Einst gehörte der Rohrstock zu den schmerzhaften Erziehungsmitteln

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Einst gehörte der Rohrstock zu den schmerzhaften Erziehungsmitteln

CLEEBERG/BRANDOBERNDORF. Das Foto dokumentiert den Schulunterricht in Brandoberndorf um 1925. Repro: ser

Strafbuch der Cleeberger Schule von 1921 dokumentiert die Bestrafung von Schülern

CLEEBERG (ser). Wegen Lüge und unverbesserlicher Faulheit erhielten der achtjährige Willi und der neunjährige Heinrich jeweils mit dem Rohrstock einen Handstreich auf die Hand. Zwei Streiche auf das Gesäß handelte sich der neunjährige Richard wegen Nachlässigkeit bei den Hausaufgaben ein. Der achtjährige Albert verspürte gleich drei Stockschläge auf das Gesäß wegen Faulheit und Gleichgültigkeit. Wegen Schulschwänzen, Lügen und fehlenden Hausaufgaben musste der zehnjährige Willi zwei Streiche auf die Hand und auf das Gesäß über sich ergehen lassen. 

Dokumentiert sind diese Strafen in akkurater Sütterlin-Schrift im Strafbuch der 2. Klasse der zweiklassigen  Dorfschule von Cleeberg für die Jahre 1921 bis 1925. Auf Formblättern war der Vollzug der Strafen in sieben Spalten aufzuführen. Nach einer durchgehenden  Nummerierung folgen Datum, Name und Alter des Kindes, Name und Beruf des Vaters (auch wenn dieser verstorben war), Art des Vergehens, Art der Züchtigung sowie weitere Bemerkungen. Da Cleeberg zu dieser Zeit zum Kreis Usingen gehörte, wurden die Eintragungen des Lehrers von der Schulinspektion Grävenwiesbach/Kreis Usingen kontrolliert.

Bis 1946 zählten Rohrstock, Riemen, Rute und die Hand zu den schmerzhaften Erziehungsmitteln der Lehrer. Je nach persönlicher Einstellung und pädagogischem Geschick setzten sie die körperliche Züchtigung in der Schule als erzieherisches Mittel ein. Im Cleeberger Strafbuch für die 2. Klasse finden sich für das Jahr 1921 insgesamt 81 Einträge über Bestrafungen der Schülerinnen und Schüler. Faulheit, Lügen, Betrug, Ungehorsam, Gleichgültigkeit, Nachlässigkeit bei den Hausaufgaben und während des Unterrichts bestimmen weitgehend die Vergehen der Kinder. Es finden sich aber auch Bestrafungen wegen Schuleschwänzen, der neunjährige Walter ließ seine Hausaufgaben von der Mutter anfertigen und log dreist (drei Schläge auf das Gesäß), der achtjährige Willi bewarf seine Kameraden mit Steinen (je ein Handstreich links und rechts).

Entsprechend der Schwere ihrer Vergehen erhielten die Kinder meist ein bis zwei Streiche mit dem Rohrstock auf die rechte oder linke Hand. Insbesondere bei Wiederholung von Nachlässigkeit, Faulheit, Betrug verschärfte sich die Strafe auf zwei bis drei Schläge auf das Gesäß.

Zu dieser Zeit galten noch strenge Regeln zum Verhalten der Kinder während des Unterrichts. Die Sitzhaltung, das Melden, das Aufschlagen der Bücher, die Blickrichtung beim Antworten, die gesamten Aktivitäten waren detailliert vorgeschrieben und eingedrillt. Die Lehrer waren verpflichtet, die vorgegebenen Schulregeln konsequent einzuhalten.

Die körperliche Züchtigung zur Disziplinierung und Bestrafung der Schüler war staatlich sanktioniert und wurde gesellschaftlich als notwendiges und legitimes Erziehungsmittel akzeptiert. Das Bürgerliche Gesetzbuch aus dem Jahr 1896 gestand Lehrern und Eltern das Recht zu, die ihnen anvertrauten Kinder zu züchtigen. Es galt noch der Grundsatz, dass körperliche Züchtigung das Lernen fördert und die Charakterbildung begünstigt – vorausgesetzt, der Lehrer vollzieht diese Strafe mit einer pädagogisch positiven Geisteshaltung. Er sollte „niemals unbeherrscht, leidenschaftlich und rachsüchtig“ züchtigen. Die Schüler sollten bei der strengsten Strafe die wohlmeinende Absicht des Lehrers fühlen. Ziel sollte es sein, dem Kind wegen seines Ordnungsverstoßes Schmerzen zuzufügen und es dadurch „zu bessern“. Zugleich diente die Maßnahme als Exempel zur Abschreckung der Mitschüler.

Protokolliert sind im Cleeberger Strafbuch allerdings wohl nur die „offiziellen“ Züchtigungen mit Stockschlägen, die am Ende der Schulstunde oder in der Pause erteilt wurden. Darüber hinaus dürften während des Unterrichts zahlreiche spontane Züchtigungen durch Ohrfeigen, Kopfnüsse, Ohren-lang-Ziehen, Stockhiebe auf die hin zu haltenden Hände erfolgt sein, um zu ermahnen, zu tadeln, einen Denkzettel zu verpassen. Wenn sich Vertreter älterer Generationen an ihre Schulzeit in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts erinnern, erzählen sie immer wieder von erheblich mehr Bestrafungen und Schlägen durch ihre Lehrer als im Cleeberger Strafbuch aufgeführt. 

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