Glanzlicht englischer Gegenwartsliteratur

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Glanzlicht englischer Gegenwartsliteratur

NIEDER-WEISEL. Das Stadttheater Gießen stand auf dem Besuchsprogramm der „Narrenzunft“-Truppe „Lollipops“.

Lesekreis – „Very british“: Jane Gardams Roman „Ein untadeliger Mann“ Thema in Bücherei Ostheim

OSTHEIM (dt). „Jane Gardams reiches und vielschichtiges Werk gehört zu den großen Schätzen der englischen Gegenwartsliteratur.“ Von ihrem überaus erfolgreichen britischen Autorenkollegen Ian McEwan („Abbitte“, „Am Strand“, „Kindeswohl“ und zuletzt neu „Maschinen wie ich“) kommt dieses Urteil, das sich insbesondere auf Gardams Romantrilogie „Ein untadeliger Mann“, „Eine treue Frau“ und „Letzte Freunde“ bezieht. Der Ostheimer Literaturkreis war sich insgesamt einig: „Very british“. 

„Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ hätte das Urteil – nach dem Titel einer Komödie von Christian Dietrich Grabbe – vielleicht auch heißen können. Die Autorin habe in ihrem Bestseller im Rückblick die Lebensgeschichte von Edward Feathers, ehemals Kronanwalt in Hongkong, mit federleichter Hand erzählt. Edward sei – von außen betrachtet – zweifellos ein „untadeliger Mann“, ein vollendeter, erfolgreicher Gentleman und heute mit achtzig Jahren durchaus noch „vorzeigbar“. Allerdings sei wohl bereits der Titel des Romans von der Autorin ironisch gemeint. Denn hinter dieser Fassade von „Filth“ – eine boshaft-gängige Abkürzung seiner Juristenkollegen für „Failed in London, try Hongkong“– stehe in der Realität ein Mensch ohne jegliche Empathie und Emotionalität. Nach einer schlimmen jungen Kindheit als „Raj-Waise“ – so nannte man Kinder, die von ihren Vätern in Übersee-Staatsdiensten zu englischen Pflegefamilien zwecks einer britischen Schulbildung allein zurückgeschickt wurden – habe Edward eine Internats- und Uni-Ausbildung mit dem juristischen Abschlussexamen durchlaufen. Gardam mache die deutschen Leser hier vertraut mit dem englischen Schul- und Universitätswesen für die obere britische Gesellschaftsklasse. Dazu gab es im Literaturkreis eine intensive Diskussion, auch im Vergleich zu den bildungspolitischen Verhältnissen in Deutschland – vor oder nach 1900 – oder in Frankreich.        

Besonders Ehefrau Betty – so eine Teilnehmerin im Literaturkreis – leide stark unter der nicht vorhandenen emotionalen Zuwendung ihres „untadeligen“ Gatten Edward und gehe eine – von Edward erst später erkannte – intime Beziehung zu seinem beruflichen Gegner und Erzrivalen Terry Veneering ein. Als Betty sterbe, behalte Edward zwar nach außen zunächst weiterhin seine vornehme Contenance, ehe er ausbreche und zu einer abenteuerlichen Autotour quer durch England aufbreche. 

Gardam – so das Fazit der Teilnehmer im Lesekreis – habe vor den Augen des Lesers eine anrührende, tiefe, sympathische, teilweise ironisch-humorvolle Lebensgeschichte eines „untadeligen Mannes“ im untergehenden British Empire dargestellt. Erkennbar und sichtbar würden das dünkelhafte Denken in der weiter bestehenden britischen Oberklasse und ein starkes britisches Nationalitätsbewusstsein.

Für das nächste Treffen des Literaturkreises am 5. August wurde der Roman „Nichts – Was im Leben wichtig ist“ der dänischen Autorin Janne Teller ausgewählt.  

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