Butzbach hat jetzt „Synagogenplatz“

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Butzbach hat jetzt „Synagogenplatz“

BUTZBACH. Manfred de Vries, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, und Butzbachs Bürgermeister Michael Merle enthüllen die Tafel zur neuen Straßen- bzw. Ortsbezeichnung „Synagogenplatz“ am Standort der ehemaligen Synagoge. Text + Fotos: dt

POGROM-GEDENKEN – Kaddisch-Gebet und Mahnung / „Hassparolen und Tabubrüchen entgegentreten“

BUTZBACH (dt). Die diesjährige Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht am 9. November 1938 am Gedenkstein in der Wetzlarer Straße war am frühen Samstagabend in mehrfacher Hinsicht eine besondere. Einmal war es die Erinnerung an das heute unfassbare Geschehen vor genau 80 Jahren, zum anderen hat Butzbach nun mitten in der Stadt als Straßenbezeichnung einen
„Synagogenplatz“, der Platz am heutigen Hallenbad, wo die einstige, 1926 erbaute und 1938 zerstörte Synagoge stand. Gestaltet wurde das knapp einstündige Gedenken einerseits von Ansprachen von Bürgermeister Michael Merle, des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, Manfred de Vries, des Pfarrers der evangelischen Markusgemeinde Jörg Wiegand und der katholischen Gemeindereferentin von St. Gottfried, Brigitte
Mackrodt, mit einem Fürbitten-Gebet.  

Schüler des Leistungskurses Geschichte der Jahrgangsstufe 12 der Weidigschule mit Lehrerin Andrea Schreiber-Guth verlasen Häftlingsberichte und Gedichte. Zudem wurden die Namen der jüdischen Opfer aus allen Butzbacher Stadtteilen von den Schülern verlesen, wobei von ein Schüler zu jedem Namen eine Kerze entzündete. Den musikalischen Teil der Gedenkstunde gestaltete der Posaunenchor der Markusgemeinde mit Musikstücken zwischen den Ansprachen. 

Bürgermeister Merle erinnerte an die festlich-fröhliche Einweihung der neuen Butzbacher Synagoge, über die die BZ im August 1926 berichtet hatte: „Gemeinsam und in Einigkeit, friedvoll, feierte man die offizielle Einweihung der Synagoge. Es war ein Festtag, ein Feiertag für ganz Butzbach. Hier an diesem Platze kam der Festzug an, der am Rathaus seinen Anfang genommen hatte.“ In diesen Jahren hätten alle Menschen in Butzbach, unabhängig von ihrer Religion, gemeinsam zusammengelebt, als Bekannte, Freunde, in der Schule, beim gemeinsamen Arbeitgeber oder zusammen im gleichen Verein.  

Nur knapp sieben Jahre darauf habe sich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland dies alles verändert und „der Leidensweg der deutschen Juden und des europäischen Judentums, der in dem Menschheitsverbrechen des Holocausts mündete“, habe begonnen. Deutschlandweit seien beim Pogrom im November 1938 etwa
30 000 jüdische Männer ab 14 Jahren interniert, mehrere hundert Menschen seien ermordet worden. „Die materielle Bilanz waren 1200 niedergebrannte Synagogen und Gebetshäuser und 7500 zerstörte Geschäfte,“ unterstrich Merle. Auch die Butzbacher Synagoge sei am 10. November 1938 in Flammen aufgegangen. 

Es schmerze, sich diesen historischen Wahrheiten zu stellen. Dieser Platz der Trauer, der Mahnung und des Gedenkens, die Stimmen der Opfer und die gemeinsame geschichtliche Verantwortung forderten dazu auf, mit aller Entschiedenheit Hassparolen und heute wieder gesellschaftsfähigen Tabubrüchen entgegenzutreten. In Anlehnung an ein Zitat des Frankfurter Bürgermeisters Uwe Becker stellte Merle fest: „Butzbach hat damals seinen jüdischen Mitbürgern nicht geholfen, Butzbach hat sie verraten und ist an ihnen schuldig geworden.“ Die jüdische Gemeinde Butzbachs sei seinerzeit ein „gewachsener und wichtiger Teil“ der Stadt gewesen, der „aus dem Herzen unserer Stadt herausgerissen“ worden sei. 

In Erinnerung an die Worte des seinerzeit bei der Einweihung amtierenden Butzbacher Bürgermeisters Dr. Jansen schloss Merle: „Möge von unserer Stadt heute und in Zukunft stets Frieden und Einigkeit nach innen und außen ausstrahlen.“ 

Gemeinsam mit de Vries enthüllte Merle die Schildtafel, mit der die Gedenkstätte nun die offizielle Ortsbezeichnung „Synagogenplatz“ tragen wird. De Vries dankte der Stadt Butzbach, die sich der Verantwortung unumwunden stelle. Der moderne, wieder aufkommende, vielfache akzeptierte Antisemitismus, der sich oftmals hinter einer Kritik am Staat Israel verstecke, sei erneut in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Abschließend sprach de Vries das jüdische Kaddisch-Gebet.  

„Erinnerung ist lebenswichtig für uns alle, Menschen werden an Seele und Geist krank, wenn sie sich nicht mehr erinnern wollen“, war die klare, präzise, unmissverständliche Kernaussage von Pfarrer Wiegand, ausgehend von Psalm 32: „Da ich meine Sünden verschweigen wollte, verschmachteten meine Gebeine.“ Viele von uns hätten Vorfahren, die sich an den Verbrechen beteiligt hätten, die heute rechtspopulistische Politiker als „Vogelschiss“ bezeichnen würden. Wiegand betonte: „Wir können der Geschichte nicht entkommen, wir müssen für Frieden und Menschlichkeit in unserer Gesellschaft eintreten.“ 

Ein Fürbitten-Gebet, von Mackrodt gesprochen, schloss sich an, ehe Bürgermeister Merle mit Dankesworten an alle Beteiligten und Besucher die Gedenkveranstaltung schloss. 

Für jedes jüdische Opfer aus Butzbach entzündete ein Schüler eine Kerze.

Schüler des Leistungskurses Geschichte Klasse 12 der Weidigschule verlasen die Namen der jüdischen Opfer aus allen Butzbacher Stadtteilen.

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