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Butzbacher Sportler setzen Weidigs Ideale vor 175 Jahren in die Tat um

BUTZBACH. Zum 200-jährigen Jubiläum „Erster Turnplatz in Hessen auf dem Butzbacher Schrenzer“ wird im Juli 2014 eine Weidig-Ausstellung im Butzbacher Rathaus eröffnet.

Geschichte der Gründung des TSV Butzbach 1846 aus der Turnerbewegung / Verein hat heute 2200 Mitglieder 

BUTZBACH (ba). Der TSV 1846 Butzbach feiert in diesem Jahr Jubiläum und blickt nunmehr auf 175 Jahre Turn-und Sportbewegung zurück, hat Tradition und Moderne geschickt verknüpft, und ist in den vergangenen 25 Jahren mit seinen Vorsitzenden Dieter Giebel (1989 – 1997), Hermann Bang (1998 – 2011), Ralph Bastke (2012 – 2017) und Michael Rüspeler (2018 – heute) seiner wichtigen sozialpolitischen Aufgabe im sportlichen und gesellschaftlichen Bereich gerecht geworden. Mit großem Stolz und der guten Hoffnung auch in Zukunft Verwirklichungsort und sportliche Heimat für seine Sportler und Funktionsträger sein zu können, darf der mit 2200 Mitgliedern größte Verein in Butzbach wegen der Pandemie die geplanten Feiern nicht begehen. 

Im Jahr 1811 löste Turnvater Jahn eine nationale Turnbewegung aus, für die die Jugend begeistert und in einer neuen Gesellschaftsform, der Demokratie, erzogen werden sollte. Vorher schon
hatte Guts-Muths, Lehrer im thüringischen Schnepfenthal, bei seinen Schülern die erste systematische und pädagogisch begründete Leibesübung eingeführt. Auch der Pädagoge Johann Pestalozzi nahm die Leibesübungen in sein Erziehungsprogramm auf. Jahn erkannte die große Bedeutung der Leibesübungen für die Gesamterziehung. Die körperlichen Übungen nannte er „Turnen“. Vor den Toren Berlins in der „Hasenheide“ baute er mit seinen Schülern den ersten Turnplatz in Deutschland auf. 

BUTZBACH. Moritz Kuhl wurde 1846 zum 1. Vorsitzenden der Turngemeinde Butzbach gewählt. E führte den Turnverein 27 Jahre lang bis zu seinem Tod 1876. Kuhl war ein Wegbegleiter von F.L. Weidig. Text: ba

Bereits drei Jahre später errichtete Friedrich Ludwig Weidig 1814 auf dem Schrenzer in Butzbach den ersten Turnplatz im Großherzogtum Hessen. Seine Schüler exerzierten mit hölzernen Gewehren und Säbeln und übten sich im Springen, Werfen und Laufen. Das freiheitsbewusste Auftreten der Turner erregte jedoch nicht nur in Butzbach den Unwillen der Reaktion. Als der Burschenschaftler Sand auf Staatsrat Kotzebue ein Attentat verübte, fand Jahns Turnidee ein jähes Ende. 

Die Regierungen ließen alle Turnplätze schließen und auch Weidig musste in Butzbach die Turngeräte abbauen. Im Januar 1827 bezog der frisch vermählte Lehrer, Turner und Freiheitskämpfer ein Haus in der Langgasse (heute BZ) und begann im dazugehörigen Garten wieder mit dem Turnen. Kletterseile, Reck, Barren, Schaukeln und Kletterstangen konnten zur Körperertüchtigung genutzt werden. Dabei war jedermann die Teilnahme gestattet. Weidig führte außerdem den Fechtunterricht ein. Als er 1834 gegen seinen Willen nach Obergleen im Kreis Alsfeld strafversetzt wurde, führte sein Schüler Moritz Kuhl, der mit ihm im gleichen Haus gewohnt hatte, die Körperertüchtigung für die Allgemeinheit fort. 

In den meisten deutschen Ländern war das Turnen zu Beginn des 19. Jahrhunderts für die Obrigkeit ein „Dorn im Auge“, Vereinsgründungen gab es noch nicht. Als der Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. im Juni 1842 die Leibesübungen als notwendigen Bestandteil der männlichen Erziehung anerkannte, traten die Turner wieder vielerorts in Erscheinung. Ab 1840 wurden im Großherzogtum Hessen zahlreiche Turnvereine aus der Taufe gehoben. 

Die beiden Butzbacher J.W. Küchel und Chr. Rübsamen, die in der Turn-anstalt von August Ravenstein in Frankfurt turnten, trieben eine Vereinsgründung voran. „Um die Sache in Schwung zu bringen“, wurde mit der 1845 gegründeten Turngemeinde Friedberg Verbindung aufgenommen. Küchel trat besonders energisch für die Gründung eines Turnvereins in seiner Heimatstadt ein. „Für Butzbach kann das Unternehmen nur segensreich werden, denn viele junge Leute wissen ihre Zeit, besonders an Sonntagen, kaum anders zu verbringen, als sie im Wirtshaus totzuschlagen. Ich bin sicher, einmal angefangen, wird sie eines kräftigen Fortgangs nicht ermangeln“, schrieb Küchel in einer Nachricht an Kollektor Kuhl. 

Turnvater Ravenstein erklärte sich bereit, mit einigen seiner Frankfurter Schützlinge und den Friedberger Turnern am „Turngang“ in Butzbach teilzunehmen. Mit dem Vorführen turnerischer Übungen wollte man dort das Interesse der jungen Leute wecken. Am 9. November 1845, dem Tag des Friedberger Besuchs in Butzbach, sollte der Butzbacher Turnverein gegründet werden. Da jedoch für die Herbst-und Wintermonate kein geeigneter Raum zur Verfügung stand, wurde die Vereinsgründung verschoben. Erst am 28. März 1846 erfüllten sich die Wünsche der Butzbacher Turnfreunde. Die Turngemeinde Butzbach von 1846 wurde aus der Taufe gehoben. 

Als Vorlage für eine Satzung diente die Gesellschaftsordnung der Turngemeinde Friedberg. Der Hauptzweck sei es, die körperliche Ausbildung der männlichen Jugend und ihre Fortbildung zu sittlicher Tätigkeit in deutschem Sinn zu fördern. In der Gründungsversammlung wurde Kollektor Kuhl zum Vorsitzenden gewählt. Die weiteren Vorstandsmitglieder hießen Karl Braubach (Stellvertreter), Konrektor Steinberger (Schriftführer), Heinrich Bergauer (Rechner) und Kantor Eckardt (Beisitzer). Ein Jahr später kam Georg Vömel als Zeugwart in das Führungsgremium. Die Übungsstunden leitete zunächst der Vorstand, weil es noch keinen geeigneten Turnwart gab. 

BUTZBACH. Der TSV Butzbach begeht sein 175-jähriges Vereinsjubiläum. – Unser Bild zeigt die Vereinsfahne aus dem Gründungsjahr 1846.

Von Gastwirt Becker im „Deutschen Hof“ wurde ein Stück des Gartens für drei Jahre gemietet. Es war der erste Turnplatz der Butzbacher Turngemeinde. Nur in Turnkleidung, Hose und Jacke aus ungebleichtem Leinen, durfte geturnt werden. An Turngeräten standen Barren, Reck, Klettergerüst, Kletterstangen, ein Knotenseil und ein Schwebbaum zur Verfügung. 

Vorsitzender Kuhl hatte bereits in den Revolutionsjahren 1848/49 seine erste Bewährungsprobe zu bestehen. Er musste seine ganze Autorität aufbieten, um eine Spaltung des Vereins zu verhindern. Eine Anzahl von Handwerksgesellen unter Führung von Georg Vömel beschlossen in demokratischer Abstimmung den Anschluss der Turngemeinde an den „Demokratischen Turnerbund“, der von seinen Mitgliedern die Anerkennung einer demokratischen Republik verlangte. Andere Turner wollten sich dem neu-tralen „Deutschen Turnerbund“ anschließen. Kuhl konnte die beiden Parteien davon überzeugen, vorerst keiner Institution beizutreten. Damit war die drohende Spaltung abgewendet. 

Kuhl, der im Jahr 1848 die Genehmigung zur Gründung einer Druckerei erhielt, druckte in den Revolutionsjahren Flugblätter, um für die errungenen Freiheiten zu demons-
trieren. Der zweite Vorsitzende Karl Braubach turnte im Juli 1849 bereits mit 85 Knaben und 65 Mädchen unter seiner Anleitung in der „Butzbacher Turnanstalt für Schulen“. (Vgl. auch Bericht „TSV übersteht wechselvolle Zeiten“.)

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