Fahrzeugsegnung bei St. Gottfried 
8. Juni 2020
Eine Tote und drei Schwerverletzte bei Verkehrsunfall
9. Juni 2020

„Berühmte Besucher Butzbachs“

Ludwig Emil Grimm (1790 – 1863), Selbstbildnis 1813. Repros Dagmar Storck

Heute Teil 7: Der Maler, Zeichner und Radierer Ludwig Emil Grimm (1790 – 1863)

BUTZBACH. „Brüder Grimm“ nannten sich die Sprachwissenschaftler und Volkskundler Jacob (1785 – 1863) und Wilhelm (1786 – 1859) Grimm, wenn sie gemeinsame Veröffentlichungen herausgaben. Weltweit bekannt sind sie für ihre berühmte Sammlung von „Kinder- und Hausmärchen“, die sie von 1812 bis 1858 zusammentrugen und herausgaben. 

Nicht allen bekannt ist, dass sie 1838 mit einem ehrgeizigen sprachwissenschaftlichen Projekt begannen, dem „Deutschen Wörterbuch“ (DWB), dem größten und umfassendsten Wörterbuch zur deutschen Sprache seit dem 16. Jahrhundert mit Wortbedeutungen und Belegstellen. Aus diesem Grund wurde es oft auch als „Der Grimm“ bezeichnet. Beendet wurde es durch die Mitarbeit vieler Generationen erst 1961, nach 123 Jahren. 

Lange Zeit vergessen war, dass es neben Jacob und Wilhelm noch einen weiteren „Bruder Grimm“ gab, der eine eigene Bedeutung erlangte: Ludwig Emil Grimm (1790 – 1863), der als Maler, vor allem aber als Zeichner und Radierer hervorgetreten ist. Für die Märchensammlung seiner Brüder schuf er wunderbare Illustrationen. 

Ab 1791 lebte die Familie Grimm in Steinau an der Straße. Schon früh konnte man Ludwig Emils künstlerische Begabung erkennen. Ohne besondere Anleitung zeichnete er Pflanzen, Tiere und Landschaften nach der Natur. Ab Oktober 1803 lebte er bei einer Schwester seiner Mutter in Kassel, wo er von 1803 bis 1805 das „Lyceum Fridericianum“ besuchte. Anschließend studierte er an der Akademie in Kassel, um die Grundzüge des Zeichnens und Malens kennenzulernen. Zusätzlich erhielt er noch Privatunterricht. 

Auf Fürsprache von Friedrich Carl von Savigny, dem Marburger Professor seiner beiden Brüder Jacob und Wilhelm, studierte er ab Ostern 1809 bis 1814 an der neugegründeten Kunstakademie in München. Durch seine Brüder lernte er auch die Geschwister Clemens und Bettine Brentano, wie auch deren Freund, den späteren Ehemann von Bettine, Achim von Arnim kennen. Sie und viele andere hat er in Zeichnungen, Radierungen und Gemälden festgehalten, so dass wir uns heute ein Bild dieser berühmten Gestalten der Goethe-Zeit machen können. 

Alle waren Mitglieder des sogenannten „Marburger Kreises“ um Professor von Savigny. Letzterer finanzierte auch, neben den beiden Brüdern Jacob und Wilhelm sowie Clemens Brentano, Ludwig Emil Grimm das Studium in München. Durch den Kupferstecher Carl Ernst Christoph Heß lernte er die Grundlagen der Druckgraphik kennen. 1814 unterbrach er das Studium, um am Frankreichfeldzug teilzunehmen. Die anschließende Fortführung seines Studiums in München ermöglichten ihm Stipendien des hessischen Kurfürsten Wilhelm I. und dessen Frau, Kurfürstin Wilhelmine Caroline. 

Im November 1815 begegnete er in Frankfurt am Main Goethe, der voll des Lobes über seine Skizzenbücher und Zeichnungen war. Nach einer dreimonatigen Italienreise 1816, auf der über 50 Reiseskizzen entstanden, ließ Ludwig Emil sich ab 1817 als freier Künstler in Kassel nieder. Es waren wiederum die Beziehungen von Jacob und Wilhelm, hier zu den akademischen Kreisen in Göttingen, die ihm 1823 bzw. 1826 jeweils eine Serie von Auftragsportraits von Gelehrten, Professoren und Doktoren einbrachte. Weitere Aufträge folgten, so schuf er auch Portraits von Heinrich Heine und dem Violinisten Paganini. Bekannt sind vor allem die Bilder seiner Brüder, hier insbesondere das Doppelportrait von 1843. Im Jahr 1832 erhielt er an der Akademie der Bildenden Künste in Kassel eine Anstellung als Lehrer und Professor der historischen Malklasse. 

Ludwig Emil Grimm hat mit seinem Werk einen umfassenden lebendigen Einblick in das Leben der Menschen und den Zeitgeist im 19. Jahrhundert gegeben. Immer wieder erscheinen Steinau und Kassel sowie seine hessische Heimat als Bezugspunkte seiner Welt. Seine Landschaften und Naturstudien zeigen, wie sehr er die Natur und seine Heimat liebte. In seinen Karikaturen und Skizzen nahm er sich und seine Umgebung sehr gern humorvoll aufs Korn. Ein wunderbares Beispiel dafür ist sein humoristisches „Reisetagebuch in Bildern“ von 1850. Im Alter von 60 Jahren begab er sich noch einmal mit seiner Familie auf eine ausgiebige vierwöchige Reise von Kassel bis nach Nürnberg und zurück, die auch sein altes Kinderparadies Steinau einschloss. Er war glücklich, dass er es „noch einmal im Leben“ sehen konnte. 

Alle Stationen, Erlebnisse und Begegnungen dieser Fahrt hielt er in 83 Federzeichnungen auf einer 9,4 Meter langen Rolle fest. Das Original wird in Kassel aufbewahrt. Es sind wunderbare Szenen dabei, aufs Papier gebracht „mit eiligem Stift zum spaßigen Andenken“. Wir verdanken ihm hierdurch einen Einblick in das Leben dieser Zeit und des damaligen Reiseverhaltens. Viele Zeichnungen sind mit kurzen Kommentaren des Künstlers versehen und zeigen, über welchen Humor Ludwig Emil Grimm verfügte. 

Auf der Rückreise von Süddeutschland machte er im Juni 1850 auch Station in Butzbach. In Frankfurt hatte man die Eisenbahn bestiegen. Endstation von Süden her war zu dieser Zeit Friedberg, da dort das größte und architektonisch bedeutendste Bauwerk der Main-Weser-Bahn, das „Rosentalviadukt“, im Volksmund auch „24 Hallen“, noch im Bau war. Es wurde am 1. Dezember 1850 in Betrieb genommen, und soll auf besonderen Wunsch von Großherzog Ludwig II. gebaut worden sein, damit er von seiner Sommerresidenz, der Burg in Friedberg, den Bahnbetrieb besser beobachten konnte! Grimm zeichnete die Szene, wie die Zugpassagiere in Friedberg zur Weiterfahrt nach Butzbach in enge Kutschen verfrachtet wurden. Mit köstlicher Ironie versah er das Bild mit dem Kommentar: „Wer mit will nach Butzbach, als herein, gleich geht‘s los, eingestiegen meine Herrschaften, noch Platz genug“. Auf der Kutsche ist der Hinweis „Omnibus nach Butzbach“ zu lesen. 

Ludwig Emil Grimm verstarb am 4. April 1863 in Kassel an den Folgen einer Lungenentzündung. Seit 2012 existiert in seiner Geburtsstadt Hanau der „Ludwig-Emil-Grimm-Preis für Bildende Kunst“. 

Dagmar Storck

„Omnibus nach Butzbach“, aus „Reisetagebuch in Bildern“, 1850. 

Comments are closed.