Die EU ist mehr als ein Friedensprojekt

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Die EU ist mehr als ein Friedensprojekt

BUTZBACH. Die Verantwortlichen und Initiatoren der anspruchsvollen, lebendigen Multivision am gestrigen Sonntag im Bürgerhaus (v.l.): Bürgermeister Michael Merle, Kevin Bornath (Konrad-Adenauer-Stiftung), Schirmherr und Landtagspräsident Norbert Kartmann, Referent Ingo Espenschied, die Vorsitzende des Städtepartnerschaftsvereins, Christine Borchers-Fanslau und Bürgermeister Bernard Debain aus Saint-Cyr-l’École. Text + Fotos: dt

Die Friedensbotschaft auf dem Dachboden: „Le Message de Paix de Fiquelmont“

BUTZBACH (dt). „Europa ist mehr als ein Friedensprojekt. Es ist ein unvergleichlicher Lebensstil und unsere Zukunft.“ Mit der Gründung der Europäischen Union „haben wir die einstigen Schützengräben ersetzt durch Konferenztische.“ Es waren solche markanten Sätze, mit denen der Journalist und Politikwissenschaftler Ingo Espenschied von der Konrad-Adenauer-Stiftung Bonn/Berlin am Sonntagmorgen in einer bilingualen Doku-Live-Multivison im Großen Saal des Bürgerhauses klar Position bezog für das  europäische Einigungsmodell.  

Anlass für diese anspruchsvolle, spannende, knapp zweistündige Geschichtsstunde vor einer ansehnlichen Zuhörerzahl war einmal das exakt ein hundert Jahre zurückliegende Ende des  Ersten Weltkriegs. Zum anderen war die Präsentation ein Punkt im Rahmen des Besuchsprogramms der Städtepartnerschaft zwischen Butzbach und dem französischen Saint-Cyr-l’École, die seit genau zehn Jahren besteht. Die Vorsitzende des Städtepartnerschaftsvereins, Christine Borchers-Fanslau, bezeichnete den Vortrag in ihrer Begrüßung als „Abschluss eines erlebnisreichen Wochenendes“ gemeinsam mit den Freunden aus der französischen Partnerstadt. Schirmherr der Begegnung war Landtagspräsident Norbert Kartmann, der in seinem kurzen Statement alle Europäer aufforderte, „Europa als eine Notwendigkeit zu begreifen.“ Kevin Bornath von der Konrad-Adenauer-Stiftung stellte kurz die Aufgaben und Ziele der Stiftung vor.      

Ausgangspunkt und Thema seiner historischen Live-Multivision war für den Referenten Ingo Espenschied ein Fund „fernab von Giftgas und Artilleriefeuer“ 1981 in der Scheune eines Bauernhauses im lothringischen Dörfchen Fiquelmont. In einer Schnapsflasche fand der Bauer ein Zettelchen mit folgender Botschaft: „Utopie und mögliches Eden ist ein geeintes Europa, Freundschaft zwischen den Völkern und Verwirklichung des Wortes, dass wir Brüder sind.“ Verfasst und unterschrieben hatten sechs Soldaten des deutschen 2. Husarenregiments der Reserve diesen Appell für ein geeintes Europa in der Pause zwischen Kampfeinsätzen am 17. Juli 1916. Espenschied bezeichnete dieses Dokument als eine der „beeindruckendsten Friedensbotschaften des Ersten Weltkriegs“ und nahm es zum Anlass, um im Blick auf das heutige Europa festzustellen: „Wenn sich Menschen persönlich begegnen, hat Nationalismus keine Chance.“ 

Im Anschluss wandte sich der Referent detailliert den historischen Abläufen vom ersten deutsch-französischen „Blitz“-Krieg 1870 und der Gründung des siegreichen Deutschen Reiches im Januar 1871 auf französischem Boden in Versailles, der Bismarckschen Bündnispolitik, den Großmacht-Vorstellungen Wilhelm II., dem Attentat in Sarajewo am
28. Juni 1914 auf das österreichisch-ungarischen Thronfolgerpaar und dem Beginn des Ersten Weltkriegs zu. Das wirtschaftlich blühende Europa, das in der Welt eine führende Rolle gespielt habe, hätte eigentlich 1914 mit dem Ist-Zustand hochzufrieden sein können, betonte Espenschied: „Doch die politische Realität sah anders aus.“ Um einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden, den man nach eigener Einschätzung nicht hätte gewinnen können, habe das Deutsche Reich mithilfe des Schlieffenplans über Belgien und Luxemburg in einem schnellen Feldzug Paris erreichen und Frankreich damit besiegen wollen. Erst danach habe die deutsche Heeresleitung den Krieg im Osten gegen Russland führen wollen. Das gelang nicht. 

Mit dem Versailler-Friedensvertrag am 28. Juni 1919 sei „eine Demütigung Deutschlands“ einhergegangen, die „die Saat zu neuen Konflikten gelegt“ habe. Die Folge des Ersten Weltkrieges seien „tiefgreifende politische Umwälzungen“ gewesen, eine eventuelle europäische Einigung sei nur „ein ferner, schöner Traum“ gewesen.  

Und doch wurde er geträumt. Der japanisch-österreichische Schriftsteller Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi gründete 1924 eine „Paneuropa-Union“ und rief eine erste europäische Einigungsbewegung ins Leben. Einen deutsch-französischen Ausgleich strebten danach der französische Außenminister Aristide Briand und der deutsche Außenminister Gustav Stresemann an. Beide erhielten 1926 den Friedensnobelpreis. In der Folge der Weltwirtschaftskrise 1929 seien jedoch bei nahezu allen europäischen Staaten wieder „nationale Egoismen“ zutage getreten, stellte Espenschied fest. Danach sei der Weg kurz gewesen bis zum 30. Januar 1933 mit der Machtübernahme Adolf Hitlers. „Zwei Weltkriege haben Europa zerstört,“ betonte Espenschied. Erst mit dem Niedergang Europas seien die USA und die Sowjetunion führend in die Weltpolitik eingetreten. 

1950 sei auf Initiative des französischen Ministerpräsidenten Robert Schumann mit der Gründung der Montanunion – dem gemeinsamen Markt für Kohle und Stahl – die europäische Einigung wieder im Gang gekommen, wobei sich mit der BRD, Frankreich, Italien, Niederlande, Belgien und Luxemburg zunächst sechs Staaten zusammengefunden hätten. Heute umfasse die Europäische Union 28 Staaten. Klar und unmissverständlich betonte Espenschied, dass es in einer globalen Welt für Deutschland, Frankreich und alle übrigen europäischen Staaten keine Alternative zum Einigungsprozess in Europa gebe. 

Dies unterstrichen auch in Schlussworten nach der Multivision die beiden Bürgermeister der Partnerstädte, Michael Merle und Bernard Debain, die dem Referenten für den umfassenden, aufschlussreichen Vortrag – wie die Zuhörer stehend mit langanhaltendem Beifall – dankten.

BUTZBACH. „Wir haben die einstigen Schützengräben ersetzt durch Konferenztische,“ stellte Referent Ingo Espenschied von der Konrad-Adenauer-Stiftung in seiner bilingualen Multivision gestern Morgen im Großen Saal des Bürgerhauses fest. Foto: dt

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