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Berühmte Besucher Butzbachs

BUTZBACH. Die Abbildung zeigt das Dillenburger Schloss um 1575. Repros: Storck

Wilhelm I. von Oranien (1533–1584) und Anna von Sachsen (1544–1577) ab 1567 in Dillenburg

BUTZBACH. An Wilhelm I. von Oranien (1533-1584) und Anna von Sachsen (1544-1577) erinnert Dagmar Storck in ihrer Serie „Berühmte Besucher Butzbachs“.

Als Annas Vater noch lebte, waren ihre Kindheitsjahre von unbeschreiblichem Luxus geprägt. Mit sechs Jahren hatte sie bereits einen eigenen Hofstaat. Das gab ihr das Gefühl übermächtig zu sein. Sie war bekannt dafür ihren eigenen Kopf zu besitzen, und durchzusetzen, was sie sich vorgenommen hatte. Konflikte entbrannten zwischen der Pflegetochter und ihrer strengen Tante Anna von Dänemark. 

In der Literatur ist man sich nicht einig: War Anna ein „schwer erziehbares Kind“ und „exzentrisch“ oder durch den frühen Verlust der Eltern und die strenge lutherische Erziehung der Tante ein traumatisiertes und zerbrechliches Kind? An den europäischen Höfen kannte man ihren „großen Verstand“, aber auch ihren Jähzorn, ihren sturen Kopf und ihre Arroganz gegenüber Untergebenen. Mit Sicherheit war sie aber nicht allein schuld, an einer der großen „fürstlichen Ehetragödien des 16. Jahrhunderts. 

Doch erst einmal wurde geheiratet. Die prunkvolle Eheschließung (allein 5647 Pferde wurden in Bewegung gesetzt!) fand am 24. August 1561 in Leipzig statt. Anfang Oktober traf das Paar in Breda ein. Über mehrere Wochen wurde die Fürstenhochzeit hier nachgefeiert, inklusive Staatsempfang am kaiserlichen Hof in Brüssel. In Briefen nach Hause schwärmte die 16-jährige Fürstin „sie werde gehalten wie eine Königin“. Aus Hessen und Sachsen wurde sie ermahnt, sie solle bei den vielen Feiern nicht Gebet und Abendmahl vergessen. 

Religiös geriet sich das gemischtkonfessionelle Paar nicht in die Haare, doch sehr bald entstand eine kulturelle und emotionale Kluft zwischen der unerfahrenen jungen Frau und dem kosmopolitischen Prinzen. Anna fühlte sich schnell vollkommen isoliert und allein, ihre zwei sächsischen Hoffräulein verließen empört, bereits vier Wochen nach der Ankunft, die Niederlande, weil sie sich nicht auf die „losen Sitten bei Hof“ einlassen wollten. Auch Annas Hofmeisterin Sophie von Miltitz, die schon treu ihrer Mutter Agnes gedient hatte, strich nach sechs Monaten die Segel. Anna blieben nur die frommen Ermahnungen ihrer Verwandten aus der Ferne, und ein Mann, der sein ausschweifendes Leben wieder aufnahm. 

Im Palais hing der Haussegen bereits wenige Monate nach der Hochzeit schief. Was Wilhelm natürlich nicht besonders schmeckte. Zwischen Ende Oktober 1562 und Dezember 1564 kamen dennoch drei Kinder zur Welt, von denen nur die 1563 geborene Tochter Anna das Erwachsenenalter erlebte. Der Tod des kleinen Moritz im März 1566, führte bei Anna zu Depressionen. Es gab keine Unterstützung ihrer Verwandtschaft, nur ständige Ermahnungen. Zeitweise begann sie, ihre große Trauer und ihre Unzufriedenheit mit Alkohol zu betäuben und ihre „Auftritte“ häuften sich. Schon im Winter 1565 hatte sie vor politischen Gästen wütend und lauthals gepoltert, Wilhelm sei ein unbedeutender Grafensohn und ihrer nicht würdig (…). Eine unverzeihliche Ehrverletzung, die Wilhelm nicht auf sich sitzen lassen konnte. 

Doch noch hoffte er auf finanzielle Unterstützung durch Annas Familien in Sachsen und Hessen für seinen Befreiungskrieg, mit ihnen wollte er es sich nicht verscherzen. Seine Schweigepolitik in Sachen Ehekrise machte sich bezahlt, die „Alleinschuldthese“ gedieh prächtig und wurde genährt und gepflegt. Im Januar 1566 fragte Anna in einem heimlich an ihren hessischen Onkel gesandten Brief wegen „weicher“ Trennungsmöglichkeiten von ihrem Mann an, als Antwort bekam sie den Hinweis, dass der Ehebund nur durch den Tod geschieden werden könne. Bei einer Ehe, die nur noch auf dem Papier bestehen würde, hätten Wilhelm und seine Familie Anna große Teile ihrer Mitgift zurückerstatten und sie weiter angemessen versorgen müssen. Undenkbar für den hoch verschuldeten Adligen. 

Wilhelm löste das Problem auf seine Weise. Auf einem hastigen Zwischenstopp in Breda, im Sommer 1566, erfüllte er seine „ehelichen Pflichten“ anscheinend so gut, dass Annas schwankende Gefühle für den attraktiven Oranier wieder ganz zu seinen Gunsten ausfielen. Heute würden wir das, was Anna durchlebte, als „Beziehungssucht“ bezeichnen. 

Erst einmal freute sich die Besänftigte und erneut Schwangere darauf, an Wilhelms Seite ins Exil zu gehen. Der Prinz von Oranien musste wegen der aufflammenden Erhebung und seines Engagements gegen Spanien Hals über Kopf aus den Niederlanden fliehen. Anna hegte die Illusion, dass er nun wieder mehr Zeit für sie übrighabe. 

Im April 1567 zog man nach Deutschland, das Verhältnis der Eheleute besserte sich in den ersten Wochen des Aufenthalts in der nassauischen Residenz in Siegen ersichtlich. Doch der eigene Hofstaat war zu teuer. Im Frühsommer 1567 nahm man Quartier bei Wilhelms Mutter Juliana im Dillenburger Schloss. Von dort aus sammelte er Geld, versetzte Annas Aussteuergut und Reste ihrer Mitgift sowie Dillenburger Schätze seiner Familie. Solange er nur bei ihr blieb, hatte sie nichts dagegen. 

Am 14. November 1567 brachte Anna in Dillenburg einen Sohn zur Welt, den sie erneut nach ihrem Vater „Moritz“ nannte. Kurz danach wurde Wilhelm des Hochverrats beschuldigt und seine Güter konfisziert, darunter auch sein langjähriger Wohnsitz in Breda. Wilhelm hatte – vorübergehend – den Stammsitz des Hauses Oranien-Nassau in den Niederlanden verloren. Von Dillenburg aus sammelte er Truppen, mit denen er in den Kampf um die Freiheit der Niederlande ziehen wollte. Es war ihm endlich gelungen, von Annas sächsischem Onkel August eine geheime Finanzspritze von 100 000 Gulden zu erhalten. Im September 1568 machte sich Wilhelm mit einem neuen Heer von 30 000 Mann in Richtung Brabant auf. Wieder war Anna allein und musste erleben, wie ihr mit in die Ehe eingeflossenes Vermögen bei einem desaströsen Kriegsabenteuer drauf ging. 

Die Jahre 1568 bis 1572 gehörten nicht zu den ruhmreichsten des späteren Volkshelden. Die Dillenburger machten bald eine Schuldige aus: Anna sei „all Ursach“ ihrer Sorgen, ihres drohenden Ruins und des Kriegspechs von Wilhelm. (Weiterer Bericht folgt.)

BUTZBACH. Die Abbildung zeigt Anna von Sachsen, Fürstin von Oranien (1544 – 1577).

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