Bandenmäßiger Drogenhandel in der JVA Butzbach beschäftigt Landgericht

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Bandenmäßiger Drogenhandel in der JVA Butzbach beschäftigt Landgericht

Vollzugsbeamter der JVA soll Betäubungsmittel eingeschmuggelt haben

BUTZBACH (ga). Kriminelle Vorgänge in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Butzbach beschäftigen seit Freitag die 7. Große Strafkammer am Landgericht Gießen, wo sich fünf Angeklagte wegen bandenmäßigen Drogenhandels in nicht geringer Menge (Rauschgift und Dopingmittel) verantworten müssen. Vier von ihnen sind oder waren Häftlinge der JVA, der Fünfte im Bunde ist ein Vollzugsbeamter, der den Stoff im vergangenen Jahr mehrfach in die Einrichtung eingeschmuggelt haben soll, was er am ersten Verhandlungstag auch zugab. Wie Staatsanwältin Mareen Fischer in ihrer Anklageverlesung ausführte, habe der 43-jährige Mann für diese Dienste mindestens 4500 Euro als Gegenleistung erhalten.

Einer der anderen Beschuldigten, der demnach als Hauptabnehmer fungiert haben soll, habe durch den Weiterverkauf im Knast immerhin die stolze Summe von 78 000 Euro erzielt. Die Kammer unter Vorsitz von Richterin Dr. Kathrin Exler versucht nun, in der Beweisaufnahme genau zu eruieren, wie sich die Abläufe tatsächlich gestalteten und wer welchen Part übernahm. Doch jene Angeklagten, die sich bereit erklärten, etwas zur Sache zu sagen, hielten bei wichtigen Details die Bälle flach oder wurden von angeblichen Erinnerungslücken geplagt Zudem verfestigte sich der Eindruck, dass auch die Angst vor Rache aus dem Milieu bei dieser Defensiv-Taktik eine Rolle spielen könnte, wofür einer der Beschuldigten gleich einen eindrucksvollen Beleg ablieferte.

Der damals in der Butzbacher JVA-Küche eingesetzte Häftling soll in diesen Räumlichkeiten der Nahrungszubereitung die Betäubungsmittel, die vom JVA-Mann hinter die Haftmauern transportiert worden waren, gebunkert haben. Eingangs des Prozesses ließ der Anwalt des Knast-Kochs wissen, sein Mandant sei kurz vor der Abfahrt zum Gericht einer massiven Einschüchterung ausgesetzt gewesen. In seiner Zelle habe ein Zettel gelegen, in dem er und seine Familie mit Gewalt bedroht worden seien, falls er im Verfahren Belastendes aussage. Dieses Stück Papier überreichte der Strafverteidiger an die Kammervorsitzende.

13 Gerichtstermine hat Richterin Exler bis in den Januar des nächsten Jahres vorläufig eingeplant. Denn auch die personelle Ausstattung des Verfahrens weist markante Dimensionen auf. Jeder Angeklagte wird von zwei Anwälten begleitet. Vier der fünf Beschuldigten wurden aus Justizvollzugsanstalten herantransportiert, entweder aus dem Vollzug vorheriger Urteile oder aus der Untersuchungshaft. Die großzügige Unterbringung vor Gericht ist deswegen möglich, weil das Verfahren im außen liegenden Sitzungssaal „Stolzenmorgen“ in Nähe der Gießener Flüchtlingsaufnahme stattfindet.

Kurioserweise kam nur der angeschuldigte Justizvollzugsbeamte als freier Mann zum Prozess, denn seine ursprünglich verhängte U-Haft wurde ausgesetzt mit der Maßgabe, dass er daheim Fußfesseln tragen muss. Im Gerichtssaal übermannte ihn die Nervosität, trotzdem erklärte er sich bereit, Aussagen zu machen. Wobei sein Strafverteidiger Philipp Graf Egloffstein (Butzbach) die Einschränkung machte, dass sein Mandant auch Fragen des Gerichts beantworten werde, nur nicht jene von Verteidigern der anderen Beschuldigten.

Auch dies zeigte früh die Trennungslinie auf: Wenn es mal eine Bande war bei illegalen Geschäften, ist diese Gemeinsamkeit ganz offensichtlich vorbei. Vor Gericht verfolgt jeder nur Eigeninteressen. Der Justizbedienstete reklamierte für sich, durch Dummheit und Naivität in den Schlamassel geraten zu sein. Nach Scheidung und privaten Schulden durch den Mietvertrag seiner Ex-Frau habe er in der JVA von seinen Geld-Kalamitäten erzählt, da hätten zwei „Knackis“ diesen Flachpass aufgenommen und ihm aufgezeigt, wie er an frische Kohle gelange. Er müsse von draußen nur Pakete annehmen, in denen Handys wären und sie reinschmuggeln.

Diese Übergabe sei meist mit ihm unbekannten Personen in Bad Nauheim in Salinennähe erfolgt. Die Handys waren in der Tat in der Packung, aber auch Haschisch und Dopingpillen. Im Rucksack brachte er den Stoff an seinen Arbeitsplatz. Drinnen in der JVA ließ er sich auf Nachtschicht setzen, um die Übergabe problemlos zu meistern, schließlich arbeitete er im Sicherheitsbereich des Gefängnisses. Pro Lieferung habe er am Anfang 500 und am Ende bis zu 2000 Euro kassiert.

Zu zwei Häftlingen pflegte der JVA-Bedienstete offenbar eine besondere Bindung, wobei er einen ehemaligen Mitstreiter schwer belastete, weil er diesen als Organisator und späteren Lieferanten des Ganzen hinstellte. Früher war die menschliche Bindung zwischen beiden mal anders: Als dieser Häftling entlassen worden war, nahm der JVA-Beamte eigens einen Kredit im Volumen von 40000 Euro auf, um das Geld dem Alt-Kumpel zu überlassen. Ob dies ein reiner Freundschaftsdienst war oder ob mehr dahintersteckt, wird schwer auszuloten sein, wie so viele Hintergründe, die bei krummen Geschäften im Knast dem ungeschriebenen Gesetz der Verschwiegenheit unterliegen.

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