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Butzbacher Studiendirektor wird ab August Schulleiter in Palästina

Studiendirektor Matthias Wolf führt ab August eine evangelisch-lutherische Schule in Palästina. Foto: Rühl

54-jähriger Matthias Wolf hat bereits Auslandserfahrungen gesammelt

BUTZBACH (lr). Studiendirektor Matthias Wolf (Grünberg) hat ab August einen ungewöhnlichen Arbeitsplatz: Er übernimmt die Leitung einer deutschen Schule in der palästinensischen Stadt Beit Jala zwischen Jerusalem und Bethlehem. Der 55-Jährige hat dafür seine Stelle als Fachbereichsleiter am Weidiggymnasium in Butzbach aufgegeben. Durch Vermittlung der Zentralstelle für das deutsche Auslandsschulwesen hat Wolf die Stelle im Westjordanland gefunden. Sein Vorgänger an der vom Berliner Missionswerk getragenen Schule „Talitha Kumi“, Rolf Lindemann ist zum Schuljahresende in den Ruhestand getreten. Die evangelisch-lutherische Schule wird in Zusammenarbeit mit der „Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land“ betrieben. 

Der Name der Schule hat biblische Wurzeln:„/Talitha kumi/- Mädchen steh auf!“ Dieses Zitat stammt aus dem Neuen Testament, das berichtet, wie Jesus Christus die verstorbene Tochter des Synagogenvorstehers Jairus mit diesen Worten wieder auferweckte. „Das Schulzentrum Talitha Kumi mit rund zehn Hektar Fläche liegt in Beit Jala auf der höchsten Erhebung in der Region Bethlehem, von der man einen schönen Rundblick auf die umliegenden Hügel, Täler und Dörfer hat. An klaren Tagen kann man sogar das Jordanische Gebirge hinter dem Toten Meer sehen. Zu dem Schulzentrum gehört ein Gästehaus mit 40 Zimmern, einem Buffet-Restaurant, Tagungsräumen, einer Terrasse und einem gemütlichen Lobbybereich“, erzählt Wolf, der bereits Auslandserfahrungen gesammelt hat. 

Von 1998 bis 2001 war er als Lehrer an der Christlichen Deutschen Schule in Chiang Mai in Thailand, einer Einrichtung der Marburger Mission. Auch seine Frau Elvira hat an der Schule gearbeitet, bis Tochter Valerie, heute 17 Jahre alt, geboren wurde. Sohn Christopher (14) erblickte das Licht der Welt in Deutschland, bevor Wolf ein weiteres Mal nach Thailand ausreiste. Von 2005 bis 2011 war er als Schulleiter in Chiang Mai. Sein langjähriger Wunsch, nochmals eine Schule im Ausland zu führen, gehe nun in Erfüllung. Schon vor sieben Jahren habe er die Schule bei einer Tagung in Ägypten kennengelernt. 

Auf ihn warten nun neue Herausforderungen. Zu „Talitha Kumi“ gehören nicht nur die Schule und das Gästehaus, sondern auch ein Kindergarten, ein Internat für Mädchen und eine Fachschule für Hotelmanagement. Er wird Chef von rund 100 Mitarbeitern, darunter 55 palästinensische und sieben von der Bundesrepublik Deutschland vermittelte Lehrerinnen und Lehrer. Außerdem gibt es sechs Helfer/innenim Freiwilligen Sozialen Jahr. Eine davon ist Samira Walldorf, die Tochter des ehemaligen Grünberger Pfarrers Dr. Jochen Walldorf. In früheren Jahren hat die Tochter von Bundespräsident Walter Steinmeier hier ebenfalls ein Freiwilligenjahr absolviert. 

Dass die Schule eine christliche Einrichtung ist, zeigt sich unter anderem daran, dass jeden Morgen für alle Schüler eine Andacht gehalten wird. Zudem werden die christlichen Feste im Jahreskreis bewusst gefeiert. Für muslimische Kinder gibt es muslimischen Religionsunterricht und für die christlichen einen ökumenischen Religionsunterricht. 

Die Schule „Talitha Kumi“ blickt bereits auf eine lange Tradition zurück. Es war im Jahr 1851, als Pfarrer Theodor Fliedner (1800 bis 1864), Gründer des Diakoniewerks in Kaiserswerth bei Düsseldorf, mit Unterstützung von vier Diakonissen in Jerusalem ein Kinderheim für arabische, jüdische und armenischeMädchen errichtete, denen damit erstmals Bildungsmöglichkeiten eröffnet wurden. 1975 übernahm das Berliner Missionswerk die Trägerschaft. 

Dass es evangelisch-lutherisches Engagement in der Region gibt, hat mit Ereignissen zu tun, die ins 19. Jahrhundert zurück reichen. Im Jahr 1831 eroberte Mohammed Ali von Ägypten das Gebiet und regierte es bis zum Jahre 1840, als die Türken mit Hilfe der Briten und Österreicher die Herrschaft zurückgewannen. Als Gegenleistung für ihre Hilfe bei der Besiegung von Mohammed Ali erlaubten die Türken europäischen Kirchen und Organisationen, sich in Palästina niederzulassen. Britische Anglikaner, preußische Lutheraner, französische Katholiken und die russisch-orthodoxe Kirche begannen, Kirchen, Schulen und Krankenhäuser im Heiligen Land zu errichten. So gibt es seit 1989 in Beit Jala eine weitere deutsche Einrichtung, das Rehabilitationszentrum Lifegate, das von dem ehemaligen Gießener CVJM-Sekretär Burghard Schunkert geleitet wird. Es verfügt über zwei Wohngruppen für körperbehinderte, gehörlose und lernbehinderte Jugendliche, hat eine Ausbildungswerkstatt und eine Beschützende Werkstatt, die Arbeitsplätze für Menschen mit Körperbehinderungen bietet. 

Doch zurück zu „Talitha Kumi“, die zu den Leuchtturmschulen Palästinas zählt, seit sie 1997 in den Kreis der UNESCO Schulen aufgenommen und 2017 als „Exzellente Deutsche Auslandsschule“ zertifiziert wurde. „Ziel unseres Einsatzes für palästinensische Kinder und Jugendliche ist es, durch Bildung zu Verständigung und zum Frieden beizutragen in einer wenig friedvollen Region“, so Wolf. In der Region um Beit Jala sei es weitgehend friedlich und die Schule ein Idyll umgeben von Weinbergen. Die ständig im Fernsehen gezeigten Bilder von gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen aus dem Gazastreifen, der 70 Kilometer entfernt liegt. Übrigens gibt es eine Besonderheit an der Schule „Talitha Kumi“: Grundsätzlich ist samstags Unterricht, aber wegen der muslimischen und christlichen Schüler ist Freitag und Sonntag schulfrei.

Während der hessischen Schulferien verbringen seine Frau Elvira und die beiden gemeinsamen Kinder Valerie und Christopher drei Wochen Urlaub mit Matthias Wolf im Westjordanland. Sie werden aber zunächst weiter in Grünberg wohnen bleiben, denn Tochter Valerie wird in zwei Jahren das Abitur machen und Sohn Christopher die Realschule abschließen.

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