Erinnerung an Holocaust-Opfer ist Butzbachs „traurige Verpflichtung“

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Erinnerung an Holocaust-Opfer ist Butzbachs „traurige Verpflichtung“

BUTZBACH. Auch Paula und Hermann Löb aus Butzbach wurden Opfer der Judenverfolgung. Heute wird der Toten des Holocausts gedacht. Foto: thg

Stilles Gedenken heute am Synagogenplatz / Martyrium und Sterben in Vernichtungslagern

BUTZBACH (pi). Vor 76 Jahren, am 27. Januar 1945, wurde das deutsche Konzentrationslager Auschwitz (im heutigen Polen gelegen), dessen Name heute ein Synonym ist für den Völkermord an den Juden zur Zeit des Nationalsozialismus, von den Truppen der Sowjetarmee erreicht und „befreit“. Daran erinnert die Stadt Butzbach.

Bedingt durch die Corona-Pandemie kann die Stadt in diesem Jahr nicht in einer öffentlichen Gedenkveranstaltung an das breit gefächerte Schreckensszenarium erinnern, das mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Niederwerfung des Nazi-Terrors in ganz Europa einen formalen Abschluss darstellte.  

Zum Holocaustgedenken findet am Gedenkstein am Synagogenplatz mit dem Magistrat der Stadt Butzbach eine Kranzniederlegung „in der Stille“ statt. 

In Butzbach lebten bereits wenige Jahre nach der Stadtrechtsverleihung vor genau 700 Jahren (1321) erste jüdische Händler. Bereits Ende des 14. Jahrhunderts wird ihre Synagoge (Judenschule) zum ersten Mal in den Urkunden erwähnt. Auch diese kleine jüdische Gemeinde war die einzige Minderheit in der römisch-katholischen Welt einer kleinen deutschen Stadt. Auch hier gab es mehrere Verfolgungswellen. Nach 1455 wohnten anscheinend über viele Jahrzehnte keine Juden mehr in Butzbach (da sie vertrieben worden waren). 

Im 17. Jahrhundert siedelten sich hier wieder Juden an, nachdem bereits viele Jahre früher etwa auch in Griedel, Nieder-Weisel und Hoch-Weisel jüdische Gemeinden entstanden waren. Seit dem 17. Jahrhundert gehörten die Butzbacher Juden zur etablierten jüdischen Gemeinde von Hoch-Weisel. Erst zur Mitte des 19. Jahrhunderts, als Butzbach einen allgemeinen wirtschaftlichen Aufstieg erlebte, ließen sich eine ganze Reihe jüdischer Handeltreibende nieder, die neue Geschäfte eröffneten und diesen Aufstieg mit förderten. So wurde 1848/1849 eine eigene jüdische Gemeinde gegründet (mit eigenem Friedhof). 

Die erste bekannte neuzeitliche Synagoge wurde im Obergeschoss des Butzbacher Rathauses eingerichtet. Erst 1926 gelang es der Jüdischen Gemeinde, ein eigenes, modernes Synagogengebäude in der (Alten) Wetzlarer Straße zu erbauen, das unter feierlicher Anteilnahme der ganzen Stadt eingeweiht wurde. Die Synagoge ging am 19. November 1938 in der „Pogromnacht“ in Flammen auf.  

Vom Antisemitismus, der besonders auf dem Land im 19. Jahrhundert mehrfach aufloderte, war in Butzbach zuvor wenig zu spüren. Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten (1933) scheint das Verhältnis zwischen Christen und Nicht-Christen in Butzbach recht gut, „normal“, gewesen zu sein –bis 1933! 

Um 1933 lebten in Butzbach etwa 150 Juden, insgesamt etwas mehr (160) in den verschiedenen Butzbacher Stadtteilen. Etwa ein Drittel all dieser Juden sind wenige Jahre später ermordet worden, sie wurden Opfer des Holocaust. 

Die einzige aus Butzbach stammende Auschwitz-Überlebende ist die hier am 18. Juli 1928 geborene Margot Smuczyk geb. Rosenblatt, die als junge Frau das Leben als Arbeitssklavin überlebt hat und nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrem Mann nach Palästina übersiedelt ist. Sie lebt dort heute in ihrem Kibuz im Kreis ihrer Familie. Ihre Großeltern, Eltern und ihre Schwester sind im Holocaust ermordet worden.  

Als Beispiel für ein Verfolgungsszenario sei an das Schicksal des Butzbacher jüdischen Ehepaars Löb erinnert:  

Paula Löb, die couragierte Geschäftsfrau im Uhrengeschäft Löb, dem „Ersten Haus am Platze“ in der Griedeler Straße, wurde am Mittag des 10. November 1938 („Pogromnacht“) von Leuten in Zivil, einem jungen Mann von der Aufbaumannschaft des Karussells zur Vorbereitung des bevorstehenden Katharinenmarktes, und von bekannten Butzbacher SA-Leuten, aus dem Haus getrieben.

Löb, die dann mit anderen jüdischen Frauen im Rathaus festgehalten wurde, starb am 31. Dezember 1938 in einem Gießener Krankenhaus, vermutlich an den am 10. November 1938 ihr zugefügten Verletzungen. Ihr Mann, der Uhrmachermeister Hermann Löb, wurde in Zusammenhang mit dem Novemberpogrom von 1938 wie die anderen jüdischen Männer der Stadt verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald transportiert, gelangte in das Ghetto Theresienstadt und gelangte in die USA. Löb war über Jahrzehnte Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Butzbach.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden auch die letzten Juden in dieser Stadt, deren Hab und Gut größtenteils durch die Verwüstungen im November 1938 zerstört worden waren, zwangsweise in zwei „Judenhäuser“ eng zwangszusammengepfercht verlegt. Schließlich wurden sie im September 1942 in Konzentrationslager (korrekter: Vernichtungslager) „in den Osten“ deportiert.  Juden aus Butzbach und den heutigen Stadtteilen, die noch vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs versucht hatten, durch Flucht sich den Nachstellungen und Verfolgungen der Nazi-Machthaber zu entziehen, sind meist nicht ihren Häschern entgangen.  Die hier blieben oder in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden von Polizei- und anderen Judenjägern, gestellt und verschleppt wurden, wurden meist brutal ermordet und sind Opfer des nationalsozialistischen Unrechts. 

Die meisten von ihnen kamen, soweit man dies heute weiß, in den Vernichtungslagern im Osten, in Polen ums Leben: Die ganze Reihe der mit Mord und Schrecken verbundenen Konzentrations- und Vernichtungslager tritt uns in den ermittelten oder vermuteten Sterbe- und Martyriumsorten der aus Butzbach und den Stadtteilen stammenden Juden, Frauen, Männern und Kindern, entgegen. Sie hauchten ihr Sklavenleben hinter dem Stacheldraht oder in den Gaskammern in „Polen“ oder „im Osten“ aus, wo genau, ist bei vielen bis heute nicht bekannt (mindestens 20 Personen), in Treblinka (24) und in Auschwitz-Birkenau (mindestens 24), andere in den großen Mordlagern Sobibor in Ostpolen (9), Majdanek (2), in Cholm (1), im lettischen Riga (5), in Bergen-Belsen (1), in den Ghettos von Lodz in Polen („Wutsch“, 6), in Minsk in Weißrussland (12) oder in der Festungsstadt Theresienstadt (18), in den Konzentrationslagern Mauthausen in Oberösterreich (2), in Dachau bei München (2), in Buchenwald in Thüringen (1) oder auf einem Evakuierungstransport bei Weisskirchen. 

Die Stadt Butzbach nimmt den Jahrestag der Befreiung der Überlebenden des größten Vernichtungslagers der Nazis zum Anlass, an dieses unfassbare Unrecht, das von Deutschen so viel Unheil über ehemalige Mitbürger von Butzbach und seinen Stadtteilen und über die ganze Menschheit gebracht hat, zu erinnern und der kaum vorstellbaren Zahl der unschuldigen Opfer zu gedenken. Das Gedenken an die verfolgten, gequälten und ums Leben gekommenen Mitbürger jüdischen Glaubens ist der Stadt Butzbach eine traurige Verpflichtung. „Was geschah, darf nicht in Vergessenheit geraten und so etwas darf sich nicht noch einmal ereignen. Wir stehen für Toleranz, Demokratie, Völkerverständigung und Frieden. Wir verabscheuen jegliche Art von Diskriminierung von Minderheiten, Ausländerfeindlichkeit, Fremdenhass und Krieg. Wehret den Anfängen“, heißt es im Aufruf zum Gedenken.

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