Hoch über Cleeberg …
13. Dezember 2017
Fahrzeug wurde Raub der Flammen 
14. Dezember 2017

Betrüger kontrollierte sich selbst

GERICHT – Millionen im Rotlichtmilieu ausgegeben / „Buchungen hätten in Sparkasse auffallen müssen“

WETTERAUKREIS (jwn). Trifft die Sparkasse Oberhessen eine Mitschuld an der Millionen schweren Veruntreuung durch einen ihrer leitenden Angestellten?  Der muss sich derzeit wegen der Veruntreuung von rund 8,7 Millionen Euro zulasten seines ehemaligen Arbeitgebers, der Sparkasse Oberhessen, vor der großen Strafkammer am Gießener Landgericht verantworten.

Laut Anklage soll der 44-jährige Familienvater aus Limeshain in den vergangenen zehn Jahren durch geschicktes Hin- und Herbuchen auf internen Konten der Sparkasse das Geldinstitut um den Millionenbetrag betrogen haben. Sehr leicht habe ihm die Sparkasse den Betrug gemacht, denn die Kontrollen seien entweder viel zu lax oder gar nicht vorhanden gewesen.

Bis ins Detail beschreibt der vollumfänglich geständige Angeklagte sein Vorgehen. Der Bau seines Hauses habe ihn 2007 in eine finanzielle Krise geführt. Deshalb habe er erst mit einem kleinen Betrag die Betrugsserie angefangen. Als das nicht auffiel und auch die größeren Überweisungen in der der Revisionsabteilung der Sparkasse unentdeckt blieben, waren die Skrupel schnell hintenangestellt. „Einen Teil des Geldes habe ich ja auch für meine beiden Kinder angelegt, damit die versorgt sind, wenn alles auffliegt“, verteidigt sich der Angeklagte vor Gericht.

Gut die Hälfte der fast neun Millionen Euro wurde im April, als eine Berliner Bank, bei der der Angeklagte sein Konto und die seiner Familienangehörigen führte, von der Polizei noch vorgefunden. Die andere Hälfte hingegen hatte er jedoch nicht etwa durch einen aufwendigen Lebensstil wie teure Autos oder lange Reisen verprasst, sondern durch seine sexuelle Neigung zu Sado-Maso-Praktiken war er in ein Rotlichtmilieu abgeglitten und von zwielichtigen Gestalten um Millionenbeträge erpresst worden. 1,7 Millionen Euro hat laut Aussage der Polizei eine Kölnerin über viele Jahre von dem Angeklagten gefordert und erhalten. Sogar eine Wohnung hat sie sich von dem Angeklagten finanzieren lassen.

Immer wieder ungläubiges Kopfschütteln bei den zahlreichen Zuhörern löst auch die Vernehmung des Fachbereichsleiters Revision bei der geschädigten Sparkasse Oberhessen aus. „Natürlich hat die Sparkasse Kontrollsysteme, die derartigen Betrug eigentlich unmöglich machen sollten. Und eigentlich hätte es dem Vorgesetzten des Angeklagten bei den Quartalsberichten auffallen müssen. Aber weil der Umgang untereinander so vertrauensvoll und kumpelhaft war, wurde auf die Kontrolle verzichtet“, so der Bereichsleiter Revision. Fest steht, dass der Angeklagte Überweisungen außerhalb seiner Kompetenz ausgeführt hat, die zudem auch deutlich zu hoch waren und deren Zahlungsgrund nicht plausibel war. Wäre mindestens eine dieser drei Komponenten bei einer Kontrolle aufgefallen, so wäre der Angeklagte viel früher aufgeflogen.

Erschwerend kam hinzu, dass der Angeklagte, der Fachbereichsleiter Rechnungswesen war, seine eigenen Mitarbeiter kontrollieren musste. Die ließen jedoch Überweisungen, die der Angeklagte als ihr Chef unterschrieben und abgestempelt hatte, ohne jede weitere Prüfung passieren. „Nach diesem System hat der Angeklagte sich somit selbst kontrolliert,“, wunderte sich der Vorsitzende Richter Holtzmann.

Die Sparkasse Oberhessen hat inzwischen aus diesem Vorfall ihre Konsequenzen gezogen. Das Rechnungswesen, das bisher dem Vorstandsvorsitzenden Günter Sedalk unterstand, wurde aufgeteilt und einem anderen Vorstandsmitglied zugeordnet. Dem Vorgesetzten des Angeklagten wurde ebenso gekündigt wie der Sachbearbeiterin, die dem angeklagten Chef vertraut hatte. Die Frau hat jedoch auf Wiedereinstellung geklagt und vor Gericht Recht bekommen.

Der Prozess wird am 14. Dezember am Gießener Landgericht fortgesetzt und möglichweise auch das Urteil schon gefällt.

Comments are closed.