Ex-Gefängnisseelsorger soll Häftlinge sexuell missbraucht haben

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Ex-Gefängnisseelsorger soll Häftlinge sexuell missbraucht haben

Rockenberg (KA). Ein Pastoralreferent, der bis vor zwei Jahren als katholischer Seelsorger in der Justizvolligsanstalt (JVA) Rockenberg gearbeitet hat, wird vor dem Amtsgericht Friedberg beschuldigt, in seiner Dienstzeit jugendliche Strafgefangene sexuell missbraucht zu haben. Angezeigt wurden die Vorfälle,  weil mindestens einer der Häftlinge versucht haben soll, den Seelsorger zu erpressen. 

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann vor, in den Jahren 2015 und 2016 mindestens einen in der JVA inhaftierten Jugendlichen während sogenannter Einzelmeditationen mehrfach sexuell missbraucht zu haben. Im letzten der angeklagten Fälle soll er den Jugendlichen gegen dessen Willen oral befriedigt haben. In den vorherigen Sitzungen soll der Seelsorger ihn zunächst nur berührt, diese Berührungen jedoch in den folgenden Sitzungen immer weiter intensiviert haben, bis es schließlich zu dem schwersten Übergriff gekommen sein soll. 

Die Aufklärung des Falles gestaltet sich offenbar schwieriger, als dies in Sexualstrafverfahren ohnehin oft der Fall ist. Der Angeklagte macht zu den Tatvorwürfen bisher keine Aussagen. Der Hauptbelastungszeuge wurde zwar mehrfach von der Polizei vernommen. Der Zeuge selbst jedoch, ein jugendlicher Tunesier, der sich in Deutschland geduldet aufhielt, ist, obwohl er in dem Prozess als Nebenkläger auftreten soll, derzeit unauffindbar. Sein Anwalt teilt mit, er habe von seinem Mandanten nur eine Telefonnummer, unter der dieser jedoch nicht zu erreichen sei. Aus Frankfurt gab es die Mitteilung, dass er dort im vergangenen Sommer dreimal von der Polizei aufgegriffen worden sei. So stützt sich die Anklage bisher auf die Protokolle seiner Aussagen sowie von Mitgefangenen, die in die Vorfälle verwickelt sein sollen. Außerdem sollen Mitarbeiter der JVA bis hin zur Leitung und auch Polizeibeamte und Richter, die die Zeugen im Verlauf der Ermittlungen vernommen haben, zur Wahrheitsfindung beitragen. 

Die Rechtsanwältin des Angeklagten hat indes Zweifel an der Glaubwürdigkeit der jugendlichen Belastungszeugen und beantragt, diese durch ein Gutachten bewerten zu lassen. Insbesondere die verschiedenen Aussagen des angeblichen Opfers seien teilweise sehr widersprüchlich. So soll der Zeuge in einer Vernehmung behauptet haben, dass der Angeklagte ihn bei den Einzelmeditationen mit beiden Händen berührt habe. Dazu wäre dieser jedoch nicht fähig gewesen. Bei einem Unfall in der Kindheit hat der Seelsorger einen Arm verloren.

Von 2007 bis März 2016 war der Pastoralreferent, der nach eigenen Angaben aus einem streng katholischen Elternhaus mit fünf älteren Geschwistern stammt, in der JVA beschäftigt. Neben der Seelsorge hatte der Kontakt mit ihm für viele Häftlinge auch ganz praktische Vorteile. Sie konnten dort nicht nur Fernsehgeräte und CD-Spieler ausleihen oder Tabak bekommen. Auch Telefongespräche waren im Einklang mit den Anstaltsregeln möglich. 

Im März 2016 berichtete der Gefangenensprecher dem Vertrauensbeamten der JVA, dass er erfahren habe, dass Häftlinge vorhätten, den Seelsorger zu erpressen. Als Beweis für diese Absichten zeigte der Sprecher dem Beamten ein Diktiergerät, mit dem der Hauptbelastungszeuge die Gespräche während der Einzelmeditation aufzeichnen sollte. Durch die Erpressung sollte der Seelsorger gezwungen werden, Drogen und Mobiltelefone in die JVA zu schmuggeln. 

Unmittelbar nach diesem Hinweis habe der Leiter der JVA zunächst den Seelsorger und danach den jetzigen Hauptbelastungszeugen mit den Vorwürfen konfrontiert. Dieser habe die Beteiligung an der Erpressung hartnäckig bestritten, aber sexuelle Übergriffe geschildert. Der Leiter der JVA zeigt sich auch bei seiner Vernehmung noch verwundert, dass der Seelsorger keine klare Position zu den Übergriffen bezogen habe. Zwar habe er „eindeutig gesagt, dass er nicht erpresst wird und weder Drogen noch Handys reingebracht hat“, schildert der Leiter. Aber, „da gab es nach meiner Erinnerung keine klare Aussage: ,Das ist nie passiert‘.“ Weil sich die Hinweise verdichtet hätten, habe er Strafanzeige erstattet, erklärt der Leiter der JVA. 

Ebenso wie er hält auch der Polizeibeamte, der den Hauptbelastungszeugen zuerst vernommen hat, dessen Schilderungen für glaubhaft. Gleichwohl räumen sowohl der Anstaltsleiter als auch der Polizist ein, dass es Teile der Aussage gebe, die sie zweifeln ließen. 

Einer dieser Punkte ist, dass der Zeuge einerseits berichtet habe, dass er, sich bevor er das erste Mal zu der Einzelsmeditation ging, gehört habe, „dass nahe jeder arabischstämmige Jugendliche“ der JVA sexuelle Angebote von dem Seelsorger gemacht bekommen habe. Dennoch habe er „keinerlei Argwohn“, gehabt, als der Angeklagte ihn während der Einzelmeditation auch an den Genitalien berührt habe. 

Mindestens ebenso befremdlich finden es die Anwältin des Angeklagten wie auch die Staatsanwältin, dass der Polizeibeamte bei der Vernehmung „keine einzige Nachfrage zu sexuellen Handlungen gestellt“ habe. Der Beamte erklärt, er sei sich sicher gewesen, alles erfahren zu haben, „was es hergegeben hat“. Die Staatsanwältin wundert sich: „Wie können Sie das daraus schließen, wenn Sie nicht nachgefragt haben?“ 

Der Prozess wird fortgesetzt. 

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