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Der lange Weg nach Osten und zurück

OBERKLEEN. Lora vor wenigen Jahren in der heimischen Apotheke, wo sie als Apothekerin gearbeitet hat.

Johannes Glaum aus Oberkleen ging und Urenkelin Lora kommt wieder

OBERKLEEN (ikr). Dies ist die Geschichte von einem, der vor fast 150 Jahren in den russischen Kaukasus zog, wie andere auf die Krim, an die Wolga oder in die Ukraine, um dort ein besseres Leben zu finden. Die Familienhistorie der Nachfahren dieses Johannes Glaum aus Oberkleen ist so oder ähnlich die Geschichte vieler Russlanddeutscher, die in den 90er Jahren zurück nach Deutschland kamen. Seine Urenkelin Lora gehört auch dazu. Sie ist mit ihrem Mann Juri an den Ort zurückgekehrt, von dem ihr Vorfahr 1881 aufbrach.
Es sind schlechte Zeiten, nicht nur in Oberhessen, in die der kleine Johannes Glaum 1845 hineingeboren wird. Er ist der Jüngste in seiner „Ackererfamilie“ in Oberkleen, Haus und Hof neben der Kirche im Dorf. Gegenüber der stolze Försterhof, den die Familie von Dr. Friedrich Ludwig Weidig bewohnt hat, der verlor nur wenige Jahre zuvor in Kerkerhaft sein Leben, die Bauernunruhen toben. Der König lässt junge Männer in der Gegend für den Militärdienst suchen, Müllerburschen werden verschleppt. Durchziehende napoleonische wie russische Truppen sind in den Dörfern noch in furchtbarer Erinnerung.

Während des Deutsch-Französischen Krieges ist Johannes 25 Jahre alt. Er tritt den Chrischona-Brüdern bei, absolviert in der Schweiz eine vierjährige Ausbildung zum Prediger und ringt lange mit sich, ob er auswandern soll – wie seine junge Frau Maria auch. Die beiden haben gerade erst geheiratet, 1880, ein Jahr ist das jetzt her. Das Paar entschließt sich zur Auswanderung, wie knapp 50 andere auch in Oberkleen, von jedem zweiten Hof einer, nur wenige gehen nach Russland, die meisten nach Amerika. Zarin Katharina die Große, eine gebürtige deutsche Prinzessin, hatte bereits hundert Jahre zuvor um deutsche Siedler an der russischen Wolga geworben.

Ein langer Weg liegt nun vor den jungen Leuten, mit Leiterwagen und ein paar Habseligkeiten geht es wahrscheinlich per Schiff auf der Donau zum Schwarzen Meer, Odessa, vielleicht Krim und Mariupol, und auf dem Landweg in den nördlichen Kaukasus: Grenzland, Konfliktfeld zwischen den Tschetschenen, Kosaken, Osseten, gelegentlich Türken und dem großen Russland – ein schwieriges Umfeld.

Als Siedlergemeinschaft haben sie Land erworben, jeder hat seinen Anteil in der Kolonie „Gnadenburg“. Der Aufbau ist harte Arbeit: Häuser, Stall und Scheune bauen, Vieh besorgen und Ackerland anlegen. Die Familie Glaum ist bald siebenköpfig und vor allem mit dem Weinanbau beschäftigt. Aber die Überfälle der Kosaken und Osseten mehren sich, es wird geraubt, geplündert, und es gibt Todesfälle. Nachtwachen müssen aufgestellt werden, sicher ist hier nichts. Und dann kommt der 1. Weltkrieg auch über Russland. Die beiden Söhne Wilhelm und Karl werden eingezogen, kämpfen für Russland und geraten schon 1915 in Ostpreußen in deutsche Gefangenschaft. Mit Geschick erreichen sie die Verlegung als Kriegsgefangene nach Pohl-Göns zum Bruder ihrer Mutter und – damit verbunden – auch den Besuch im väterlichen Elternhaus in Oberkleen.

„Davon erzählt später meine Großmutter Kathrin noch oft und wie die zwei Männer sonntags mitessen. Sie ist da gerade zehn Jahre alt, es ist auch ihr Elternhaus“, erinnert sich Martin Hanika, der diesen Teil seiner Familiengeschichte vor dem aktuellen Hintergrund des Kriegs in der Ukraine erforscht.

Die beiden Glaum-Brüder müssen als russische Kriegsgefangene bei den Bauern in Pohl-Göns arbeiten. „Die Situation ist im Grunde absurd, wie das meiste im Krieg“, resümiert Hanika. Karl verliebt sich in die Bauerntochter Lina und sie versprechen sich gegenseitig die Ehe, wenn der Krieg vorbei ist. Und als der 1918 aus ist, müssen die Brüder zurück nach Russland in den Kaukasus. Gnadenburg aber erreichen sie nicht mehr gemeinsam, denn kurz vor dem Zielbahnhof erfahren sie, dass schon bald der Gefangenenaustausch beendet sein wird. Der eine hat seine Familie, zu der schon drei Kinder gehören, im Kaukasus, auf den anderen wartet die Braut in Pohl-Göns. Karl verabschiedet sich von seinem älteren Bruder, den er nie mehr sehen wird, steigt aus und nimmt den nächsten Zug wieder zurück nach Deutschland.

Die Familie von Wilhelm wächst in den nächsten Gnadenburgjahren um weitere sieben Kinder, der Landwirtschaft geht es jetzt gut. Aber die Wolken verfinstern sind: Das Sowjetsystem kommt über das Land, alle Bauern werden enteignet, Kolchosen mit Gewalt durchgesetzt. Privates wird abgeschafft und nachts verhaftet.

OBERKLEEN. Maria und Johannes Glaum. Sie wanderten 1881 in den Kaukasus aus.

Unter Stalin, im Zweiten Weltkrieg, wird Wilhelm 1941 vom Geheimdienst geholt, im Gefängnis misshandelt und erschlagen. Er war Bürgermeister von Gnadenburg. Vielen Männern der Wolgadeutschen und der Siedler ergeht es so. Die in Gnadenburg verbliebenen Frauen, Kinder und Alten werden im Oktober 1941 ohne jedes Hab und Gut in die Steppen Kasachstans verschleppt, an die chinesische Grenze, deportiert auf der Ladefläche von Lkws, warme Kleidung ist vorher abzuliefern. Hunderttausende aus dem Kaukasus, von der Wolga und der Krim – allein hier leben über 40 000 Deutsche – teilen ihr Schicksal. Sie halten schon aus bitterer Not zusammen. Die Nomadenvölker der kasachischen Steppe haben sie nicht gerufen, die sind mit Viehherden und ihren Jurten unterwegs. Sie haben kein festes Dach über dem Kopf, keine Gärten, keine Kirchen und keine Schule. Die Neuen haben das anfangs auch nicht. Sie fangen aber wieder an, sich eine Behausung zu errichten, den Boden zu bearbeiten, Lehm zu trocknen und Vieh im Stall zu halten.

Wilhelms Tochter Lydia muss in der Kolchose hart arbeiten. Als sie nach einer Intrige willkürlich verurteilt wird, kommt sie erst nach Intervention eines alten Kasachen wieder frei, ihre drei kleinen Kinder müssen diese Zeit bei ihrer Oma verbringen. „Aus diesen Erfahrungen vor allem rührt ihre Bitternis“, weiß Martin Hanika. Alles einmal selbst aufgebaut und dann ist alles zerstört worden. Aber gerade die Frauen müssen jetzt stark sein. Lydias Wehmut liegt im verlorenen Gnadenburg, Kasachstan ist ihre Heimat nicht.

Sie heiratet, gründet eine Familie, und die kann in den 50er Jahren nach Tekeli ziehen, eine aufgrund ihrer Bodenschätze prosperierende Kleinstadt. Ihre älteste Tochter Lora geht dort zur Schule, ist sehr begabt und darf studieren, Pharmazie in Alma Ata, der Hauptstadt Kasachstans. Das wird eine gute Zeit. Lora lebt in einem Wohnheim mit anderen jungen Frauen aus der Ukraine, aus Kasachstan und Russland, sie werden Freundinnen, sie kochen und lernen zusammen und sind gemeinsam in ihrer Freizeit unterwegs, unbeschwert. Bis Juri in ihr Leben kommt und mit Juri die Diskussion vor allem mit ihrer Mutter Lydia. Juri ist ein netter junger Mann, ausgebildet für den Schuldienst und diplomatisch, aber er ist Russe. Lydia trägt schwer an ihren Siedlererfahrungen, und jetzt will ihre Lora diesen Juri heiraten. Lora setzt sich durch.

OBERKLEEN. Wilhelm, der älteste Sohn von Johannes Glaum, mit seiner Frau und neun der zehn Kinder um 1932. Lydia ist das Mädchen ganz links.Repros: ikr

Als Gorbatschow in den 80er Jahren das starre Sowjetsystem etwas öffnet, will Lydia ausreisen, ebenso wie ihre Geschwister. Für die meisten der Deutschen in Kasachstan ist das klar, gerade für die Alten. Nur wenige wollen zurück in den Kaukasus, die Häuser in Gnadenburg gibt es nicht mehr. Lora hat eine gute Stelle in Tekeli und ihr Juri die Schulleitung. Sie reist mit ihm und den beiden Söhnen zunächst auf Probe nach Oberhessen, und hier fällt die Entscheidung. „Als ich sie in dieser Zeit kennenlerne, ist mir schnell bewusst, dass wir uns nicht fremd sind, Lora und ich. Ihr Urgroßvater ist der Bruder der Urgroßmutter meiner Oma, bei deren Geburt lebte Weidig noch.“

Lora sagt, vor der Ausreise aus Kasachstan habe sie lange nachgedacht, und Juri war einverstanden. Ihre beiden Söhne rennen hier bald für die LG Langgöns-Oberkleen und die alten Frauen brauchen für die Kirchenlieder kein Gesangbuch. Sie haben Wurzeln in einem Grenzgebiet des alten Russlands und empfinden bis heute eine besondere Betroffenheit – gerade jetzt im Krieg.
„Und der Juri ist ein feiner Mensch“, dessen ist sich Martin Hanika sicher.

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