Die vier Bahnhöfe in der Stadt Butzbach

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Die vier Bahnhöfe in der Stadt Butzbach

Foto: dreut

VORTRAG – Jürgen Lerch zu Gast beim Geschichtsverein / Ludwigstraße einst wie ein Bahnsteig genutzt

Butzbach (dt). „In Butzbach gab es vier Bahnhöfe und einen fünften inoffiziellen Haltepunkt.“ Schon mit seiner ersten Aussage verblüffte Jürgen Lerch den Großteil seiner Zuhörer. In freiem Vortrag überraschte und faszinierte er mit nie gehörten Fakten und Details zu „Butzbach und die Eisenbahn. Gestern – heute – morgen.“ Der Geschichtsverein hatte am Mittwoch in die Jahreshauptversammlung einen fachkundigen Experten eingeladen, der die Geschichte der Eisenbahn in und rund um die Stadt Butzbach spannend und lebendig präsentierte. Lerch, Regionalvorsitzender Mittelhessen im „Fahrgastverband Pro Bahn & Bus“, der sich seit Jahren intensiv mit dem Eisenbahngeschehen in seiner Heimatstadt beschäftigt.

Es gab einst den Bahnhof Butzbach-West mit Aus- und Zusteigemöglichkeit direkt ab der Ludwigstraße, die somit quasi ein Bahnsteig war, den Bahnhof Butzbach-Nord im nördlichen Industriegebiet (Weichenbau/Bamag), den heute noch allseits bekannten und legendären Ostbahnhof und den eigentlichen Staatsbahnhof an der Main-Weser-Bahn (DB). Die ersten drei genannten Bahnhöfe waren Haltepunkte der Butzbach-Licher-Eisenbahn (BLE, volkstümlich auch „die Bimbel“ genannt); dazu kam ein – wie Lerch verriet – „inoffizieller Haltepunkt“ am Bahnübergang Holzheimer Straße. 

Zu Anfang charakterisierte der Referent die historische Entwicklung der Main-Weser-Bahn, zu der 1845 der Baubeschluss gefasst worden war. Gebaut wurde die Strecke in einzelnen Sektionen von 1846 bis 1852. Die Butzbacher Sektion umfasste 20 Kilometer zwischen Ostheim und Klein-Linden, die Strecke Friedberg – Butzbach sei bereits am 1. Dezember 1850 eröffnet worden. Die Gesamtstrecke Frankfurt – Kassel konnte 1852 zunächst eingleisig offiziell in Betrieb genommen werden. Erste Fahrpläne gab es zwischen 1852 und 1855, wie Lerch erforschte. Zunächst sei die Strecke durch eine private Bahngesellschaft betrieben worden, die Fahrkarten seien teuer und nur etwas für betuchte Bürger gewesen. Die Main-Weser-Bahn sei bis 1865 zweigleisig ausgebaut und um 1868 endgültig verstaatlicht worden. 

Der Haltepunkt Ostheim sei am 1. Oktober 1887 eröffnet worden. Die Kosten von 7000 Mark wurden von der Gemeinde Ostheim (6500 Mark) und vom Dorf Fauerbach (500 Mark) beglichen, während sich Nieder-Weisel dem verweigert hätte. Dazu zeigte Lerch historische Fotos des Butzbacher Fotografen Louis Braubach. 

Die BLE sei 1902 als Butzbach-Licher-Eisenbahn AG gegründet worden und habe 1903 mit dem einjährigen Bau der Strecke begonnen. 1904 sei erstmals die Strecke vom Butzbacher Ostbahnhof bis Lich befahren worden. Insgesamt sei eine Strecke von 57 Kilometer bewirtschaftet worden. Danach habe man weitere Strecken eröffnet: die Verlängerung nach Grünberg (1909), Griedel – Bad Nauheim (1910) und Butzbach – Pohl-Göns – Oberkleen (1910). Nicht realisiert worden seien Streckenplanungen in Richtung Wetzlar und Usingen – Idstein. Zahlreiche Butzbacher Firmen hätten eigene Bahnanschlüsse bekommen. So als erste die Farbenfabrik, dann die Kalkbrennerei W. J. Küchel, Kessel- und Apparatebau Samesreuther & Co., die Landmaschinenfabrik A.-J.Tröster (Anschluss mit Kohlewagen), die Pintsch-Bamag-Gastechnik, die Bamag-Verfahrentechnik, Faun, Weichenbau (bis heute), Loch-Blech, die Kost-Kohlenhandlung, die Schrott- und Metall-Großhandlung Wulffen, Gebrüder Gerhardt, das Ohrenstein- und Koppelwerk Butzbach und ein Anschluss zur Vorgängerfirma des heutigen „Landfuchs.“ Parallel zur Nussallee habe die Staatsbahn eigens und zusätzlich eine Ladestraße angelegt. 

1975 habe die Butzbach-Licher-Eisenbahn ihren Personenverkehr eingestellt, wobei die Strecke Butzbach – Bad Nauheim als letzte befahren worden sei. Am 1.1.2005 ging die BLE in die Hessische Landesbahn (HLB) über, die heute am Standort Butzbach (Himmrichsweg/Ostbahnhof) ihre Wartungsarbeiten ausführe und mit 24 Triebwagen von Butzbach aus Bahnstrecken in der Wetterau bediene.      

Bis 1975 habe es gedauert, ehe alle Kriegsschäden am Butzbacher Bahnhof und an den Gleisanlagen behoben gewesen seien. Täglich werde Butzbach über die Main-Weserbahn von circa 200 Zügen durchfahren, von denen 88 in Butzbach hielten. Die Main-Weser-Bahn werde katuell im Streckenabschnitt Friedberg – Frankfurt-West viergleisig ausgebaut. Für Butzbach ständen voraussichtlich erhebliche Fördermittel ab 2021 zur Verfügung, um den Bahnhofsvorplatz neu zu gestalten und einen behindertengerechten Zugang zu den Gleisen 2 und 3 zu schaffen. 

Fotos: Lerch

  

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