habe und dass ihn der Geruch des Rauchs aus den Verbrennungsöfen weiter verfolge.

In der zweiten längeren Sequenz des Features erzählte er von seinem Transport mit einem Güterzug nach Auschwitz, wo er am 21.12.1942 angekommen sei. In den Baracken hätten die Häftlinge in ihrer gestreiften KZ-Kleidung nachts zu viert in einem Bett schlafen müssen, jeder Schlafraum sei mit 400 bis 500 Häftlingen belegt gewesen. Er sei zur Arbeit im Straßenbau eingeteilt worden, die kaum ein Häftling länger als 14 Tage überlebt habe, zumal ein bestrafter Vielfach-Mörder als Kapo-Aufseher mit einem Spaten immer wieder einzelne Häftlinge erschlagen habe. Über die Vermittlung eines ehemaligen Freundes, den er im KZ getroffen habe, sei er als „arischer Reichsdeutscher“ nach zwölf Tagen in die Schreibstube des Krankenbaus versetzt worden. Auch dort sei „der Tod jeden Tag tausendfach gegenwärtig“ gewesen. Täglich seien 6000 bis 8000 Todesakten zu bearbeiten gewesen. Es habe dort ebenfalls Selektionen gegeben, Häftlinge seien mit der Phenolspritze getötet worden. Kein Häftling habe im Krankenbau 14 Tage überlebt.

Reineck berichtete weiter, dass er im KZ ein Einzelgespräch mit einem SS-Rottenführer geführt habe, der psychisch gebrochen gewesen sei wegen seiner Tätigkeit im KZ. Er habe bei der Verbrennung von mehreren tausend Leichen auf Scheiterhaufen erlebt, wie Kinder lebend ins Feuer geworfen worden seien. Im November 1944 habe er auf Befehl das KZ Auschwitz – bekleidet mit einer SS-Uniform – verlassen müssen und sei dem Todeskommando des SS-Sonderregiments Dirlewanger zugeteilt worden. Dort – so habe es geheißen – sollten die Häftlinge den Schaden, den sie dem deutschen Volk angeblich zugefügt hätten, im Kampfeinsatz wieder gutmachen. Ihm sei bei einem Spähtrupp die Flucht zu den Tschechen gelungen. Nach der weiteren Flucht sei er zurück in seine Heimat gekommen und habe sich zunächst einer Partisanengruppe in Österreich angeschlossen. Später sei er dabei gewesen, als man den Stellvertreter Himmlers, Ernst Kaltenbrunner, festgenommen habe. Als Zeuge 1964 im Auschwitz-Prozess in Frankfurt habe er den Verantwortlichen des KZs Auschwitz – unter anderen Kaduk und Kehr – gegenübergestanden; die Erinnerung habe ihn wieder mit voller Wucht getroffen, sodass er zeitweise zu einer Aussage kaum in der Lage gewesen sei.   

Die dritte Sequenz des Gedenkabends im Museum war in einem Kurzfilm dem britischen Staatsbürger Sir Nicholas Winton gewidmet, der kurz vor Beginn des Krieges 669 tschechische Kinder jüdischen Glaubens vor dem Holocaust gerettet hatte und diesen ehemaligen Kindern Jahre später als Erwachsene wieder begegnet war.

In einer Diskussion mit den tief beeindruckten Zuhörern unterstrich Dahlen, dass „das Erinnern nicht reicht“, man müsse die eigene innere Haltung verändern. „Hätte ich, hätten wir in jener Zeit auch Täter sein können?“, wurde als Frage in den Raum gestellt. Die Nationalsozialisten hätten nahezu ganz Deutschland innerhalb von sechs Jahren massiv verändert, wobei die Sprache den Taten vorausgegangen sei.                

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