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Der freie Wille macht den Unterschied

Foto: dreut

VORTRAG – Jüdische Gemeinden in Deutschland Thema im Museum / Diskussion über Antisemitismus

BUTZBACH (dt). Er hatte interessante Zahlen mitgebracht zu seinem Vortrag am Mittwoch in der Industriehalle des Butzbacher Museums. Manfred de Vries, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, referierte im Rahmen der aktuellen Anne-Frank-Ausstellung zum Thema „Religiöse Richtungen im Judentum: Spektrum der jüdischen Gemeinden in Deutschland“. Demnach leben in Deutschland 200 000 jüdische Mitbürger, wovon lediglich die Hälfte Mitglied in einer der 109 bestehenden jüdischen Gemeinden ist. 65 der Gemeinden seien „religiöse Gemeinden“, die restlichen 44 seien „Liberal- oder Reform-Gemeinden“. Nach dem faktenreichen Kurzvortrag ergab sich zwischen den Teilnehmern der Veranstaltung eine lebhafte, differenzierte Diskussion um  den Begriff des Antisemitismus und einer eventuelle Korrelation mit der Kritik an der Politik des Staates Israel.  

De Vries stellte zunächst die Frage in den Raum, wer eigentlich „jüdisch“ sei. Seine klare Definition: „Nur wessen Mutter jüdisch ist, ist halachisch jüdisch.“ Das Judentum sei nie eine einheitliche Größe gewesen, da jeder Mensch als Ebenbild Gottes für sich frei entscheiden könne, wie er das Judentum leben möchte. Der Rabbiner sei nur Lehrer und interpretiere Thora, Gemara und Talmud. 

Der Referent unterschied zwischen vier religiösen Richtungen im Judentum. „Orthodox“ lebe, wer sich an die Überlieferung der 613 Ge- und Verbote in den Vorschriften der Thora und des Talmud halte. Dazu gehöre auch die Einhaltung des „Kaschrut“ (kein Schweinefleisch, keine Krustentiere und daneben kein Milchiges und Fleischiges in einer Mahlzeit zu sich nehmen); oft würden kontinuierlich Kippa, Zizit (Schaufaden) und eine charakteristische Kleidung und Haartracht getragen.   

„Liberal oder reformiert“ heiße, dass man die religiösen Überlieferungen unter den Bedingungen der Neuzeit verändere. Dazu gehöre im Gottesdienst das Zusammensitzen der Geschlechter, Frauen mit Rabbineramt, der Gebrauch von Musikinstrumenten wie beispielsweise der Orgel, während die Speise- und Schabbatgesetze nicht verpflichtend seien. Das Reformjudentum sei im 19. Jahrhundert in Deutschland entstanden. „Konservativ“ sei, wer sich an die religiösen Überlieferungen halte, sein Leben diesen jedoch nicht gänzlich unterordne, einen „Mittelweg“ gehe. Diese Richtung sei ebenfalls in Deutschland entstanden, sei heute aber eher in den USA verbreitet. Die vierte Richtung sei der „Rekonstruktionismus“, der das Judentum als Kultur verstehe und die Thora nicht als Gott gegeben wahrnehme. „Aus der Assimilation und dem Antisemitismus ist der Zionismus entstanden und wirkt als Wiederbelebung des jüdischen Volkes“, unterstrich de Vries. 

Die heutige jüdische Gesellschaft sei breit gefächert und setze sich zusammen aus Orthodoxen, Ultra-Orthodoxen, Sekulären und Reform-Juden, wobei die Grenzen fließend seien, da jeder sich seine Religion aus den vorhandenen Teilen selbst zusammensetze. Von den 100 000 jüdischen Bürgern in den Gemeinden in Deutschland lebten nur fünf Prozent orthodox, 60 Prozent hielten sich je nach Neigung und ethischer Tradition an einen Teil der Gesetze, und 35 Prozent seien nicht praktizierende Juden, blieben aber in ihren Gemeinden wegen der dort vorhandenen sozialen Dienstleistungen. „Das Judentum ist nicht sehr fest organisiert und gegeneinander abgekapselt. Der wesentliche Unterschied zum Christentum und Islam ist der freie Wille eines Jeden und das Verbot des Missionierens. Somit müssen Juden nicht andere von ihrem Glauben überzeugen. Sie können allen anderen Religionen den notwendigen Respekt zollen“, bilanzierte de Vries. Die talmudische Ethik sage: „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du ein Ebenbild Gottes. Wer ist ein Weiser? Wer von jedem Menschen lernt. Wer ist ein Held? Wer sich selbst beherrscht.“ Die jüdische Ethik werde vom Rabbinat kontinuierlich weiterentwickelt, auch hinsichtlich Themen wie Homosexualität, Gleichberechtigung, Geburtenkontrolle, künstliche Befruchtung, Verhalten von Soldaten im Krieg, Sterbehilfe oder Suizid.  

In der Diskussion zum latent vorhandenen Antisemitismus, den offen dokumentierten Antisemitismus von Muslimen wie beispielsweise zuletzt in Berliner Schulen und die politische Linie des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu gegenüber den Palästinensern gab es divergierende Meinungsäußerungen. De Vries sah eine eindeutige Verbindung von Antisemitismus und Israel-Kritik und plädierte dafür, dass Kritik am Staat Israel nur intern in Israel geäußert werden solle. In Deutschland gebe es mittlerweile – neben den „alten Klischees“ gegenüber Juden – einen „linken Antisemitismus“. De Vries stellte fest: „Israel ist der einzige demokratische Staat im Nahen Osten.“ Das Land sei von Feinden umgeben und nahezu permanent von diesen bedroht. Das israelische Volk sei „ein traumatisiertes Volk“, das um sein Existenzrecht streiten und kämpfen müsse. 

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