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Berühmte Besucher Butzbachs

BUTZBACH. August Bebel (1840 – 1913), Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie und Förderer der Frauenemanzipation in Deutschland. Repro: Storck

Dagmar Storck über August Bebel / 1860 in Werkstatt des Drechslermeisters Nathan Simon beschäftigt

BUTZBACH. Als die erste Maifeier für 1890 vorbereitet wurde, galt in Deutschland noch das Sozialistengesetz, mit dem Reichskanzler Bismarck die nach seiner Ansicht „vaterlandslosen Gesellen“ (in Wahrheit – verhasste Konkurrenz) bekämpfte. Die Sozialdemokratische Partei, der viele Gewerkschafter nahestanden, war zwar zu den Reichstagswahlen zugelassen, aber als Organisation verboten. Während August Bebel und Wilhelm Liebknecht im Reichstag Reden hielten, musste die Parteizeitung „Vorwärts“ in Schweizer Käse verpackt über die Grenze geschmuggelt werden. 

Trotz drohender Sanktionen beteiligten sich am 1. Mai 1890 in Deutschland etwa 100 000 Arbeiter an Streiks, Demonstrationen und sogenannten „Mai-Spaziergängen“. Hierbei ging es um den Kampf für Arbeitnehmerrechte, kürzere Arbeitszeiten und eine gerechtere, bessere Bezahlung. Auch diese Errungenschaften sind „nicht vom Himmel gefallen“! Eine große Solidarität machte den Tag zum Protesttag der Arbeiterbewegung weltweit. In ihren wichtigen Teilen ist zu einer der großen Freiheitsbewegungen der europäischen, gerade auch der deutschen Geschichte geworden, und dieses bleibt untrennbar mit dem Lebenswerk Bebels verbunden. 

Zusammen mit dem gebürtigen Gießener Liebknecht gilt er als einer der Gründerväter der Sozialdemokratischen Partei, der ältesten im Parlament vertretenen Partei Deutschlands. Mit seinem 1879 erschienen Buch „Die Frau und der Sozialismus“ setzte Bebel sich für die rechtliche Gleichstellung und die gesellschaftliche Emanzipation der Frauen ein. Obwohl man das Buch sofort verbot, wurde es bis 1914 bereits in neun Sprachen übersetzt. Insgesamt erreichte es 60 Auflagen. Bebel hatte großen Anteil daran, dass die SPD die erste Partei war, die die Forderung nach einem Frauenwahlrecht bereits 1891 in ihr Parteiprogramm aufnahm. Wir wissen, der Kampf darum sollte noch bis 1919 dauern. Unzweifelhaft gehört er zu den bedeutenden Politikern in der deutschen Geschichte. 

Geboren wurde er am 22. Februar 1840 als Sohn eines in preußischen Diensten stehenden Unteroffiziers in den Festungs-Kasematten von Köln-Deutz. Die Familie lebte in der damaligen Zeit, wie viele andere, unter erbärmlichen Verhältnissen. Nach dreizehnmonatiger Krankheit erlag sein Vater mit 35 Jahren einer Lungentuberkulose. Frau und Kinder mussten die Kasematten verlassen. Als Bebel viereinhalb Jahre alt war, heiratete die Mutter im Herbst 1844 den Zwillingsbruder ihres Mannes, seinen Taufpaten. Im Sommer darauf starb der jüngste Bruder, gerade einmal drei Jahre alt. Im Oktober 1846 verlor die Mutter den nächsten Mann. Binnen drei Jahren war sie zum zweiten Mal Witwe und die Kinder vaterlose Waisen. Auch aus dieser Ehe hatte Wilhelmine Bebel keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als in ihre alte Heimat Wetzlar überzusiedeln und für sich und die zwei Jungen den Lebensunterhalt mühselig mit Heimarbeit zu verdienen. Dort lebten noch die Großmutter und vier verheiratete Geschwister, drei Schwestern und ein Bruder. 

August und sein Bruder kamen in die Armenschule, die sich im „Deutschen Haus“ befand. Im Vorhof zur Schule stand das Haus, in dem zuvor Charlotte Buff, Goethes „Lotte“, gelebt hatte. August war ein sehr guter Schüler, nur für Religion hatte er keinen Sinn, seine Mutter, die er selbst als eine „aufgeklärte und freidenkende Frau“ bezeichnete, „quälte“ sie zu Hause auch nicht damit. Mit dem Kantor kam er ebenfalls nicht klar: „Oft genug hatte allerdings unser Kantor berechtigte Ursache, mit mir ins Gericht zu gehen. So als ich eines Tages dem dunklen Triebe nach „Berühmtheit“ folgend, in die roten Sandsteinstufen zum Eingang in den Dom in lapidaren Buchstaben meinen vollen Namen, Geburtsort und Geburtstag eingemeißelt hatte“. Neben Rechnen und Geometrie waren seine Lieblingsfächer Geschichte und Geografie. Hier gehörte er zu den besten Schülern. 

Als er 13 Jahre alt war, verstarb auch die Mutter. Die Kinder durften die Tote nicht einmal mehr sehen, mussten ihre Habseligkeiten packen und kamen getrennt jeweils in die Familie einer Tante. Von einem Waisenfonds in Wetzlar erhielten sie finanzielle und materielle Unterstützung. Onkel und Tante, zu denen August kam, betrieben in Wetzlar eine Wassermühle in Erbpacht, in der er mit anpacken musste, bis er Ostern 1854 aus der Schule entlassen wurde. Laut seiner Aussage sah er dem nicht freudig entgegen, gerne wäre er noch in der Schule geblieben. 

Als der Onkel fragte, was er denn werden wolle, antwortete er: „Ich möchte das Bergfach studieren!“. Die Antwort war: „Hast Du denn zum Studieren Geld?“ Mit dieser Frage „war meine Illusion zu Ende“, so August in seinen Erinnerungen. Er erlernte das Drechslerhandwerk und ging nach gängigem Brauch im Februar 1858 als Geselle auf die Wanderschaft. 

1860 kehrte er über mehrere Stationen Richtung Wetzlar zurück. Da in Wetzlar keine Arbeitsstelle zu bekommen war, trat er Mitte März in die Dienste des Butzbacher Drechslermeisters Nathan Simon, dessen Werkstatt sich in der Weiseler Straße 30 befand. Vermutlich bekam er hier auch Unterkunft. Der Aufenthalt sollte nur etwa eineinhalb Monate dauern, doch lassen wir ihn in seinen Erinnerungen selber sprechen: 

„Als aber die Jahreszeit immer schöner wurde und eines Tages drei meiner Schulfreunde mit dem Berliner auf dem Rücken in die Werkstatt traten und mir mitteilten, daß sie sich auf der Wanderschaft nach Leipzig befänden, da zog es mich mächtig hinaus, wie es im Handwerksburschenlied heißt, und ihnen nach. Ich versprach meinen Freunden, binnen drei Tagen zu folgen (…).“

Am 7. Mai 1860, spätabends kamen sie gemeinsam in Leipzig an. Bald fand August bei einem Meister Stellung, der Tür- und Fenstergriffe herstellte, Artikel, mit deren Produktion Bebel sich bereits 1864 selbständig machte. Er kam schnell in die Kreise der Arbeiterbewegung, wo er auch auf seine spätere Frau Julie traf. 1865 lernte er Liebknecht kennen, aus der bloßen politischen Zusammenarbeit wurde ein freundschaftliches Verhältnis der beiden Familien. Julie Bebel hatte engen Kontakt mit Liebknechts zweiter Frau Natalie, der Nichte Friedrich Weidigs. Das Weitere ist vielen bekannt. 

Nie vergessen hat er seine Heimat, in seinem Testament vermachte er aus Dankbarkeit für die frühere Unterstützung dem Waisenfonds in Wetzlar 6000 Mark. Am 13. August 1913 verstarb Bebel nach einem aufreibenden Leben während eines Kuraufenthaltes in der Schweiz. Dagmar Storck       

BUTZBACH. In der Weiseler Straße 30 befand sich die Drechslerwerkstatt von Nathan Simon, in der August Bebel Arbeit fand. Das Haus (später Carl Holland) wurde am Totensonntag 1944 durch Bombenangriffe zerstört. Repro: Storck

                               

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