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Berühmte Besucher Butzbachs

BUTZBACH. Stadt und Schloss Butzbach um 1615, am 23. Mai 1570 hielten sich hier Wilhelm I. von Oranien und Anna von Sachsen auf. Foto: Stock

Wilhelm I. von Oranien (1533 – 1584) und Anna von Sachsen (1544 – 1577) – Letzter Teil

BUTZBACH. Wieder allein gelassen nutzte die erneut schwangere Anna den Ausbruch einer Seuche auf der Dillenburg im Oktober 1568, um nach Köln zu ziehen. Dort lebten viele Flüchtlinge aus den Niederlanden. Zur Verwandtschaft schrieb sie, dass sie ohne Wilhelm nie mehr mit den Dillenburgern zusammenleben würde, lieber wäre sie tot. Sie wusste, dass sie als Gegenleistung für ihre Mitgift den Anspruch hatte, von Wilhelm oder seiner Familie versorgt zu werden. Wilhelm gab, per Feldpost die Anweisung an seien in Köln im Exil lebenden Schatzmeister, seine Gattin samt Gefolge dort aufzunehmen und zu unterhalten, natürlich auf Kredit. Ihre Kinder Anna und Moritz hatte Wilhelms Mutter Juliana mit nach Braunfels genommen. Erst im nächsten Jahr konnte Anna sie nach einem Kampf mit ihrer Schwiegermutter zu sich nachholen. 

Hier in der Stadt traf Anna auf clevere Juristen, mit denen sie ihre im Ehevertrag festgehaltenen Ansprüche auf Witwenunterhalt in Höhe von jährlich 12 000 Taler schon jetzt durchzusetzen versuchte. Dafür war nicht Wilhelms tatsächlicher Tod nötig: Da Wilhelm bankrott und von seinem Lehnsherrn Philipp II. für rechtlos erklärt worden war, war er sozial ein toter Mann, der nicht mehr in der Lage war, für sie zu sorgen. Annas Status entsprach demnach nach gängiger Rechtsauslegung dem Witwenstand. 

König Philipp II. müsse Annas Anteile an den ihr übertragenen Gebieten und Erträgen, die ihr laut der von ihm unterzeichneten Urkunde zustanden, sofort freigeben, da sie ja keinen Krieg gegen ihn führen würde. Sollte Brüssel sich weigern, konnte sich Anna noch auf eine Zusatzklausel im Ehevertrag berufen. Die Nassauer hatten sich für den Fall, dass Annas niederländische Güter weniger abwerfen würden, verschuldet oder verloren wären, verpflichtet, ihr auf ihrem Boden einen Wohnsitz mit einem jährlichen Einkommen von 12 000 Talern einzurichten. 

Zusätzlich wandte sich Anna mit einer Petition an Kaiser Maximilian II. und erlangte von ihm die Zusage sich für sie zu verwenden. Man hatte sogar an höchster Stelle Verständnis für ihre Lage und hielt die vorgebrachten Argumente für rechtskonform. Allerdings war die kaiserliche Empfehlung keine Garantie für die sofortige Durchsetzung ihrer Forderungen. 

BUTZBACH. Erst seit 2017 erinnert im Dom zu Meißen eine kleine Platte an die 1577 verstorbene Anna von Sachsen und Oranien. Repros: Storck

Annas Lage blieb klamm. Von der hessischen und sächsischen „lieben Verwandtschaft“ kamen nur Durchhalteparolen. Am 10. April 1569 kam Tochter Emilia in Köln zur Welt. Um Annas rechtliche Angelegenheiten kümmerte sich zwischenzeitlich der mit seiner Familie aus Antwerpen geflüchtete, sprachgewandte, erstklassig ausgebildete und erfolgreiche Anwalt und Vermögensverwalter Jan Rubens. Zuletzt wohnte Anna mit ihren Kindern sogar im Haus der Familie. Es bestand ein enges Verhältnis untereinander. Die Fürstin und ihr Rechtsbeistand wurden schnell von Wilhelms Familie als „teufels plag“ bezeichnet. 

Wie bereits erwähnt, gehörten die Jahre 1568 bis 1572 nicht zu den ruhmreichsten des späteren „Befreiers der Niederlande“. Weder bei Frankreichs König noch auf deutschem Reichsgebiet waren er und sein ihm verbliebenes „ungehobeltes Kriegsvolk“erwünscht. 

Anna bemühte sich immer noch um ein Wiedersehen mit Wilhelm, um mit ihm persönlich die wichtigsten Angelegenheiten besprechen zu können. Und er überschwemmte sie plötzlich wieder mit zu Tränen rührenden Briefen. Am 23. Mai 1570 kam es im Butzbacher Schloss dann endlich zu einem eintägigen Treffen der Eheleute. Dieser Tag in Butzbach kann im Nachhinein ein entscheidender Schicksalstag im Leben von Anna gewesen sein. Konnte Wilhelm bereits hier Anna für einen angeblichen Neuanfang in Siegen erwärmen? Kurz darauf trafen sich die beiden im Siegener Schloss und blieben über den Sommer. Anna durfte Wilhelm sogar am 4. Juni 1570 zur Hochzeit seines besten Calvinistenfreundes, Pfalzgraf Johann Kasimir, nach Heidelberg begleiten. 

Wieder zurück, bat Wilhelm Anna dringend, in keinem Fall in der freien Reichsstadt Köln zu bleiben. Bald darauf löste sie ihren Kölner Hausstand auf und zog im November endgültig in die nassauische Residenz Siegen und damit erneut in den Hoheitsbereich des Hauses Nassau! Hatte Wilhelm wieder mit seinem Charme über ihren Verstand gesiegt? Über die Weihnachtsfeiertage des Jahres 1570 besuchte Wilhelm seine Familie. Seine Anwesenheit muss sehr überzeugend gewesen sein, denn Anna nahm eine Einladung auf die von ihr so verhasste Dillenburg an. Wohl vollständig verblendet machte sie den Nassauern ein großzügiges Geschenk: Am 16. Januar 1571 unterzeichnete sie eine Verzichtsurkunde für ihr Wittum in Hadamar oder Diez. Kurz darauf bemerkte sie, dass sie erneut „schweren Leips“ war. Erst einmal äußerte Wilhelm keine Zweifel an der Vaterschaft. 

Zwischen dem 7. und dem 10. März 1571 machte sich Annas Advokat Rubens auf die Reise von Köln nach Siegen. Es ging weiter um Unterhaltsfragen und die Witwenversorgung nach dem plötzlichen Verzicht ihrerseits. Vor den Stadttoren von Siegen nahm man ihn überraschend gefangen. Nach einem entsprechenden „scharfen Verhör“ (unter Folter) gestand Rubens eine Affäre mit Anna ein. Anna bestritt eine solche Verbindung vehement, erst als man sie unter Druck setzte und androhte, Rubens hinzurichten, erklärte sie sich ebenfalls für schuldig. Am 22. August 1571 kam Annas Tochter Christine zur Welt. Laut dem (daraufhin schnell beiseite geschafften) Siegener Pfarrer Bernardi, der ohne Genehmigung die Kleine getauft hatte, eine verfrühte Geburt. War Wilhelm im Dezember seinen ehelichen Pflichten nachgekommen? 

Wilhelm und die Nassauer behaupteten weiterhin, das Kind stamme aus der Beziehung mit Jan Rubens. Dem schließen sich bis heute die meisten Biografen an. Ein Ehebruch (der Frau) rechtfertigte eine Scheidung. Anna ertränkte ihren Kummer immer mehr in Unmengen von Alkohol, was bei ihr zu Wutausbrüchen führte. Als „Ehebrecherin“ und für unzurechnungsfähig erklärt, ließen Wilhelm und ihre Verwandten sie und die kleine Christine am 1.10.1572 in das nassauische Schloss nach Beilstein bringen. Dort wurde sie unter strengen Hausarrest gesetzt. 

1573 schloss Wilhelm sich offiziell den Calvinisten an, sein wichtigster Schachzug auf dem Weg zur Befreiung der Niederlande. Am 11. Juni 1575 hatte er die Scheidung von Anna wegen Ehebruchs durch und bereits am folgenden Tag heiratete er die Hugenottin Charlotte von Bourbon, die er wohl 1571/72 in Heidelberg kennengelernt hatte. Jan Rubens war im Mai 1573 aus dem Gefängnis freigekommen. Er durfte mit seiner Familie nach Siegen ziehen, stand aber weiter unter striktem Hausarrest und Berufsverbot. Ende Juni 1577 wurde hier in Siegen ein Sohn geboren, der den Namen Rubens bis heute in aller Welt berühmt machte, der spätere Maler Peter Paul Rubens. 

Am 18. Dezember 1577 starb Anna von Sachsen, fünf Tage vor ihrem 33. Geburtstag unter menschenunwürdigen Umständen. Man hatte Anna unter erheblicher Gegenwehr zur Verwandtschaft nach Dresden geschafft. Anderthalb Jahre hielt man sie in einem fensterlosen Loch im Zwinger in Isolationshaft. Ab Mai 1577 hatte sie unter starken Unterleibsblutungen und großen Schmerzen gelitten. Ein dunkles Kapitel in der Geschichte ihrer Verwandten. Namenlos wurde die einst so stolze und reiche Kurfürstentochter im Dom zu Meißen beigesetzt. Erst 2017, also 440 Jahre nach ihrem Tod, erhielt ihre Ruhestätte in der Fürstenkapelle eine Kennzeichnung. Zu viele niederländische Besucher (!) hatten nach der Grablege gefragt. 

Im Sommer 1578 gestattete Wilhelm I. von Oranien der Familie Rubens den Wegzug aus Siegen und verfügte die Aufhebung des Hausarrestes. Die Familie zog wieder nach Köln. 1580 erklärte König Philipp II. Wilhelm für „vogelfrei“ und belegte ihn mit dem Bann. Nach dem Tod Charlottes 1582 heiratete Wilhelm ein viertes Mal und zwar Louise de Coligny, die Tochter eines hugenottischen Admirals, eine Verbindung, die wieder in den Rahmen seiner Politik passte. Er entging in dieser Zeit mehreren Attentatsversuchen. Doch am 10. Juli 1584 ereilte auch Wilhelm I. von Oranien sein Schicksal. In seiner Delfter Residenz, dem „Prinzenhof“, wurde er von einem religiösen Fanatiker durch drei Pistolenkugeln getötet. 

Die kleine Christine lebte ab 1575 vorerst auf der Dillenburg, wurde von Wilhelms Bruder wie ein eigenes Kind behandelt und erhielt den Beinamen „von Diez“ (ursprünglich vorgesehen als mögliches Wittum von Anna), nicht gerade selbstverständlich für einen „Bastard“. Mit 10 Jahren kam sie zur Erziehung in das Stift Keppel. Dort litt sie später aber unter materiellen Nöten. Nach einer Kontaktaufnahme ihrerseits im Mai 1595 erhielt sie von ihrem (Halb-)Bruder Prinz Moritz von Oranien die Zusage über eine jährliche Rente in Höhe von 594 Gulden und eine einmalige, aber nicht unerhebliche Mitgift, für den Fall der Heirat, von 16 000 Gulden. Ein Bräutigam ließ nicht lange auf sich warten. Ob Christine von Diez tatsächlich die Halbschwester des berühmten Malers Rubens war, werden wir mit großer Sicherheit nie mehr erfahren. Dagmar Storck                                             

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