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BUTZBACH. Die Abbildung zeigt Wilhelm Büchner (1816 bis 1892), die Ähnlichkeit mit Georg ist gut zu erkennen. Text + Repro: Storck

Teil 5: Wilhelm Büchner (1816–1892) als Apothekergehilfe in Butzbach ab Mitte des Jahres 1835

 BUTZBACH. Sieht man es realistisch, dann war der heute so berühmte Schriftsteller Georg Büchner zu Lebzeiten, im Gegensatz zu einigen seiner Geschwister, ein ziemlich unbekannter Student der Medizin bzw. Naturwissenschaftler. Sein erstes Solo-Werk „Dantons Tod“, das einzige Stück, das noch zu Lebzeiten veröffentlicht wurde, verfasste er 1835 nach eigener Aussage in nur fünf Wochen, um das dringend benötigte Geld für seine Flucht nach Straßburg zusammen zu bekommen. Was er selbst von seinen Werken (es handelte sich hier offenbar um „Woyzeck“) hielt, können wir einem Brief an seinen Bruder Wilhelm vom 2. September 1836 entnehmen: „(…) dabei bin ich gerade daran, sich einige Menschen auf dem Papier todtschlagen oder verheirathen zu lassen, und bitte den lieben Gott um einen einfältigen Buchhändler und ein groß Publikum mit so wenig Geschmack, als möglich“. 

Wilhelm Büchner kam knapp drei Jahre nach Georg zur Welt. Er hatte eine sehr enge Beziehung zu seinem revolutionären Bruder und war in Georgs Fluchtpläne eingeweiht. Wilhelm ließ sich am Tag der Flucht, Anfang März 1835, sogar an Georgs Stelle verhaften und verhören und machte die Flucht dadurch erst möglich. In die Annalen der Familie Büchner ist Wilhelm als der „dumme Bub“ eingegangen. Er verzweifelte auf dem Pädagog an der altsprachlich orientierten Schule und musste sie als Fünfzehnjähriger ohne Abschluss verlassen. Der jüngere Bruder Alexander beschrieb später, wie die Familie händeringend einen Beruf für den „dummen Bub“ suchte, es blieb nur übrig, dass er Soldat oder Apothekergehilfe (damals noch ein Lehrberuf) würde. 

Man besorgte ihm eine Beschäftigung in einer Apotheke und zusätzlich war er, wie er Georg in einem Brief im November 1831 schrieb, noch Hörer von „Vorlesungen über Mineralogie, Chemie, Physik und Mathematik“ an einem gerade gegründeten naturwissenschaftlichen Institut in Darmstadt, „welche ihm sehr viel Unterhaltung und Vergnügen gewähren“. 1833 machte er eine Ausbildung zum Apothekergehilfen in Zwingenberg, die Prüfung erfolgte im November 1834 durch das Medizinalkolleg Darmstadt. Bis zu Georgs Flucht nach Straßburg, Anfang März 1835, hielt er sich in Darmstadt auf. 

Mitte März 1835 verließ er die Heimatstadt und begann eine Tätigkeit als Apothekergehilfe in der Seyfried’schen Apotheke in Butzbach. Circa ein Jahr und sieben Monate war er hier beschäftigt, bis er im Oktober 1836 nach Darmstadt zurückkehrte. Am 30. Oktober schrieb Mutter Caroline Büchner an Georg in Zürich: „Wilhelm war ohngefähr 14 Tage hier, und nun ist er seit Mittwoch nach Heidelberg mit Schenk abgereist. Mit Giesen war es für diesen Winter nichts. Ich kann Dir gar nicht sagen wie ich mich über diesen Jungen beunruhige, es ist noch ein gar zu großer Kindskopf (…)“. 

BUTZBACH. Hier in der Apotheke in der Wetzlarer Straße in Butzbach war Wilhelm Büchner beschäftigt. Text + Repro: Storck

Was war der Grund für Wilhelms Abreise? Zum 5. November 1836 erfolgte seine Immatrikulation als Student der Pharmacie in Heidelberg, der fehlende Schulabschluss war dabei offensichtlich kein Hinderungsgrund. Er studierte dort bei Leopold Gmelin, einem der Begründer der modernen Chemie. 1838/39 klappte es dann mit Gießen, wo er bei Liebig seine Studien fortsetzte und sein Staatsexamen als Apotheker ablegte (Vater Büchner soll Liebig persönlich gebeten haben). Liebig attestierte Wilhelm „unausgesetzten Fleiß und regen Eifer“. 

Mutter Büchner hatte sich unnötig Sorgen gemacht, denn es sollte noch besser kommen: 1841 gründete er zunächst im Garten seines Elternhauses in der Darmstädter Grafenstraße – eine kleine chemische Fabrik. Dort experimentierte er mit der Herstellung künstlicher Farbstoffe. Ihm gelang eine Vereinfachung in der Produktion künstlicher blauer Farbe, des Ultramarin, eines begehrten Farbstoffes. Das erste gelungene Ergebnis seiner Experimente soll er mit den Worten „da haben wir die Million“ auf den Mahagonitisch seiner Mutter gelegt haben. 

Die Erfindung war eine Sensation, und Wilhelm verlegte die Produktion bereits 1845 nach Pfungstadt. Seine Farbe entwickelte sich zum internationalen Erfolg, auf den Weltausstellungen in London, Paris und Wien wurde sie mit zahlreichen Medaillen und Auszeichnungen bedacht. Die Farbe, die als Farbstoff und zum optischen Aufhellen von Wäsche benutzt werden konnte, hatte Abnehmer in der ganzen Welt. Mit dem Aufstieg des Unternehmens stieg auch Wilhelm Büchners Wohlstand. In der Familie hieß er nun nur noch der „fidele, freigebige Wilhelm“, der als Erfinder zum „Krösus der Familie“ avanciert war. 1863 erfolgte die Grundsteinlegung der „Villa Büchner“ in Pfungstadt. 

Doch auch als Unternehmer blieb Wilhelm den sozialen Idealen seiner Familie treu. Schon vor Bismarck führte er zugunsten seiner Arbeiter eine firmeneigene Betriebskrankenkasse ein. Viele Jahre saß der Fabrikant im Darmstädter Landtag und von 1877 bis 1884 hatte er als Kandidat der demokratischen „Fortschrittspartei“, auch mit den Stimmen seiner sozialdemokratischen Arbeiter, einen Platz im Berliner Reichstag inne. 1878 stimmte er gegen Bismarcks „Sozialistengesetze“. 

Wilhelm Büchner starb am 14. Juli 1892 in Pfungstadt. Der „dumme Bub“ hatte sich später, wie sein Bruder Alexander in einem Nachruf schrieb, als „bunter Schmetterling“ entpuppt, der „seiner Familie und dem ganzen Lande zur höchsten Zierde gereichte“. Ein Trost für alle „verzweifelten Eltern“?! 

        Dagmar Storck

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