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Griedeler macht Diktatur erfahrbar

Foto: dreut

SCHULE – Klaus-Jürgen Wetz geht mit Frankfurter Schülern auf Klassenfahrt in die DDR-Vergangenheit

GRIEDEL (dt). Im Gespräch mit der BZ ist sich der 58-jährige Griedeler Oberstudienrat für Geschichte und Sport, Klaus-Jürgen Wetz, ganz sicher: „Empathie ist notwendig, um diese menschenverachtende Grenze, die mitten durch Deutschland führte, zu begreifen.“ Und es ist ihm bewusst: „Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Schüler nicht sehr viel über die DDR wissen.“ Er hat dazu einen kurzen BZ-Kommentar aus dem Jahr 2014 ausgeschnitten, in dem bemängelt worden war, dass viele Schüler nur über ein diffuses, lückenhaftes oder kein Wissen zu den Daten und Fakten über die zweite deutsche Diktatur – rund um Mauerbau, Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze und 40 Jahre DDR – verfügen. Darum startet er am Freitag mit seiner zwölften Klasse zu einer bewusst stilisierten Zeitreise, einer simulierten, inszenierten Klassenfahrt – wie einst in den 70er-  Jahren – in die DDR.  

Innovative, klare, auch ungewöhnliche Signale gegen die bei jungen Menschen vorhandene Unkenntnis über den zweiten deutschen Staat zu setzen, das hat Wetz seit einigen Jahren als eine seiner wichtigsten Aufgaben als Geschichtslehrer an der Max-Beckmann-Schule erkannt, einem Oberstufengymnasium in Frankfurt: „Die schulische Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex ‚Deutsche Teilung/DDR’ ist, das zeigen diverse Studien auch aus der jüngsten Zeit, nach wie vor eine äußerst dringliche Aufgabe. Trotz mittlerweile forcierten Engagements in den Schulen selbst und massiver Anstrengungen außerschulischer Bildungsträger bleibt noch viel zu tun.“

Seit Jahren hat sich Wetz aus tiefster innerer Überzeugung dieser Arbeit verschrieben. Er unterstreicht, dass Freiheit und Demokratie in unserem Lande keine Selbstläufer seien. Das Ende der letzten Diktatur auf deutschem Boden liege noch keine drei Jahrzehnte zurück. Dieses Faktum müsse jungen Menschen in der Schule nachdrücklich vermittelt und in Erinnerung gerufen werden. Der Griedeler löst sich dabei weitgehend vom Althergebrachten, er geht mit seinem Kollegen Benedikt Kruse  neue Wege jenseits von Klassenzimmer und Schulbuch. Dagegen setzt er Realität, Authentizität, Empathie und Emotion: „Ich bin der Überzeugung, dass insbesondere totalitäre Staats- und Gesellschaftsstrukturen in ihrer ganzen Dimension jungen Menschen nur mit Hilfe von empathischen Begegnungen und Erfahrungen vermittelt werden können.“ Im Gespräch mit der BZ scheut er sich nicht, auf der Basis der jüngeren deutschen Geschichte strukturelle Verbindungen aufzuzeigen zwischen der NS- und der DDR-Diktatur, wobei der Holocaust und der verschuldete Zweite Weltkrieg natürlich singulär nur der nationalsozialistischen Diktatur zuzurechnen seien.

Bereits vor zehn Jahren – im Herbst 2008 – setzte Wetz ein großes um Aufsehen erregendes Projekt um, bei dem er mit einer Lerngruppe eine Grenztour von circa 220 Kilometern entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze zwischen Hessen und Thüringen auf dem Fahrrad akribisch vorbereitet (die BZ berichtete). Da gab es Besuche in Grenzmuseen, es wurden Gespräche mit Zeitzeugen geführt und es gab Diskussionsrunden mit Kommunal- und Landespolitikern vor Ort. Für dieses Projekt „Mit dem Rad Geschichte erfahren – Eine historische Spurensuche entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze“, über das die Landeszentrale für politische Bildung 2012 eine 66-seitige Dokumentation herausgegeben hatte, war Wetz mit dem „Deutschen Lehrerpreis“ ausgezeichnet worden. In der Folge stellte er das Projekt in zahlreichen Vorträgen und Workshops vor. 

Nun nimmt Wetz mit Kruse das nächste Großprojekt in Angriff. Es umfasst die Simulation einer Zeitreise unter dem Arbeitstitel „Klassenfahrt in die DDR“. Wenn Schüler heute zu einer Studienfahrt, etwa nach Weimar, Dresden oder Leipzig aufbrächen – wie gerade der Deutsch-Leistungskurs seiner Schule – dann geschähe dies ohne Hindernisse, Zwänge oder von oben verordneter Programmvorgaben und mit einem Gefühl der Selbstverständlichkeit. Dass eine solche Fahrt vor 30, 40 Jahren völlig anders gelaufen sei – die Fahrten von Schulklassen aus der Bundesrepublik in die DDR hatten sprunghaft zugenommen, nachdem im Jahr 1972 der Grundlagenvertrag zwischen der BRD und der DDR geschlossen worden war – könne den Schülern in der Theorie heute kaum vermittelt werden. Den Ängsten und Beklemmungen bei den schikanösen Grenzkontrollen, dem Gefühl des Ausgeliefertsein, den ständigen Kontrollen und der Überwachung unterworfen zu sein, dem Erkennen und Erfahren von Unfreiheit, eventueller Angst vor Verhaftung und dem Gefühl, nicht mehr auf deutschem Boden zu sein, konnten sich die jungen Menschen seinerzeit bei einer Klassenreise nicht entziehen. Fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung seien den heutigen Schülern solche Darstellungen im Geschichtsunterricht kaum real vermittelbar.

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