Engagiert in Literatur und Gesellschaft

Rockenberg bekommt ein Schmiede-Museum
12. Juli 2019
„Guter Lösslehm wird weggespült“
12. Juli 2019

Engagiert in Literatur und Gesellschaft

BUTZBACH. Die mehrfache Ovag-Literaturpreisträgerin Farnaz Nasiriamini hat den HR2-Literaturpreis gewonnen. Bild: thg

AUSZEICHNUNG – 24-jährige ehemalige Weidigschülerin Farnaz Nasiriamini gewinnt HR2-Literaturpreis 

BUTZBACH (ga). Die Gießener Studentin Farnaz Nasiriamini gewann den HR2-Literaturpreis. Die Kurzgeschichte „Es ist überall“ machte beim Online-Voting auf www.hr2.de mit großem Abstand das Rennen gegen neun andere junge Autoren.

„Mutter, du brauchst mich nicht zu fahren. Okay, na gut. Lass mich dann bitte schon hier raus. Du musst nicht vorfahren, Mutter. Nein, du bist mir nicht peinlich. Lass mich einfach den Rest laufen. Danke, mir geht es gut. Die Trennung ist fast drei Wochen her. Nein, ich werde ihn bestimmt nicht sehen.“ Das sind die ersten Zeilen der aktuell vom HR2 ausgezeichneten Kurzgeschichte „Es ist überall“ von Nasiriamini. 

Die Geschichte handelt von einer Schülerin und einem Video, das ihr Freund gegen ihren Willen ins Netz stellt. Innerhalb von wenigen Zeilen entwickelt sich ein Albtraum: Das Mädchen wird in der Schule verhöhnt und gemobbt, es kapselt sich ab, spricht nicht mehr mit der Mutter oder mit den Lehrern.

„Nasiriamini gelingt darin ein authentischer und sehr beklemmender Blick auf eine Situation, in der ein Leben durch einen einzigen Klick aus den Fugen gerät“, würdigt der HR. Die junge Schriftstellerin ist überzeugt, dass man mit Literatur manche Themen viel besser transportieren kann als mit wissenschaftlichen oder journalistischen Texten. „Schreiben ist eine starke Waffe“, betont sie.

Nasiriamini wurde 1994 als Drilling in Teheran geboren. Sechs Jahre später verließ die Familie das Land in Richtung Deutschland und sie wurde direkt in die erste Klasse eingeschult. Mit der Unterstützung ihrer Mutter gelang es ihr, gegen den anfänglichen Widerstand einiger Lehrer, aufs Gymnasium zu wechseln. „Als Kind fiel es mir nicht schwer, die deutsche Sprache zu lernen“, erzählt sie. Sie habe viel Zeit in der Bibliothek verbracht. „Wenn andere Kinder mit Fernsehverbot bestraft wurden, gab es für mich zu Hause Leseverbot“, scherzt sie.

„Von Anfang an hat mir das Schreiben die Möglichkeit gegeben, mich selbst zu sortieren und meine Umwelt zu analysieren.“ Sie besuchte die Weidigschule, engagierte sich als Redakteurin für die Schülerzeitung, später arbeitete sie auch bei regionalen Tageszeitungen – unter anderem für die BZ – und überregionalen Zeitungen.

Politisch aktiv war sie als Schulsprecherin in der Schülervertretung, mit 16 trat sie bei den Jusos ein, mit 18 Jahren in die SPD und wirkte im Kreisvorstand der Jusos Wetterau und im Vorstand der SPD Butzbach mit. Sie engagierte sich für geflüchtete Menschen, wobei sie ihre Sprachkenntnisse in Farsi einsetzte. In der Weidigschule übernahm sie die Koordinierung des Afrikaprojektes. Als Teilnehmerin einer Jugendkonsultation des Deutschen Instituts für Menschenrechte war sie an der Erstellung eines entwicklungspolitischen Aktionsplans zur Umsetzung von Kinder- und Jugendrechten mit beteiligt.

Dank ihres Engagements wurde Nasiriamini in besonderer Weise gefördert: Sie erhielt das Schülerstipendium der Roland-Berger Stiftung, das begabte Kinder und Jugendliche mit schwierigen Startbedingungen unterstützt. Aktuell ist sie Stipendiatin eines Begabtenförderungswerks des Bildungsministeriums, zudem wurde sie vom Stipendienprogramm der Deutschlandstiftung ideell unterstützt.

Mit Hilfe dieser Förderung konnte sie nach dem Abitur einen Bachelorstudiengang in den Fächern Politik, Soziologie und Wirtschaft an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen aufnehmen. Kaum angekommen am Bodensee, setzte sie ihr soziales Engagement fort. Fachlich hat sie sich auf den Bereich der Politischen Kommunikation fokussiert. In ihrer Bachelorarbeit untersuchte sie, wie die Thematik des Schwangerschaftsabbruchs im Bundestag von 2013 bis 2018 behandelt wurde. In einer anderen Forschungsarbeit analysiert sie, inwieweit die Wahlprogramme von SPD und CDU von 2005 bis 2017 postdemokratische Züge aufweisen. Dieses Interesse hat sie auch im Auslandssemester in Washington D.C. und in verschiedenen Praktika beibehalten, unter anderem bei der Friedrich-Ebert-Stiftung und im deutschen Generalkonsulat in New York. Noch heute wirkt sie bei der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen im Arbeitskreis Gendergerechtigkeit mit.

Parallel zu ihrem Bachelor-Studiengang begann sie ein Jura-Studium in Konstanz, wo sie auch die Zwischenprüfung ablegte. „Doch zum Jura-Hauptstudium wollte ich wieder in meine Heimat Mittelhessen zurückkehren“, erklärt Nasiriamini. 

Als Autorin war sie bereits fünf Mal Preisträgerin des Ovag-Jugend-Literaturpreises und drei Mal Preisträgerin des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen. Ihre Arbeiten wurden in den dazugehörigen Anthologien und in der Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte „Ausgewählte Werke XVI (2013)“ publiziert.

Die Studentin erhält ein Preisgeld von 500 Euro und die Gelegenheit, weitere literarische Arbeiten im Oktober in der HR2-Sendung „Spätlese“ vorzustellen. „Ich freue mich, wenn ich mit meinen Texten andere zum Nachdenken und bestenfalls zum Handeln anregen kann“, sagt sie. Bis sie ihr juristisches Staatsexamen in der Tasche hat, will sie sich jedoch etwas mit dem Schreiben zurückhalten. Doch prinzipiell gilt für sie: „Jura und Literatur, das ist kein Widerspruch“. 

Nasiriamini unterhält einen Blog unter www.alphafehler.com.

Es können keine Kommentare abgegeben werden.