AWO-Mitglieder: „Wir können nichts dafür. Das haben die da oben verbrochen“

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AWO-Mitglieder: „Wir können nichts dafür. Das haben die da oben verbrochen“

LANGGÖNS. Den langjährigen Awo-Vorstandsmitgliedern wurde gedankt (v.l.) Ursula Menges, Michaela Kluger, Ursula Mlyniec und Hertha Christen.

LANGGÖNS (wiß). Überhöhte Funktionärsgehälter, teure Dienstwagen, ominöse Beraterverträge: Die sogenannte Awo-Affäre beherrscht seit Monaten die Schlagzeilen und beunruhigt die Vorstände und Mitglieder der im vergangenen Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum feiernden Arbeiterwohlfahrt (Awo). Erst am Samstag berichtete diese Zeitung über erste Ergebnisse der eingesetzten Task-Force zur Aufklärung der Vorwürfe und diese sorgte erneut für Kopfschütteln, soll es doch zu privaten Darlehen zur Überbrückung von Liquiditätsengpässen des Bezirksverbandes Hessen-Süd gekommen sein. Angesichts dieser Vorkommnisse wollten wir wissen, wie denn die Mitglieder an der Basis des Wohlfahrtverbands mit der aktuellen Situation umgehen. Beste Gelegenheit dazu bot am Samstag die Jahreshauptversammlung der Awo Lang-Göns, denn in der Gemeinde wird das Sozialzentrum „Heinz-Ulm-Haus“ von der Awo Hessen-Süd betrieben. 

Wie dazu im Januar bekannt wurde, ist die Immobilie, die als Alten- und Pflegeheim über 76 Plätze verfügt, von der Awo im Rahmen eines Sale-and-Leaseback-Deals an private Gesellschaften veräußert worden (wir berichteten). Umstände, die auch in der Gemeinde für einigen Gesprächs- und Diskussionsstoff bis ins Rathaus sorgten. 

Wie Awo-Vorsitzende Ursula Mlyniec informierte hat sich die Zahl der Mitglieder vor diesem Hintergrund nicht verändert; standen zwei Austritten zwei Neuzugänge gegenüber. Allerdings gab es 15 Todesfälle. Auch bei den Ehrungen, hier wurden Inge Friedl, Hertha Christen, Hildegard Wissig und Ewald Christen für 20-jährige, Karin Heeb für 25-jährige und Emmi von Spruth für 30-jährige Mitgliedschaft gedankt sowie auch bei den Ehrungen für zehnjährige Vorstandstätigkeit für Ursula Menges und Michaela Kluger und gar für 15 Jahre im Vorstand für Hertha Christen, Ursula Mlyniec und Gerald Dörr sind schon beeindruckend. Ehrungen, die zeigen, dass hier nicht nur eine langjährige solide Vorstandstätigkeit besteht, sondern auch die Mitglieder zur Awo stehen. Dies zeigte sich auch bei den Mitgliederzahlen. Und erstaunlich auch die Tatsache, dass zur sogenannten Awo-Affäre keine Frage von den Mitgliedern zu diesem die Medien beherrschenden Thema kam, obwohl sich der stellvertretende Vorsitzende Ewald Christen darauf vorbereitet hatte. Lediglich Alt-Bürgermeister Horst Röhrig griff das Thema auf und rief es aus Sicht der Gemeinde nochmals in Erinnerung. 

Wie Christen berichtete, besteht das in den Immobilienskandal hineingezogene und nach dem Langgönser Ehrenbürgermeister Heinz Ulm benannte Awo-Heim seit 1999. „Zentrale Figur ist Steuerberater und Wirtschaftsprüfer Thorsten Hammann. Er war von 2016 bis Mitte vergangenen Jahres Generalbevollmächtigter der Awo Hessen Süd. Unter seiner Führung verkaufte der Wohlfahrtsverband unter anderem die Immobilie „Heinz Ulm Haus“ an eine Immobiliengesellschaft, die Hammann selbst gegründet hat. Dies sei im Handelsregister des Amtsgerichts Darmstadt ausgewiesen. Die Altenpflegeeinrichtung der Awo verblieb jedoch in der Immobilie als Mieterin. Vereinfacht ausgedrückt: Ich verkaufe meiner Frau unser Haus. Jetzt habe ich das Geld. Weil wir aber darin wohnen bleiben wollen, bezahle ich jetzt an meine Frau Miete. Das selbe Spielchen habe Hammann auch mit dem Haus in Bruchköbel gemacht. Der Bundesverband der Awo habe den Verkauf in Langgöns unter die Lupe genommen. Er sehe eine Verletzung der internen Verhaltungsregeln, welche besagen: Verantwortliche dürfen in ihrer Funktion für den Sozialverband keine sogenannten Insichgeschäfte mit gewinnorientierten Gesellschaften machen, die sie selbst gegründet haben. Auch das Bürgerliche Gesetzbuch verbietet diese Geschäfte“. 

Wie Röhrig berichtete, sei Anfang der 90er-Jahre es Wunsch und Bedürfnis gewesen, eine Pflegeeinrichtung im Ort zu haben. Es wurde eine Arbeitsgruppe gebildet und die Zahl der Pflegeplätze mit dem Landkreis abgestimmt. Hier habe auch die Schottener Reha Plätze zugunsten des Heinz-Ulm-Haus abgetreten. Die Wahl als Betreiber sei auf die Awo gefallen, wobei die Gemeinde Hilfestellung bei der Finanzierung leistete, 1,5 Millionen DM zur Verfügung stellte, und dies auch im Grundbuch absicherte. Der Erweiterungsbau war von Anfang an von einem privaten Investor gebaut und an die Awo vermietet worden. Als sich dieser von seinem Teil trennte, wurde dieser komplett von der Awo übernommen. In der Beziehung zwischen Awo und Gemeinde sei nicht erkennbar, dass „etwas schief gelaufen sei. Es seien nur Awo-interne Dinge, die zu Vorteilsnahme gereichten. Hier müssten vor allem die Strukturen geändert werden, damit so etwas nicht passieren könne. Die Awo werde gebraucht in den Orten, denn es seinen die Ortsvereine, die Menschlichkeit in die Häuser bringen, die die normale Tagespflege nicht leisten kann wie es wünschenswert ist“, so Röhrig. 

Einstimmiger Tenor bei den befragten Mitgliedern war die Aussage „wir können nichts dafür, das haben die da oben verbrochen – und wir und die Awo sind die Leidtragenden“. 

 

LANGGÖNS. Geehrt wurden in der Jahreshauptversammlung der Awo Langgöns die langjährigen Mitglieder durch (v.l.) Vorsitzende Ursuila Mlyniec, Inge Friedl, Hertha Christen, Hildegard Wissig und Ewald Christen. Fotos: wiß

 

 

 

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