Berühmte Besucher Butzbachs: Der Dichter Heinrich von Kleist verunglückte mit Kutsche auf Marktplatz

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Berühmte Besucher Butzbachs: Der Dichter Heinrich von Kleist verunglückte mit Kutsche auf Marktplatz

BUTZBACH. Heinrich von Kleist (1777 – 1811) schwebte in höchster Gefahr, als seine Kutsche auf dem Butzbacher Marktplatz verunglückte.

BUTZBACH. Bekanntlich erfolgte die Gründung der Stadt Butzbach an der Kreuzung bedeutender, alter Handelsstraßen. Aus diesen entwickelten sich wichtige Fernstraßen, die viele Besucher durch und in die Stadt führten. Ein Streifzug durch Jahrhunderte Butzbacher Geschichte: 

Heinrich von Kleist 

Im Frühjahr 1801 reiste der uns allen bekannte Verfasser so bedeutender Werke wie „Der zerbrochene Krug“, „Der Prinz von Homburg“ und „Michael Kohlhaas“, Heinrich von Kleist, zusammen mit seiner Schwester Ulrike über Dresden nach Paris. Diese Reise führte beide auch nach Butzbach. Das wissen wir aus einem Brief vom 18.07.1801, den Kleist aus Paris an eine Freundin schrieb. Als „Postbote“ fungierte übrigens Alexander von Humboldt, der den Brief bei seiner Abreise aus Paris am nächsten Morgen bis Weimar mitnahm. 

Die Reise der Geschwister Kleist erfolgte mit zwei eigens dafür gekauften Pferden. Um die Tiere zu versorgen, stoppte man in Butzbach vor einem Wirtshaus mit Futterstation. Hier kam es zu einem spektakulären Ereignis, das Kleist, der sich mitten in einer Lebenskrise befand, zu folgender Schilderung veranlasste (Originalschreibweise): 

„Wir hatten ihnen in Butzbach, bei Frankfurt am Main, die Zügel abnehmen lassen vor einem Wirtshause, sie zu tränken und mit Heu zu futtern. Dabei war Ulrike so wie ich in dem Wagen sitzen geblieben, als mit einemmal ein Esel hinter uns ein so abscheuliches Geschrei erhob, daß wir wirklich grade so vernünftig sein mußten, wie wir sind, um dabei nicht scheu zu werden. Die armen Pferde aber, die das Unglück haben keine Vernunft zu besitzen, hoben sich hoch in die Höhe und gingen spornstreichs mit uns in vollem Karriere über das Steinpflaster der Stadt durch. Ich griff nach dem Zügel, aber die hingen ihnen, aufgelöset, über der Brust, und ehe ich Zeit hatte, an die Größe der Gefahr zu denken, schlug schon der Wagen mit uns um, und wir stürzten -Und an einem Eselsgeschrei hing ein Menschenleben? Und wenn es nun in dieser Minute geschlossen gewesen wäre, darum also hätte ich gelebt? Darum? Das hätte der Himmel mit diesem dunkeln, rätselhaften, irdischen Leben gewollt, und weiter nichts -? Doch für diesmal war es noch nicht geschlossen,-  wofür er uns das Leben gefristet hat, wer kann es wissen? Kurz, wir standen beide ganz frisch und gesund von dem Steinpflaster auf und umarmten uns. Der Wagen lag ganz umgestürzt, dass die Räder zu oberst standen, ein Rad war ganz zerschmettert, die Deichsel zerbrochen, die Geschirre zerrissen, das alles kostete uns 3 Louisdor und 24 Stunden, am andern Morgen ging es weiter-Wann wird der letzte sein?“. 

Aufgrund der lebhaften Beschreibung von Kleist sieht man den Unfall auf dem Butzbacher Marktplatz direkt bildlich vor Augen. Wir erfahren aber auch, dass das Geschwisterpaar nicht nur die schnelle Hilfe tüchtiger Butzbacher Handwerker zur Reparatur der Kutsche benötigte, sondern dass man 24 Stunden in Butzbach verbrachte, bevor die Reise am nächsten Morgen fortgesetzt werden konnte. Wo werden sie genächtigt haben?                                                                                                         

Der Vorfall, und damit Butzbach, hat 1979 übrigens Aufnahme in einen Klassiker der Weltliteratur gefunden. Christa Wolf erzählt in „Kein Ort. Nirgends“ von einer fiktiven Begegnung der deutschen Dichter Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode in Winkel am Rhein (1804). Die beiden, die sich wie „Fremdlinge“ im eigenen Land fühlten (Christa Wolf ging es zu dieser Zeit in der DDR ähnlich), kamen in einem Gespräch auf Butzbach, Wolf lässt Kleist sprechen: „Es ist höchst merkwürdig, wie man einer Denkart, die man für verkehrt erkannt, doch immer wieder unterliegt und die Gewalt nicht aufbringt, den Karren aus der gewohnten Bahn zu reißen. Manchmal kommt eine äußere Erschütterung dem festgefahrenen Kopf zu Hilfe, wie es ihm vor einigen Jahren in Butzbach passiert sei, als die Pferde seiner Kutsche, durch das Geschrei eines Esels hinter ihnen erschreckt durchgegangen seien und ihn und seine Schwester in höchste Gefahr gebracht hätten“. 

„Butzbach? Sagte die Günderrode. Aber das kenn ich doch genau. Da hat doch meine Großmutter gelebt, da habe ich doch nach ihrem Tod ein halbes Jahr gewohnt!“. Als Kleist ihr die Unfallstelle beschreibt, kann sie Einzelheiten beitragen, die er in der Aufregung nicht bemerkt hatte. Karoline war übrigens öfter zu Besuch in der Stadt, doch im besagten Fall hat Wolf nicht ganz korrekt recherchiert, nach dem Tod der Großmutter kümmerte sich Karoline von Januar bis März 1800 um den Großvater in der Butzbacher Färbgasse.                                                                                                             Dagmar Storck       

 BUTZBACH. Noch im Jahr 1920 zog Esel „Castor“ den Lieferwagen der Fa. Braubach und Fischer durch die Stadt. Repros: Dagmar Storck

                                                                                                           

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