Gedenk- und Mahntafeln erinnern in Langgöns an 75 Jahre Vertreibung

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Gedenk- und Mahntafeln erinnern in Langgöns an 75 Jahre Vertreibung

Ehrenmal Heimatvertriebene in Niederkleen am 14. April 2021

LANGGÖNS/NIEDERKLEEN (wiß). Es ist ein Jubiläum, das auch in Coronazeiten keinen Anlass zu einer Feier, dafür aber zum Innehalten und einem Blick zurück veranlasst: 75 Jahre Vertreibung. Gedenk- und Mahntafeln und -steine, aber auch unzählige Straßennamen sind es, die im gesamten Landkreis Gießen daran erinnern. Von 1945 bis1946 kamen rund 550 000 deutsche Heimatvertriebenen nach Hessen. Die meisten von ihnen waren in den 374 Eisenbahntransporten nach Hessen gekommen und wurden größtenteils in den hessischen Landkreisen untergebracht. Deshalb war in der dortigen Bevölkerung jeder fünfte ein Heimatvertriebener, in den hessischen Stadtkreisen dagegen nur jeder 20. 

Die Aufteilung der Heimatlosen in den einzelnen Vertriebenentransporten erfolgte gewöhnlich rein zufällig und nicht etwa nach den Berufen, Interessen und Verwendungsmöglichkeiten dieser Menschen. Alle Heimatvertriebenen, die in Hessen dauerhaft wohnen wollten, wurden zunächst durch das Gießener Durchgangslager der hessischen Regierung geschleust, dessen Diensträume im Hotel Kübel in der Liebigstraße in Gießen untergebracht waren. Von dort wurde auch die Einweisung der heimatlos entlassenen Kriegsgefangenen vorgenommen. 

Die Vertriebenen erhielten im Durchgangslager eine Zuzugsgenehmigung für das Land Hessen. Ihre Einweisung in die einzelnen hessischen Gemeinden oder Bezirke erfolgte durch die Flüchtlingsstellen der Landratsämter oder Stadtverwaltungen. Die nach Hessen entlassenen heimatlosen Kriegsgefangenen hatten gewöhnlich den Verlust alles dessen zu beklagen, was eigentlich zum Leben gehörte: Beruf, Heimat, Familie und Besitz. 

Im Jahr 1950 lebten in Hessen bereits 721 000 Heimatvertriebene, die 16,7 Prozent der hessischen Bevölkerung von damals 4,3 Millionen Einwohnern ausmachten. Von diesen Vertriebenen stammten 58 Prozent als Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei, 30 Prozent aus den ehemals deutschen Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie und die übrigen aus verschiedenen osteuropäischen Ländern. 

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 bestand der Landkreis Gießen aus 85 Ortschaften auf einer Gesamtfläche von 637,56 Quadratkilometer. Gleich vom ersten Vertriebenentransport, der am 11. Februar 1946 auf dem Bahnhof in Gießen eingetroffen war, wurden 600 Sudetendeutsche aus den Kreisen Reichenberg und Mährisch-Trübau in den Landkreis Gießen abgezweigt, und nach und nach trafen dort weitere Heimatvertriebene ein. Am 11. Dezember 1948 lebten im Landkreis Gießen bereits 27 300 Vertriebene. Die dort seßhaft gewordenen Heimatvertriebenen kamen aus Ost- und Westpreußen, aus dem Sudetenland, aus Schlesien, Hinterpommern und Ostbrandenburg sowie aus den baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen, aus der Freien Stadt Danzig sowie auch aus den deutschen Siedlungsgebieten in Ungarn, Rumänien, Jugoslawien und der Sowjetunion. 

Im Unterschied zur Stadt Gießen herrschte in der Landbevölkerung um Gießen herum keine Wohnungsnot, obwohl viele Ansässige dort zusammenrücken mussten. Dennoch hatte man im Landkreis Gießen manche Zwangseinweisungen vornehmen müssen, waren doch einige Einheimische gegenüber den Heimatvertriebenen noch voreingenommener als die Stadtbewohner. Aber gerade die ärmeren Bauern erwiesen sich den Neuankömmlingen gegenüber eher freundlich und hilfsbereit. Generell wurden Familien ohne ältere Menschen und ohne Kleinkinder bei den Einheimischen bevorzugt aufgenommen, denn sie waren schließlich billige Arbeitskräfte. 

Nur 218 Wohnungen waren bei Kriegsende im Landkreis Gießen zerstört. Dort standen 1945/46 insgesamt 16 300 Wohnungen zur Verfügung, bis zum Jahr 1963 waren es bereits 30 592 bei damals 105 552 Einwohnern. Durch die neu hinzugekommenen Heimatvertriebenen hat sich im Landkreis Gießen die Zahl derjenigen, die der evangelischen oder der katholischen Kirche angehören, dramatisch verändert. Betrug innerhalb der Gesamtbevölkerung der Anteil an Protestanten zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 fast 97 Prozent und der an Katholiken nur zwei Prozent, so waren schon 1946 nicht weniger als 22 Prozent Katholiken und nur noch 76 Prozent Protestanten. Dieses Zahlenverhältnis galt in etwa auch für 1950, und es hat sich erst in jüngster Zeit durch die großen Austrittswellen bei beiden Kirchen dramatisch verändert. Der wesentlich höhere Anteil an Katholiken im Landkreis Gießen ist hauptsächlich auf die vielen Sudetendeutschen zurückzuführen, die dort drei Viertel aller Vertriebenen ausmachten. 

Die genauen Zahlen der Heimatvertriebenen im gesamten Landkreis Gießen ab 1949 sind nicht mehr zu ermitteln. Weder die Archive der Stadt und des Landkreises Gießen noch die dafür zuständige Stelle beim Regierungspräsidium Gießen verfügen über diesbezügliche Dokumente oder Statistiken. Auch im ehemaligen Durchgangslager für Heimatvertriebene in Gießen, das am 1. September 1949 zu einem solchen für „Zonenflüchtlinge“ und später zum Notaufnahmelager im Meisenbornweg umgewandelt wurde, finden sich solche Unterlagen nicht mehr. Die Zahlen der Heimatvertriebenen werden auch im Landkreis Gießen amtlicherseits schon längst nicht mehr gesondert aufgeführt. 

Der Gießener Professor Dr. Rudi Maskus (1920 bis 2010) hat das „Schicksal der Heimatvertriebenen“ in einem 1998 erschienenen Buch festgehalten und 70 Zeitzeugen interviewt. Zur Veröffentlichung hatte er auch nach Gedenktafeln und Mahnmale zur Erinnerung an die Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg im Landkreis Gießen gesucht. So finden sich in neun Kommunen insgesamt 15 Gedenktafeln, -kreuze, -steine, Ehren- und Mahnmale zur Erinnerung an die alte Heimat und die Vertreibung. In der Großgemeinde Langgöns finden sich gleich drei Gedenkstätten. 

In der Kerngemeinde findet sich neben dem Bürgerhaus nicht nur die „Heimatstube – Heimatkreis Bärn“, sondern vor dem Eingang ein Gedenkstein mit folgender Texttafel: „In Wehmut gedenken wir unseres Heimatsdorfes Groß-Dittersdorf das im Kreis Bärn, Sudetenland, jetzige C.S.S.R. lag. Nach der Vertreibung 1946 musste es einem Militär-Übungsplatz weichen, somit von der Landkarte verschwand. Es lag acht Kilometer nord-östlich der Oderquelle. Wir danken der Gemeinde Langgöns für die Übernahme der Patenschaft für unser verlorenes Heimatdorf. Der Stein wurde erstellt 1985 von der erhalten gebliebenen Dorfgemeinschaft die im ganzen Bundesgebiet verstreut lebt.“ Hinzugefügt wurde noch eine Gedenktafel „Die Gemeinde Groß-Dittersdorf gedenkt ihrer Opfer der beiden Weltkriege 1914 bis 1918 und 1939 bis 1945“. 

Auf dem „Altvater-Platz“ findet sich das „Mahnmal der Vertreibung“, mit dem der Bunde der Vertriebenen (BdV) auf ein weiteres Ereignis aufmerksam macht. „Dieses Mahnmal wurde errichtet zum Gedenken an die Vertreibung der deutschen Bevölkerung jenseits von Oder und Neiße und aus dem Sudetenland. Es waren ca. 15 Millionen Deutsche, die bereits Jahrhunderte lang in diesen Gebieten lebten und plötzlich ihre Heimat verlassen mussten. Die Massenvertreibung begann bereits 1944 und wurde in den Jahren danach verstärkt fortgesetzt. Sie wurde rücksichtslos und unmenschlich durchgeführt, dabei fanden mehr als zwei Millionen Deutsche auf grausame Weise den Tod. Möge dieses Mahnmal daran erinnern und dazu beitragen, dass sich solche Verbrechen niemals wiederholen. Auf nebenstehender Relief Landkarte sind die Hauptvertreibungsgebiete dargestellt und aufgeführt. Außerdem wurde der größte Teil der deutschen Bevölkerung aus ihren Siedlungsgebieten in Ungarn, Rumänien und Jugoslawien vertrieben. Diese Gebiete können hier nicht kartografische gezeigt werden. Die rechte Tafel zeigt den Altvaterturm, der auf dem Altvater 1492 Meter dem höchsten Berg des Ost-Sudetenland stand. Er war das Wahrzeichen dieses Gebietes und dient als Symbol für alle Vertreibungsgebiete“. 

Neben den Altvaterbällen, die nicht nur in Langgöns, sondern auch in Lahnau, Großen-Linden und Leihgestern und Kleinlinden abgehalten wurden, in den 80er und 90er Jahren ihren Höhepunkt erlebten, gibt es nur noch den vom BdV Leihgestern/Kleinlinden veranstalteten Altvaterball in Leihgestern, dessen 57. Ballveranstaltung in diesem Jahr jedoch aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden musste. 

Seit 1976 verfügt Lang-Göns über einen Altvaterturmverein, der zunächst den Altvaterturm hier zur Erinnerung nachbauen wollte. Jedoch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde der am 2. Mai 1959 zusammengefallene und nicht wieder aufgebaute Altvaterturm originalgetreu von 1999 bis 2004 durch den Verein auf dem Wetzstein als Mahnmal gegen das Unrecht der Vertreibung und für die Versöhnung in Europa errichtet. 

In Niederkleen findet sich in der Sudetenstraße ein Mahnmal mit der Inschrift „Vergiss den Deutschen Osten nicht“ umgeben von den Wappen von Pommern, Ostpreußen, Siebenbürgen, Schlesien und Sudetenland. 

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