Der innere Drang, weiter zu schreiben

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Der innere Drang, weiter zu schreiben

Stadtlesen Bestseller-Autorin Zsuzsa Bánk liest in Alter Turnhalle / Vom Alltag zweier kluger Frauen

BUTZBACH (dt). „Schreiben ist ein einsamer Vorgang, hat etwas Autistisches“, gestand die Bestseller-Autorin Zsuzsa Bánk am Samstagnachmittag im Interview, das der Butzbacher Autor und Kabarettist Martin Guth mit der renommierten Schriftstellerin führte. Und die beiden kurzen Gespräche, die Guth – vor der Lesung und im Anschluss – führte, waren höchst spannend und ließen die Zuhörer einen informativen Blick über die Schulter der renommierten Autorin werfen, die zwei längere Abschnitte aus ihrem jüngsten Roman „Schlafen werden wir später“ las. Mit kräftiger – organisatorischer und auch finanzieller – Unterstützung der Buchhandlung Bindernagel war die Veranstaltung ein Highlight im Rahmen der Aktion „Stadtlesen.

Wegen des einsetzenden Regens war die Veranstaltung in die Alte Turnhalle verlegt worden. Wie die Autorin wissen ließ, habe sie bereits als Kind den Drang zum Schreiben verspürt, habe täglich ihre Gedanken und Erlebnisse in Tagebüchern festgehalten und sei eine leidenschaftliche Briefschreiberin gewesen. Daneben habe es früh Gedichte, Geschichten und Romananfänge gegeben. Mit Anfang 20 schließlich habe das Ganze konkretere Formen angenommen. Doch lange noch habe sie eine innere Hemmung verspürt, sich bei Eintragungen oder Angaben zu ihrem Beruf als „Schriftstellerin“ zu bezeichnen. Eher habe sie der Berufsbezeichnung „Journalistin“ den Vorzug gegeben. Auf Guths Nachfrage bestätigte sie, dass es keineswegs einfach sei, „vom Schreiben zu leben“. Nach ihrem ersten Debüt-Erfolg mit dem Roman „Der Schwimmer“ habe sie vor dem zweiten Buch „keinen Druck“ verspürt, wie das bei manchen Autoren vor einem zweiten Text der Fall sein kann. Sie folge ihrem „inneren Drang weiter zu
schreiben“; allerdings fange man bei einem neuen Buch „immer wieder bei Null an“.

In einem ruhigen, emotional mitnehmenden, ganz besonderen Erzählton, einer eigenen stimmungsvollen Sprachmodulation trug Bánk zuerst eine „Winterpassage“ und danach eine längere „Sommerpassage“ aus ihrem Roman vor. Sie lieferte eine sprachliche Interpretation des Textes. „Schlafen werden wir später“ ist ein moderner „Briefroman“, wobei die Briefe aus einem fortlaufenden E-Mail-Wechsel bestehen. Zwei lebenskluge Frauen tauschen in völliger Offenheit ihre alltäglichen Lebensumstände und -erfahrungen aus. Dabei stoßen sie zeitweise auch in intime Bereiche vor. Tiefe Seeleneindrücke wechseln mit den kleinen und etwas größeren Leiden und Freuden des Alltags. Beide sind Anfang 40, kannten sich bereits als Kinder und stehen mit beiden Beinen mitten im Leben. Hier Großstadt pur – dort das starke Bild der provinziellen Natur: Bereits an der Verortung beider Protagonistinnen wird der Gegensatz zwischen den beiden Frauen deutlich, die sich auch in ihrem Sprachduktus unterscheiden. Márta wirkt gestresst, überfordert mit drei sehr lebendigen Kindern und Drmaturg und Mann Simon, Johanna dagegen lebt – getrennt von Mann Markus und in Angst vor einer  Rückkehr ihrer Krebserkrankung – in ihrem Schwarzwaldhäuschen ein Leben, in dem sie glaubt, die wichtigsten Dinge zu verpassen.

Zur Unterscheidung beider Persönlichkeiten und Charaktere sei sie „technisch“ vorgegangen, indem sie Johannas Sprache „entrümpelt“, Adjektive und nicht notwendige, ausschmückende Füllwörter gestrichen und ihr damit eine knappe Ausdrucksweise verordnet habe, so Bánk. Das Gegenteil habe sie dann im Sprachduktus bei Márta vorgenommen, die in langen, ausführlichen Sätzen mit vielen zusätzlichen Adjektiven und Merkmalen ihre Gedanken formuliere.

Sie lehnte es im Gespräch ab, ihren Roman, in dem sie sich auch mehrfach auf Anette von Droste-Hülshoff bezieht, als ein Frauenbuch zu klassifizieren. Es seien zwar auch diesmal in Butzbach mehr Frauen als Männer unter den Zuhörern, doch belletristische Literatur werde allgemein häufiger von Frauen als von Männern gekauft und gelesen. „Wenn eine Frau ein Buch schreibt, ist das immer gleich ein Frauenbuch. Wenn Männer Bücher schreiben, sind die immer universell. Das ist schon schräg“, wehrte sich Bánk.

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