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Gründonnerstag 1945 als Befreiung

BUTZBACH. Im Kriegsalbum des Butzbacher Stadtkommandanten Captain (Hauptmann) Everett Sherman geblättert: Der Stadtkommandant sitzt am 30. April 1945 lässig in der beschlagnahmten Villa Samesreuther in der oberen Taunusstraße  und liest die Nachricht „HITLER DEAD“ in der Extraausgabe der Soldatenzeitung „The Stars and Stripes“. Repros: Heil

BZ-Serie Teil 2: Bodo Heil erinnert an das Kriegsende vor 75 Jahren in Butzbach und der Wetterau

BUTZBACH. Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Der 29. März 1945 war für Butzbach und die meisten Orte der Wetterau der Tag der Befreiung von der NS-Gewaltherrschaft. In einer BZ-Serie blickt Bodo Heil darauf zurück.  

Am 9. März 1945 erfolgte der bei weitem schwerste Angriff auf Butzbach, ausgeführt von 41 mittelschweren Bombern des Typs Douglas A-26 Invader, dem damals schnellsten und modernsten US-Bomber des Zweiten Weltkriegs. Wegen dichter Wolkendecke verfehlte man auch diesmal die Butzbacher Bahnanlagen. Stattdessen waren, trotz diesmal sehr guter Luftschutzmoral, 63 Todesopfer zu beklage, meist Frauen und Kinder. Da ich und meine Familie damals nur äußerst knapp dem Tode entronnen bin, will ich mir diesmal eine genaue Schilderung dieses Schockerlebnisses ersparen.

BUTZBACH. Bereits am 6. April musste der Butzbacher Bürgermeister Heinrich Möser in den Amtlichen Bekanntmachungen der Stadt Butzbach bekannt machen, dass die „Ausgehzeit“ von 6 Uhr morgens bis 8 Uhr abends genauestens einzuhalten sei. Am 19. Juni wurden diese Zeiten neu festgesetzt.

 Als „Ausgebombte“ wurden meine Mutter mit ihren vier Kindern in Hoch-Weisel bei dem Bauern Karl Blebst „Weise Karl“ in der Langgasse 23 (jetzt Hausbergstraße) zwangseingewiesen. Die Bauernfamilie räumte nur widerwillig ihre geräumige Milchkammer für uns aus, weil in dem Zimmer des im Kriege vermissten Sohnes bereits ein Unteroffizier einer Fernsprech-Betriebskompanie des „Führerhauptquarties Adlerhorst“ bei Ziegenberg zwangseinquartiert war. Letzteres erwies sich für uns aber als Glücksfall, denn die Membrane unseres Radio-Lautsprechers war durch den Bomben-Luftdruck gerissen. Das war für diesen Fernsprechspezialisten aber kein Problem, denn schon am nächsten Tag brachte er einen olivgrünen Lautsprecher mit, der anscheinend in Ziegenberg nicht mehr benötigt wurde. Für meine Mutter war das Radio wichtig, weil es die einzige Informationsquelle war. Diese Radio-Luftschutzwarnungen waren aber für uns ohne Wert, da Bauer Blebst leider keinen Luftschutzkeller hatte. Blebst arbeitete, trotz zunehmender Jagdbombergefahr, wie im tiefsten Frieden auf seinen Feldern weiter. 

Bereits am 28. Juli 1944 war der Butzbacher Lokomotivführer K. L. Luh bei Queckborn auf dem fahrenden Zug von einem „Jabo“ erschossen worden.

 Im Gemarkungsteil „Etzerfeld“ zwischen Rockenberg und Griedel waren über 100 junge Luftwaffen-Helferinnen, so genannte „Blitzmädchen“ der Nachtjäger Leitstellung „Nachtigall“ mitten auf freiem Feld in Baracken untergebracht. Zwei Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner wurde eines dieser Mädchen, die 23-jährige Wilhelmine Fritzges aus Ffm. am 27. März 1945 auf der Landstraße zwischen Griedel und Rockenberg in Höhe des heutigen Rainmühlenhofs von einem Jagdbomberpiloten erschossen, kurz vor dem damals dort vorhandenen Splitterschutzgraben. Franz Langfort aus Rockenberg fuhr die Tote mit seinem Pferdefuhrwerk zu ihrem Vater nach Butzbach, wo sie am 31. März 1945 um 8.15 Uhr vonPfarrer Lindenstruth beerdigt wurde. Dieser notierte im Butzbacher Kirchenbuch: „Wurde durch das Geschoss eines Tieffliegers getötet.“ 

Es ist also kein Wunder, dass die meisten Wetterauer Zeitzeugen den Gründonnerstag, 29. März 1945 als Befreiung von dem Luftterror bezeichnen. Flugzeuge überquerten zwar weiterhin mit ihrer Bombenfracht die Wetterau auf dem Weg nach Mitteldeutschland, die Front über der Wetterau war aber jedenfalls verschwunden. 

Butzbach mit seinen beiden Garnisonen, Schlosskaserne und Schrenzerkaserne, kam beim Einmarsch der Amerikaner am Gründonnerstag, 29. März 1945 glimpflich davon. Um 6.30 Uhr hielt eine Panzerjägerabteilung, der das Benzin ausgegangen war, mit drei Sturmgeschützen am Südausgang Butzbachs in der Weiseler Straße. Die Butzbacher konnten gerade noch so viel Benzin herbeischaffen, dass dieses gefährliche Kriegsgerät weiterfahren konnte. Das Benzin reichte aber gerade noch bis Grünberg, wo die Geschütze gesprengt wurden. 

In der Butzbacher Gemarkung sind an dem kritischen Gründonnerstag, 28. März 1945 (nur einen Tag vor der Besetzung Butzbachs) anscheinend nur zwei junge Soldaten gefallen und zwar der 16-jährige Soldat Georg Bade aus Krieschow in Brandenburg und der 17-jährige Soldat Helmut Löwa aus Skadow in Brandenburg, beide von dem 2. Kompanie Grenadier-, Ersatz- und Ausbildungs-Bataillon. 81 Frankfurt/M. sie wurden auf dem Butzbacher Stadtfriedhof beerdigt. 

An die Folgen der vorsätzlichen Katastrophenpolitik des bereits in den Osterwochen 1945 in der Wetterau zusammenbrechenden Naziregimes erinnern eigentlich nur noch die Kriegsgräberstätten in Butzbach/Nieder-Weisel, Arnsburg und Schlüchtern. Bodo Heil

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