Hans-Joachim Müller – ein prägender Lehrer in Literatur, Kunst und Politik

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Hans-Joachim Müller – ein prägender Lehrer in Literatur, Kunst und Politik

Ein Rückblick von seinem früheren Schüler Burkhard Mohr, Wiesbaden

BUTZBACH. Am Sonntag, 1. August, verstarb Hans-Joachim Müller im Alter von 95 Jahren (die BZ berichtete). Nachstehende Würdigungen verfasste Burkhard Mohr aus Wiesbaden, der einst Schüler von Hans-Joachim Müller an der Weidigschule war. Er gab seiner Würdigung die Überschrift „Hans-Joachim Müller – ein prägender Lehrer in Sachen Literatur, Kunst und Politik“. 

„Wer Hans-Joachim Müller als Lehrer hatte, wird vielleicht in Erinnerung behalten haben, wie sehr er die Klasse zum Lachen bringen konnte. Nicht aufgesetzt oder auf Kosten anderer. Jedenfalls fand er – für mich – die perfekte Mischung aus einem fordernden Unterricht und der Schaffung einer zuträglichen Arbeitsatmosphäre. 

Mein Nachruf bezieht sich darauf, dass Hans-Joachim Müller nicht nur ein engagierter Lehrer war, sondern ein Stück seiner Selbstverwirklichung auch in einer Literatur-AG ausgelebt hat, die für mich absolut gewinnbringend und prägend war. Doch der Reihe nach. 

Das Gymnasium mit seinen vielen Lehrkräften auf dem Stundenplan in der fünften Klasse war für den Bub vom Dorf schon harte Kost. Man musste sich auf viele Persönlichkeiten einstellen und herausfinden, was sie wollten und erwarteten. Dass es nötig wäre, bei ihm trotz seiner unaufgeregten Art gut zuzuhören, wurde alsbald deutlich, als es zweimal eine „6“ im Grammatik-Test gab. Aha, Deutsch will intensiv betrieben sein. Andere Fächer starteten nicht mit einem solchen Schock in die gymnasiale Laufbahn. Im Laufe der Zeit gab es für kurze Phasen andere Deutschlehrer, doch in der Mittelstufe war er erneut für uns zuständig und dann ergänzt durch Englisch auch unser Klassenlehrer bis zum Abitur. 

Und dann ging die Rakete so richtig los. Er verkündete 1971, dass er dem sozialen Engagement von Schriftstellern nachspüren wolle. Ob sie nur schreiben, oder auch etwas bewegen wollen im Sinne eines sozialen Engagements? Vielleicht war da etwas vom Erbe des DDR-Bürgers zu spüren, der im Studium Bert Brecht erlebt hatte und uns nebenbei vermittelte, wie die Dresdner ihrer zerstörten Stadt nachtrauerten. Wir bekamen einen Brief diktiert, den wir abschreiben mussten und der dann unter unserem Namen an viele Autorinnen und Autoren verschickt wurde. 

Bald ergaben sich spannende Sequenzen im Unterricht, wenn er Antworten von Autoren vorlas. Mal ernsthaft antwortend, mal etwas reserviert ob der schülermäßigen Beanspruchung durch „Quälgeister“. Als die Antworten immer zahlreicher wurden, hat unser „Deutsch-Müller“ die erste Veröffentlichung auf den Weg gebracht: Butzbacher Autorenbefragung, erschienen 1973. Da stand es also schwarz auf weiß, dass ich Post bekommen hatte von Hilde Domin, Günter Grass, Ror Wolf u.a. Es folgten mit späteren Jahrgängen der AG noch weitere Bände mit Schriftstellern und Bildenden Künstlern, welche in der BZ jeweils besprochen wurden. Zunehmend – man kann nicht abschätzen, ob nun aus Absicht oder eher ungeplant – kamen auf diesen ersten Impuls Antworten in der Richtung, man könne sich doch einmal treffen. Sei es in der Schule. Oder bei den Schriftstellern zu Hause. 

Es wurde deutlich, dass damit der Rahmen des Unterrichts gesprengt wurde. Schließlich musste ja hie und da noch etwas Grammatik sein oder auch mal bei Klassikern wie Goethe ins Buch geguckt werden.  Nur ganz am Anfang besuchten uns also Autoren in der Unterrichtsstunde, was ja entsprechende Vor- und Nachbereitung erforderte und womit die Erfüllung des eigentlichen Lehrplans bedenklich knapp gehalten wurde.  

Es kam zur Gründung der Literatur-AG, die abendliche Lesungen in der Schule organisierte. Oder die zu Lesungen fuhr. Ich glaube, es war in Gießen, dass wir einen Abend mit Hermann Kant besuchten. Damals ein führender DDR-Autor, der also überhaupt eine Ausreisemöglichkeit bekommen hatte und entsprechend in die Mangel genommen wurde ob seiner Unterstützung für ein solches Regime. 

Ungewöhnlich war sicher, dass ein Teil der AG bei Hans-Joachim Müller zu Hause stattgefunden hat. Denn bei größeren Fahrten konnten nur vier Schüler im Auto mitgenommen werden, und die Freiwilligen für solche Touren mussten sich treffen, um Fragen vorzubereiten. Immer einmal wieder hat Müller angedeutet, dass es viel Mühe bereitete, die Erlaubnis für solche Fahrten zu bekommen. Eine der ersten Touren ging zur damals sehr bekannten Lyrikerin Hilde Domin nach Heidelberg. Eifrig befasste ich mich mit ihren Texten, und eine entsprechende Hausarbeit für Deutsch bekam eine „1“, da war die Malaise mit den Grammatik-Sechsen lange vergessen. Als künstlerischer Spätentwickler wusste ich wahrscheinlich, dass mein Klavier-Lied auf eines ihrer Gedichte, welches ich ihr voller Zittern und Zagen als Mitbringsel überreichte, nicht auf der Höhe der Zeit war. Doch sie war ganz angetan von der Sache als solcher und empfahl mir einen Kompositions-Lehrer, was sich damals leider nicht verwirklichen ließ. 

Es folgten absolute Höhepunkte, die kurz angedeutet seien: Ernst Bloch besuchten wir in seiner Wohnung in Tübingen. Auf dem Höhepunkt seiner Popularität stehend war es Ehrensache, fasst alles von ihm zu lesen. Dann ging es in die Schweiz: Hans Leip war unser Ziel, der Text-Dichter des berühmten Songs Lili Marleen. Dort waren wir in einem Hotel untergebracht. In Sankt Gallen dann Salcia Landmann, die Herausgeberin berühmter Sammlungen von jüdischen Witzen. Und schließlich die Abschlussfahrt der ganzen Klasse nach Rom 1973: Müller schaffte es, dass die Klasse sich ordentlich benahm, während wir in einer Kleingruppe nach Rocca di Papa fuhren, um Luise Rinser zu besuchen. Auch ging es in Rom zu Armin T. Wegener. Er war als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg in der Türkei eingesetzt, bekam dort den Völkermord an den Armeniern mit, konnte aber in seiner Rolle als Offizier nichts erreichen gegenüber der deutschen Führung. Wenn ich mir vorstelle, dass dieses Thema bis heute nicht ausgestanden ist in einer ehrlichen Aufarbeitung … 

Es waren also prägende Eindrücke durch Begegnungen, die in schneller Folge stattfanden und nachwirken bis heute. Da schon 18, durfte ich einen Abend allein in Rom auf Tour gehen und ein Konzert von John Cage besuchen. Es war eher ein Happening, bei dem auf der Bühne auch eine Suppe gekocht wurde. Ich langte etwas hastig zu und hatte eine brennende Zunge noch später im Quartier. Das verlor sich wieder. Doch der Impuls war gesetzt, diese Art der künstlerischen Welt mit ihren Freiheiten und Gestaltungsformen weiter erleben und mitgestalten zu wollen. 

Das Abitur 1974 war ein Einschnitt. Schön, endlich studieren zu können und weg zu kommen von der so viele Jahre gehabten Klassengemeinschaft. Doch im Rahmen dieses Deutsch-Unterrichts und mit diesem Mentor derart unterwegs zu sein, das war nun schmerzlich vorbei. Die Schicksale der vertriebenen Autorinnen und Autoren wie Domin und Bloch und andererseits der eher Systemhörigen hatten sich wie eine roter Faden durch das Erlebte durchgezogen und schärften das Bewusstsein für die politische Dimension einer jeden menschlichen Existenz. Fazit ist aber auf der künstlerischen Seite eindeutig, dass der Jüngling ohne die liebgewordene Affinität zur Literatur sich nie getraut hätte, Musik zu studieren und einmal viel später als Komponist mit Textern zusammenzuarbeiten – ganz im Verzicht auf die üblichen Klassiker. Danke, lieber „Deutsch-Müller“.“  Burkhard Mohr

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