Late Night Shopping wieder am 3. November
22. September 2017
BZ Titelseite vom 23. 9. 2017
24. September 2017

Die verschiedenen Arten von Haut

Ausstellung In evangelischer Kirche Nieder-Weisel Cornelia Rößlers „Kunst in Kirchen der Wetterau“nieder-weisel (pdw).  „Zum fünften Mal wird das Projekt Kunst in Kirchen in der Wetterau aufgelegt. Cornelia Rößler hat in der Evangelischen Kirche in Nieder-Weisel eine Rauminstallation errichtet.

Wo sonst das Gebetbuch liegt, hat Rößler schmale Streifen mit Abbildungen von Gardinen, Tapeten, Holzverkleidungen ausgestellt. Diese Bilder wurden in Häusern und Wohnungen gemacht, deren Bewohner kurz zuvor verstorben waren. „Die Seele der Menschen ist noch zu spüren. Man kann an den Wänden noch Spuren sehen von dem, was einst dort hing oder am Boden lag“, erklärt die Künstlerin.

Direkt vor und auf dem Altar liegen gebrauchte Kleidungsstücke. Während die Wohnungen die „dritte Haut“ eines Menschen waren, waren diese abgelegten Kleider die „zweite“ Haut eines Menschen. Sie schützten, haben Wärme gegeben, Blicke angezogen und gleichzeitig den Blicke entzogen, Schmuck, Accessoire oder Arbeitskleidung vom ersten Baby-Strampler bis zum letzten Hemd.

Die zweite Haut ist ein Teil der Identität des Menschen. Damit kann man beeinflussen, wie man erscheinen möchte. Die Kleidungsstücke wurden auseinandergeschnitten und wieder zusammengenäht, so dass etwas Neues entstanden ist.

Vom Altar nähert man sich dem Ankleideraum der Pastoren. In den Glasscheiben sind extreme Vergrößerungen menschlicher Haut zu sehen. Damit wird der Raum zu einem zentralen leuchtenden Objekt der Installation.

„Das ist das Hauptthema meiner Arbeit. Die Identität des Menschen ist sichtbar in einem kleinen Stück Haut, ohne dass man ihm schon ein Gesicht gibt. Hier habe ich versucht, ganz viele verschiedene Menschen zu zeigen, das heißt, man sieht verschiedene Nationalitäten, verschiedene Generationen, vom Baby bis zum Greis. Es ist insofern abstrakt, als man nicht erkennen kann, wer das ist. Der Raum, der eigentlich dem Pfarrer zum Ankleiden dient, ist für mich zu einer Art Skulptur geworden. Die Haut ist unverwechselbar. Jede Haut ist unverwechselbar, genauso wie ein Fingerabdruck. Sie ist aber auch wichtig für uns Menschen, sie schützt das Innen vor Außen, sie hält alles zusammen. Sie gehört zu dem wichtigsten und größten Organ des Menschen. Die Haut ist einfach sehr, sehr vielschichtig, und trotzdem hat sie etwas mit Oberfläche, mit Identität zu tun. Das ist so ein bisschen wie die Zwiebel: die Haut als erste Schale, dann die Kleidung als zweite Haut und die Wohnung, in der wir leben, als dritte Haut, und die Kirche hier, das ist der öffentliche Raum. Sie ist sozusagen die vierte Haut, in der wir leben“, erläutert Rößler.

Die Arbeiten sind noch bis zum 23. September zu sehen.

Am Sonntag, 17. September, 18.00 Uhr,  findet in der Kirche eine besondere Veranstaltung im Rahmen von  Kunst in Kirchen statt: „Mensch, Martin! – Der Reformator Martin Luther zwischen Tintenfass und Weinseligkeit“.  Der Schauspieler und Regisseur Markus Karger wird seine Sicht des großen Reformators präsentieren.

„Für mich sind Kirchen ein idealer Ort, um Menschen zu begegnen, die normalerweise nicht in eine Ausstellung gehen würden. Durch kleine Irritationen wird der gewohnte Alltag der Besucher unterbrochen und somit zum Denken angeregt“, sagt Rößler. „Es interessiert mich als Künstlerin, die keine typische ‚christliche Kunst’ macht, der christliche Deutungskontext, der dabei entsteht. Die Zusammenarbeit mit dem Pfarrer und der Gemeinde ist für mich sehr bereichernd.“

Wichtig sei es, dem Betrachter einen Freiraum der Deutung für temporäre Kunst zu überlassen. „Der eine verbindet seine persönliche Geschichte mit dem Kunstwerk und erfährt Neues dabei, für den anderen kann es wie ein Fremdkörper wirken. Es fordert eine Haltung der Neugierde, der wertfreien Wahrnehmung: Was sagt mir das Bild? Welche Gefühle entstehen bei mir, wenn ich das Kunstwerk in der Kirche betrachte?“

Comments are closed.