„Engagement ist gelebte Demokratie“: Verein mit einzigartiger Geschichte

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BUTZBACH. Bürgermeister Michael Merle besucht bei Wettkämpfen auch die TSV-Sparte Tischtennis. Hier macht er mit dem jungen Spieler Felix Mohr aus der Bezirks-Oberligamannschaft des TSV Butzbach einige Ballwechsel am kleinen Tisch.Text + Foto: ba

Bürgermeister Michael Merle äußert sich zu Bedeutung des Sports zum Jubiläum des TSV 1846 Butzbach 

BUTZBACH (ba). Am Sonntag, 28. März, sollte eigentlich ein Festkommers anlässlich des 175-jährigen Bestehens des TSV Butzbach stattfinden. Die Pandemie gestattete nur eine kleine Gedenkfeier am Weidig-Gedenkstein auf dem Schrenzer. Bürgermeister Michael Merle, selbst TSV-Mitglied, würdigte die Bedeutung des TSV für die Kommune Butzbach. Zum Thema „Bedeutung des Sports“ beantwortete er  einige Fragen. 

Frage: Aufgrund des Engagements und der vielfältigen Angebote sind die Leistungen der Sportvereine selbstverständlich geworden und werden gar nicht mehr als besondere Leistungen wahrgenommen. Welche Aufgaben erfüllt Ihrer Meinung nach der TSV 1846 im pädagogischen, sozialen und politischen Bereich in einer Kommune wie Butzbach? 

Bürgermeister Michael Merle: Der TSV Butzbach steht stellvertretend für eine Vereinslandschaft in unserer Stadt, die von Vielfalt und trotz aller sportlichen Konkurrenz von Zusammenhalt geprägt ist. Die Vereinsgeschichte des TSV, die mit ihren Wurzeln auf Friedrich-Ludwig Weidig und seine Wegefährten zurückgeht, ragt hierbei selbstverständlich heraus.  Diese Geschichte ist etwas Einzigartiges, denn die Freiheit, sich mit anderen zusammen in Gemeinschaft turnerisch zu betätigen, musste als Bürgerrecht der staatlichen Obrigkeit in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts mutig abgetrotzt werden. Der Obrigkeitsstaat kannte nur Untertanen. Demokratie und Bürgerrechte waren nicht selbstverständlich. Heutzutage sind für uns die Demokratie und Bürgerrechte etwas Selbstverständliches. Die Mitbürger, die sich im TSV Butzbach und den anderen Butzbacher Vereinen engagieren und ihre Rechte als Vereinsmitglieder ausüben, wissen aber, dass das Vereinsleben einem klaren demokratischen Regelwerk folgt. Dieser Aspekt des Vereinslebens gerät oftmals etwas aus dem Blick, aber es ist eine Tatsache, dass das Engagement im Verein auch gelebte Demokratie ist. Der Sport steht zwar im Mittelpunkt, aber das Gesellige, das Miteinander und die Vielzahl der zwischenmenschlichen Begegnungen sorgen erst dafür, dass sich die Menschen über alle Altersgrenzen hinweg im Verein wohlfühlen und sich als von der Gemeinschaft aufgenommen sehen. Wie wichtig dieser Aspekt des Vereinslebens ist, lehren uns in den letzten Monaten die Folgen der Corona-Pandemie. Insbesondere für Kinder und Jugendliche ist das Vereinsleben ein ideales Übungsfeld. Neben der sportlichen Ausbildung lernen junge Menschen im Verein nicht nur viel über das Zusammenleben in der Gruppe und in der Gemeinschaft, sondern erhalten auch die Möglichkeit, sich in ihrer Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Ihr Selbstbewusstsein, aber auch ihre Empathie für ihre Mitmenschen wird gestärkt. All dies fördert nicht nur das Zusammenleben der Menschen, sondern stärkt auch den Zusammenhalt in unserer Stadt.

Frage: Die Arbeit des TSV basiert in höchstem Maß auf ehrenamtlicher Arbeit. Der TSV hat über 40 Übungsleiter mit Lizenz und viele weitere Helfer, die die über 2000 Mitglieder wöchentlich in Bewegung gebracht haben und hoffentlich auch bald wieder bringen werden. Was fällt Ihnen zum Thema Ehrenamt ein? 

Merle: Das Ehrenamt ist das Herzstück eines jeden Vereins! All die geschilderten Vorzüge der Vereine sind nur möglich, weil es Menschen gibt, die bereit sind, sich mit all ihrem Können, ihrer Persönlichkeit und ihrem Idealismus – oftmals über Jahrzehnte – aktiv in das Vereinsleben einzubringen. In der heutigen Zeit ist all dies nichts Selbstverständliches, denn wir beobachten in unserer Gesellschaft eine fortschreitende Entwicklung, die die Verfolgung eigener Interessen in den Vordergrund stellt und das Engagement für die Gemeinschaft zurückgehen lässt.  

Frage: Sie sind Mitglied des TSV. Aus einem Jugend-Spielerpass geht hervor, dass sie ab 1978 Tischtennis gespielt haben. Gibt es Erinnerungen an diese Zeit? 

Merle: In meiner Kindheit und Jugend habe ich auch einige Jahre im Degerfeld gelebt. Auf dem Spielplatz in der Haydnstraße stand eine wetterfeste Tischtennisplatte. Da haben wir uns regelmäßig miteinander zum Tischtennis spielen getroffen. Meistens haben wir Rundlauf gespielt. Der ein oder andere Mitspieler war schon in der Tischtennisabteilung beim TSV Butzbach aktiv. Man trainierte mehrmals die Woche in der Turnhalle der Degerfeldschule. Peter Nehring hat mich dann mal mitgenommen. Ja, und prompt habe ich beim TSV Butzbach begonnen im Verein Tischtennis zu spielen. Der Spaß war da, obwohl es für mich noch viel zu lernen gab. Technik, Geschwindigkeit, Beinarbeit und vieles mehr. Aber es war ein Riesenspaß und wir wurden hervorragend trainiert, betreut und angeleitet. Bernd Reuß hat uns gemeinsam mit anderen trainiert. Später kam Friedrich Albrecht als Trainer. Die ersten Rundenspiele und Turniere in der Schülermannschaft wurden absolviert. Mit den Brüdern Hiebental und Gerhard Pracht war ich in einer Mannschaft. Hermann Bang hat uns ebenfalls betreut. Für mich war diese Zeit beim TSV Butzbach eine rundherum gute und schöne Zeit, an die ich gerne zurückdenke. Parallel habe ich noch Handball beim TSV Griedel gespielt. Die Kombination von zwei völlig verschieden Sportarten hatte für mich einen besonderen Reiz.  

Frage: Haben Sie heute noch Interesse am Tischtennissport oder am Heimatsport überhaupt? 

Merle: Aus Zeitgründen betreibe ich schon länger keinen Vereinssport mehr. Es würde mir aber guttun. Das Tischtennisspielen wurde schon mit den Enkeln ausprobiert. Sportlich bin ich mit dem Fahrrad unterwegs und zu Fuß regelmäßig im Stadtwald. Mitglied bin ich in einigen Vereinen. Den heimischen Sport verfolge ich über die BZ. Durch meinen Beruf bin ich an vielen Stellen mit den Vereinen verbunden. Denn die Vereine benötigen für ihr Engagement auch die tatkräftige Förderung und Unterstützung der Stadt. Da freut es mich, dass es auch in den kommunalen Gremien eine breite Unterstützung für die Vereine gibt. Und das schon seit Jahrzehnten. Das sind gewachsene Strukturen, die dazu beitragen, dass sich durch dieses Zusammenspiel von Vereinen und Stadt ein gutes Stück Lebensqualität für die Bürgerinnen und Bürger entwickelt. 

Frage: Gibt es etwas, was aus ihrer Zeit als Sportler im TSV für ihren weiteren Lebensweg von Bedeutung gewesen ist? 

Merle: Nicht aufzugeben! Und nach Niederlagen einen neuen Anlauf nehmen.  

Frage: Gibt es Projekte, die die Stadt Butzbach in Zukunft im sportlichen Bereich auf den Weg bringen möchte? 

Merle: Es sind verschiedene Projekte: Die neue Kunstrasenfußballanlage an der Ostumgehung, der Neubau einer Sporthalle an der Degerfeldschule gemeinsam mit dem Wetteraukreis, die Sanierung der Sporthalle des TSV Ebersgöns, der neue Bolzplatz im Stadtteil Griedel. Ein prallgefülltes Programm, das aber mit seiner Umsetzung die Grundlagen für den Fortbestand der Vereine schafft.  

Frage:  Unsere Stadt trägt den Namen „Friedrich-Ludwig-Weidig-Stadt. Von 1937 bis 2011 fand das Weidig-Bergfest siebzigmal auf dem Schrenzer statt. Weil die Teilnehmerzahlen stark rückläufig waren, hat  der Vorstand des TSV nach langen Diskussionen den Beschluss gefasst, das Traditions-Bergfest vorerst nicht mehr auszutragen. Gibt es im Magistrat Ideen, das Bergfest wieder aufleben zu lassen? 

Merle: Darüber wurde immer mal wieder gesprochen. Zuletzt hatte auch Norbert Kartmann das Thema noch einmal aufgeworfen. In der Verwaltung spielen wir derzeit Modelle durch, wie der Schrenzer gestaltet werden könnte. Es gibt die Idee eines Weidig-Parks und ich lade den Jubiläums-Verein TSV auch im Namen des Magistrats ein, sich in die Planungen für diese traditionsreiche Stätte auf dem Schrenzer einzubringen. Das zu entwickelnde Konzept könnte auch eine Idee umfassen, wie man das Bergfest bei der Gestaltung des Areals wieder aufgreift.  

Frage: Was schreiben sie dem TSV in die Glückwunschkarte? 

Merle:  Dem TSV Butzbach wünsche ich auch in den kommenden Jahrzehnten immer wieder diese große Zahl an Persönlichkeiten, die bereit sind, sich dauerhaft und in so vielfältiger Art und Weise in den Dienst des Vereins zu stellen. Meinen herzlichen Dank richte ich an all diejenigen, die das heute schon tun und auch an all diejenigen, die in der Vergangenheit mit ihrem Engagement dafür gesorgt haben, dass der TSV Butzbach in diesem Jahr auf sein 175-jähriges Bestehen zurückblicken kann. Dies ist auch ein faszinierender Abschnitt Butzbacher Geschichte. Eine Erfolgsgeschichte!

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