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„Berühmte Besucher Butzbachs“

BUTZBACH. Victoria von Battenberg, links neben Kronprinzessin Elisabeth, bei der Taufe ihres Urenkels Charles.

Dagmar Storck über Prinzessin Victoria von Battenberg (Mountbatten), Marchioness of Milford Haven

BUTZBACH. Zu den „berühmten Besuchern Butzbachs“ gehört auch Prinzessin Victoria von Battenberg (Mountbatten), Marchioness of Milford Haven. Die Verbindung der großherzoglichen Familie zu ihrem ehemaligen Kindermädchen „Kathrinchen“ in Butzbach blieb zeitlebens bestehen. Auch ihre Tochter, Alice Seulburger, das Patenkind der Prinzessinen, hielt nach ihrer Heirat im Herbst 1895 den Briefkontakt, insbesondere mit Victoria von Battenberg, aufrecht. 

Am 22. Januar 1901 starb Queen Victoria in Osborne House auf der Isle of Wight. Ihr Tod beendete die seit 1714 bestehende Herrschaft des Hauses Hannover, die mit der Thronübernahme ihres ältesten Sohnes Edward VII. auf das Haus Sachsen-Coburg und Gotha überging. Ihre Enkelin Victoria von Battenberg erbte von ihr das von ihrer Mutter Alice von Hessen gemalte Aquarell von Katharina Müller in Tracht, das bis zum Tode der Queen in England zu bewundern war. 

Als die Butzbacher „Löwenwirtin“ im Jahr 1905 die Leitung des Gasthauses an ihren Sohn übergab, konnte sie sich über ein ganz besonderes Geschenk freuen. Victoria von Battenberg übersandte ihr das besagte Aquarell. Im beigefügten Brief vom 25. Juni 1905 schrieb sie: „Dies Bild ist im August 1862 im Auerbacher Fürstenlager von Prinzessin Ludwig von Hessen, meiner Mutter, gemalt worden und zum Andenken ihrer Mutter, der Königin von England geschenkt worden. Nach dem Tode der Großmama ist es an mich gekommen, und ich habe es Kathrinchen zur Erinnerung gegeben. Victoria, Prinzessin Ludwig von Battenberg“. 

Nach einem erfüllten Leben starb Katharina Müller am 20. August 1907 als angesehene Butzbacher Bürgerin und wurde auch hier zu Grabe getragen. Das Kondolenztelegramm aus dem großherzoglichen Haus lautete: „Ihrem guten Kathrinchen in dankbarer Erinnerung, Ernst Ludwig, Victoria, Ella, Alix“. Die Schleife eines Buketts war mit den gleichen Worten versehen. 

Victoria von Battenberg brachte in ihrem Kondolenzbrief an Katharinas Tochter Alice vom 1. Oktober 1907 noch einmal ihre Dankbarkeit für die treuen und teilnahmsvollen Dienste ihrer Mutter deutlich zum Ausdruck: „Meiner Schwester, der Großfürstin (Elisabeth), ist ihr Verlust besonders nahe gegangen, hat doch unser „Kathrinchen“ gerade Ella als ihr besonderes Pflegekind betrachtet, …“. Ella war zu dieser Zeit bereits Witwe, da ihr Mann Anfang 1905 durch die Bombe eines Sozialrevolutionärs vor dem Moskauer Kreml in Stücke gerissen worden war. Sie verkaufte ihren umfangreichen Besitz, gründete Anfang 1909 das „Martha-Maria-Kloster der Barmherzigkeit“, dem sie als Ordensschwester vorstand. 

Bis 1914 besuchte Victoria regelmäßig ihre Schwestern in Russland (Alix, die letzte Zarin und Ella, Großfürstin Romanow) sowie Irene in Deutschland, verheiratet mit dem Kaiserbruder Prinz Heinrich von Preußen. Wie bereits erwähnt, hatte Victorias Mann Louis in der britischen Royal Navy Karriere gemacht und es (als britischer Staatsbürger!) zum höchsten Amt, dem „First Sea Lord“ gebracht. Trotz seiner anerkannten großen Verdienste drängte ihn Winston Churchill, der zu dieser Zeit die politische Verantwortung für die Royal Navy trug, bei Kriegsausbruch 1914 aufgrund der antideutschen Stimmung im Land zum Rücktritt. Ein „Deutscher“ könne nicht verlässlich den Befehl über die Royal Navy führen und britische Interessen vertreten. Battenbergs Sturz stieß sowohl bei Politikern als auch in der Royal Navy auf großes Bedauern und König Georg V. brachte seine Unterstützung zum Ausdruck, indem er Louis zum Mitglied des „Privy Councils“ (Britischer Kronrat) ernannte. 

Louis und Victoria zogen sich mit ihrer Familie während des ersten Weltkrieges auf die „Isle of Wight“ zurück. Als das britische Königshaus 1917 seinen deutschen Namen Sachsen-Coburg in Windsor änderte, anglisierten auch die Battenbergs ihren Namen zu „Mountbatten“. Von König Georg V. erhielt Louis den erblichen Adelstitel „Marquess of Milford Haven“, mit dem ein Sitz im „House of Lords“ verbunden war. Den Titel erbt jeweils der älteste Sohn und dessen Frau, die weiteren Nachkommen führen den Namen „Mountbatten“ weiter. 

Victoria musste in der darauffolgenden Zeit weitere schwere Schicksalsschläge verkraften: Sie erlebte, wie nach der Kriegsniederlage und der Novemberrevolution 1918 die deutschen Monarchien hinweggefegt wurden und ihr Bruder Ernst-Ludwig in Darmstadt vom Arbeiter- und Soldatenrat abgesetzt wurde. Wenige Monate zuvor waren ihre Schwestern Ella und Alix mit weiteren Familienmitgliedern von radikalen russischen Bolschewiki auf brutalste Art und Weise ermordet worden. Das genaue Schicksal der Angehörigen blieb für die Familie lange Zeit im Unklaren. Die sterblichen Überreste Elisabeths wurden auf Betreiben von Victoria 1920/21 durch die britische Regierung nach Palästina gebracht und im Beisein von Victoria im russisch-orthodoxen Maria-Magdalen-Kloster auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. 1992 erklärte man Elisabeth seitens der russisch-orthodoxen Exilkirche zur Heiligen. 

Kurz nach ihrer Rückkehr aus Jerusalem verstarb Victorias Mann im September 1921 in London. Das Medikament, das ein hinzugezogener Arzt verordnet hatte, besorgte Victoria persönlich in einer nahegelegenen Apotheke. Als sie zurückkehrte, war Louis bereits tot. Als Witwe bezog sie ein Apartment im Kensington Palace. Nach ihrem Biografen wurde sie zu „einer zentralen matriarchalischen Figur im Leben der verbliebenen europäischen Königshäuser“. 

Aufgrund der gesundheitlichen Probleme ihrer Tochter Alice (mehr zu ihr in der nächsten Folge) kümmerte sie sich um die Erziehung ihres Enkels Philip, dem heutigen Prinzgemahl. Philip soll große Ehrfurcht gegenüber seiner beeindruckenden Großmutter empfunden haben. 1937 starb ihr Bruder Großherzog Ernst-Ludwig, noch im selben Jahr kam ihre Enkelin Cecilia (Schwester von Philip) mit ihrem Ehemann Georg Donatus (einem Sohn Ernst-Ludwigs), deren beiden Söhnen und Großherzogin Eleonore bei einem Flugzeugabsturz bei Ostende ums Leben. Sie waren auf dem Weg nach London zur Hochzeit von Ludwig, einem weiteren Neffen von Victoria und seiner Verlobten Margaret. Ludwig, als letzter männlicher Nachkomme seiner Familie, trat etwas später zusammen mit seiner Frau das Erbe des Hauses Hessens an. Ein Jahr nach dem schrecklichen Vorfall starb Victorias ältester Sohn George an Knochenkrebs.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Kensington Palace bombardiert und Victoria zog vorerst nach Windsor Castle, wo sie bei der Familie von König Georg VI. lebte. 1947 wurde Victorias Sohn Louis Mountbatten Vizekönig von Indien. Sie selbst war strikt gegen die Annahme der Stelle. 

In den Jahren 1947 und 1948 gab es aber auch zwei erfreulichere Ereignisse, an denen sie noch persönlich teilnehmen konnte: Die Hochzeit ihres Enkels Philip mit der britischen Thronfolgerin Elisabeth und die Taufe ihres Urenkels Prinz Charles im Buckingham Palace. Am 24. September 1950 starb Victoria im Alter von 87 Jahren an den Folgen einer Bronchitis im Kensington Palace. Sie wurde neben ihrem Ehemann auf der Isle of Wight begraben. Dagmar Storck

BUTZBACH.  Katharina Müller auf der Aquarellzeichnung von Prinzessin Alice, 1862. Repros: Dagmar Storck

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