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Hausärzte warnen: Corona-Lage schlimmer als viele glauben möchten

Wetterauer Gesundheitsamt und Landrat Weckler in Videokonferenz im Gespräch mit Praxisinhabern 

WETTERAUKREIS (pdw). Zu einer Videokonferenz zum Thema Corona lud Landrat Jan Weckler zusammen mit Amtsarzt Dr. Reinhold Merbs Vertreter der Wetterauer Haus-ärzte ein. Fazit der Diskussion: Die aktuelle Situation gibt Anlass zur Sorge und erhöhter Vorsicht, weitere Öffnungen von Schulen und Kitas sollten verschoben werden und die Hausärzte wollen impfen. Regeln würden vielfach nicht mehr befolgt.

Weckler berief die Konferenz ein, „weil wir uns zu Beginn der dritten Welle befinden, auch wenn im Wetteraukreis die Zahlen im Verhältnis zu anderen Landkreisen und zum Landesdurchschnitt insgesamt noch relativ niedrig sind, unabhängig von punktuellen Ausnahmen. Hier hat es wenig Sinn, Beschränkungen lokal zu verstärken, weil das nur zu Ausweicheffekten in benachbarte Kommunen führen würde. Es bringt wenig, Geschäfte in Bad Vilbel zu schließen, wenn in der Konsequenz dann die Schlangen vor den Geschäften in Friedberg oder Frankfurt länger werden. Insofern halte ich es für sinnvoll, wenn Bundes- und Landesmaßnahmen einheitlich durchgeführt werden.“

Die Menschen halten sich im öffentlichen und damit grundsätzlich auch kontrollierbaren Raum zumeist an die Vorgaben und Regelungen. Das Problem liege überwiegend im privaten Bereich. „Aus der Kontaktnachverfolgung wissen wir, dass sich die Menschen überwiegend im privaten, im familiären Bereich anstecken. Auch wenn es viele überdrüssig sind zu hören, wir brauchen Geduld und wir müssen es ein Stück weit ertragen, Feiern und Zusammenkünfte immer noch zu verschieben“, so Weckler. 

Der Landrat wies auf die wichtige Rolle der Hausärzte in der Pandemiebekämpfung hin. Nur gemeinsam könne man insbesondere beim Impfen die Pandemie besiegen. 

Professor Dr. Arno Fuchshuber, Kinder- und Jugendmediziner, stellt fest, dass Kinder und Jugendliche mehr und länger ansteckend sind, vor allem durch das britische Virus. „In der jetzigen Situation, wo wir wissen, dass wir uns auf die dritte Welle vorbereiten, die zumal auch noch stärker sein wird als das, was wir bisher erlebten, bin ich der Meinung, dass man unbedingt darauf verzichten sollte, vor Ostern Schulen und Kitas weiter zu öffnen. Für die Eltern, die arbeiten müssen und ihre Kinder betreut wissen wollen, ist das natürlich ein Dilemma. Aber die Situation erlaubt es einfach nicht.“

Die aktuelle Entwicklung mit der zunehmenden Verbreitung der britischen Mutante stelle eine besondere Gefahr dar, so Merbs, „weil durch die höhere Ansteckung sich auch mehr Menschen infizieren. Das spielt sich alles in jüngeren Jahrgängen ab und die Übertragung findet dann in den Familien statt. Das sehen wir anhand der Cluster. Wenn einer in der Familie infiziert ist, sind es in der Regel auch die anderen.“ 

Epidemiologisch mache das zusätzlich ein Problem. „Wenn wir früher Ausbruchssituationen hatten, zum Beispiel in einem Altenheim, war es relativ einfach eine Untergruppe von Menschen abzusondern. Wenn wir jetzt hohe Zahlen haben, wenn die Inzidenz nach oben geht, wird das nicht mehr getragen durch die Altenheime, sondern durch kleinteilige Infektionsherde, über die Fläche verteilt. Das macht es wesentlich schwieriger, die Entwicklung in den Griff zu bekommen und auch die Kontaktnachverfolgung zu sichern.“

Betroffen sei vor allem die Altersgruppe zwischen 30 und 70. „Auf den Intensivstationen liegen jetzt deutlich mehr Menschen zwischen 40 und Ende 60, mit teilweise gravierenden Verläufen in sehr kurzer Zeit. Wir haben aktuell viele Fälle, in denen sich die Krankheitssituation sehr schnell drastisch verändert. Das ist auch eine Auswirkung der Verbreitung durch die neue Mutation.“ Zugleich seien die Kapazitäten in den Krankenhäusern ziemlich weit ausgereizt. „Deshalb muss es unser gemeinsames Interesse sein, die Geduld, die jedem abverlangt wird, noch für eine Weile aufzubringen, damit wir nicht nachher sagen, wir haben die dritte Welle verloren, weil wir keine Geduld mehr hatten.“ 

Merbs hält es für „absurd“, vor dem Hintergrund der aktuellen Pandemie Urlaubsreisen nach Mallorca zu planen. „Wir sehen, dass aus einem kleinen Fünkchen ein Feuer wird. Ein Feuer, das wir dann nicht mehr beherrschen können. Wir brauchen Geduld und wir brauchen die Einhaltung der Regeln: Abstand halten, Hygiene einhalten, Kontakte vermeiden.“

Hausarzt Marc de Groote aus Friedberg betonte: „Was wir jetzt brauchen, ist eine abgestimmte Zusammenarbeit zwischen Impfzentrum und den niedergelassenen Ärzten, die gemeinsam so viel impfen wie nur irgend möglich. Dafür bedarf es allerdings einer kontinuierlichen Impfstoffversorgung, die derzeit nicht gegeben ist.“ De Groote lobt das Vorgehen des Wetteraukreises, der schon in der vergangenen Woche Impfdosen an die niedergelassenen Hausärzte abgegeben hat, damit diese vor allem die vulnerablen Patienten impfen, die nicht in das Impfzentrum kommen können. 

De Groote spricht sich dafür aus, den Präsenzunterricht nicht vor den Osterferien wieder einzuführen. Diese Frage werde in den Schulgemeinden heftig diskutiert. Die einen fordern die Öffnung der Schulen so schnell wie möglich, andere sind da eher vorsichtig. „Fakt ist, wenn hessenweit die Inzidenz über 100 steigt, wird es vor Ostern keinen Wechsel-unterricht für die Sekundarstufe I geben. Bei der derzeitigen Entwicklung gehe ich davon aus, dass der Präsenzunterricht in den Schulen vor den Osterferien nicht mehr ausgeweitet werden wird“, so Weckler. (Weiterer Bericht folgt.)

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