Funde am „Burgweg“ sind Sensation

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Funde am „Burgweg“ sind Sensation

ROCKENBERG. Die archäologischen Grabungen auf dem Burgweg-Gelände zwischen Rockenberg und Oppershofen gingen gestern zu Ende. Ein Luftbild zeigte beim Ortstermin den Bereich, in dem bedeutende Funde gesichert wurden. Text + Fotos: thg

Archäologen sichern bedeutende Siedlungsspuren in Rockenberg wie großes Gräberfeld und Bronzeteile

ROCKENBERG (thg). Historisch besonders bedeutsame Funde haben Archäologen auf dem Areal „Burgweg“ zwischen Rockenberg und Oppershofen entdeckt. Gestern war der letzte Tag der Grabungen, daher luden Vertreter von Denkmalpflege in Land und Kreis zum Ortstermin ein, um die Dimension für die Landesgeschichte zu verdeutlichen. Nachdem Funde geborgen und gesichert wurden, wird das Grabungsfeld wieder verschlossen. Dort soll das Feuerwehrgerätehaus für beide Ortsteilwehren errichtet werden.

Bezirksarchäologe Hardy Prison vom Landesamt für Denkmalpflege sagte, er verwende das Wort Sensation sehr selten. Aber: „Was wir hier gefunden haben, ist wirklich sensationell. Das gibt es kaum noch ein zweites Mal in Europa.“

Prison und Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal ordneten die historische Bedeutung ein. Denn die Funde gäben Aufschluss über die Veränderung der Besiedelung in der Nähe des Limes an der Wendezeit von der Spätantike zum Mittelalter, also vom Ende des Römischen Reichs hin zur Zeit der Franken und später Merowinger. Römische Einflüsse seien ebenso vorhanden wie alemannische und germanische.

Im Mittelpunkt stehen die gefundenen Gräber aus dem dritten und vierten Jahrhundert mit Schwerpunkt auf der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts und damit nach der römischen Herrschaft. Verbindungen nach Rom waren unter anderem über den Handel noch da, Alemannen und Germanen versuchten sich in der Region anzusiedeln. Dabei ging es auch um die Verteidigung der Gebiete, wie sich auch aus den Gräbern ablesen lässt.

Entdeckt wurden im Burgweg 334 Brandbestattungsstellen, eine Anzahl, die es bei anderen Grabungen noch nie gegeben hat. Dabei gestalten sich die Auswertungen schwierig, weil auch die Grabbeigaben verbrannt sind, allenfalls Fragmente oder auch etwa einzelne Perlen wurden gesichert. Die Asche der Verbrannten und Beigaben wurde in Tuch- oder Lederbeuteln bestattet.
Auf dem großen Körpergräberfeld wurden bislang 71 Bestattete gefunden, die größte bekannte Zahl eines Fundes lag bisher bei 17. Die Menschen wurden dort unter modernen Gesichtspunkten bestattet, aber in Nord-Süd-Ausrichtung, was nur in einer relativ kurzen Zeitperiode üblich war, statt der späteren Ost-West-Lagerung. Darunter sind auch Kinderbestattungen, die als sehr seltene Funde gelten. Mehrere Schwertträger sind darunter, deren Knochen mitunter „sehr sehr gut erhalten“ sind. Deren Herkunft soll nun genauer geklärt werden, eine Untersuchung der DNA ist möglich.

Die Gräber liegen in leichter Hanglage. Die Körper sind in etwa anderthalb bis 1,7 Meter Tiefe zu finden. Das Schwemmland hat dafür gesorgt, dass sie mit den Jahrhunderten so gut abgedeckt und damit entsprechend gut erhalten wurden.

Eine hölzerne Grabkammer von 2,80 Meter mal 2,80 Meter enthielt einen besonderen Fund, einen bronzenen Kolbenarm-Halsreif. Einen weiteren Fund dieser Art habe es bislang nur in Norwegen gegeben. Auch ein spätrömischer Militärgürtel, eine Fibel und eine Axt wurden gefunden. Der Tote ist offenbar ein Jugendlicher. Im Grab eines Bogenschützen nebenan wurde sein Köcher samt Pfeilen gefunden. Auch ein Frauengrab ist in der Nähe. Es könnte sich also um eine Familie handeln, zeitlich könnte dies passen. In einem anderen Grab fanden die Archäologen eine Bauchbestattung. Es ist fraglich, ob es sich um einen mythischen Wiedergänger oder einen Übeltäter gehandelt haben könnte. Auf jeden Fall geht sein „Blick“ in die Unterwelt.

Weitere Gefäße, Kämme, Silberringe und Anstecker wurden gefunden. Eine Bronzeschale ist völlig unversehrt, nach der Reinigung könnte sie theoretisch wieder benutzt werden. Alles wird im Landesamt für Denkmalpflege in Wiesbaden restauriert, auch ein Holzkasten, der gestern noch als letztes Stück geborgen werden sollte in der Größe 50 mal 70 Zentimeter. Der Inhalt ist noch unbekannt, die Öffnung erfolgt erst im Amt.

Dass die Funde nicht nur von Bedeutung für die hessische, sondern auch für die deutsche Landesgeschichte sind, lässt sich unter anderem daran ablesen, dass das Landesamt sich der Sache angenommen und auch die Grabung übernommen hat. Die weitere Forschung wird die Auswertung ergeben und damit ein genaueres Bild von der Besiedelung der Wetterau zeichnen.
Damit sind die Grabungen im Burgweg abgeschlossen. Derzeit wird im Kreis sehr viel gebaut, so ist die Kreisarchäologie auch vielfältig gefragt. Lindenthal erläuterte, dass es in der Bodendenkmalpflege darum gehe, die Funde zu dokumentieren und auch wenn bedeutende Teile entnommen werden, blieben diese „Archive“ im Boden zu erhalten. Alles werde erfasst und vermessen und mit heutiger Methodik untersucht. Künftige Genrationen könnten auf die Erkenntnisse zugreifen, aber mit neuen Techniken dann auch diese Bodenarchive neu untersuchen.

Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal (oben r., v.l.) und Bezirksarchäologe Hardy Prison erläuterten im Beisein des Kreisbeigeordneten Matthias Walther, der Rockenberger Bürgermeisterin Olga Schneider und des Ersten Beigeordneten Berthold Antony die Bedeutung der Funde für die hessische und deutsche Landesgeschichte. 

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