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Heiligabend-Bombardement wirkt nach

LANGGÖNS. Die Luftaufnahme entstand nach der Bombardierung des Flugplatzes im Bereich des heutigen Magna-Parks. Deutlich sind die unzähligen Bombentrichter zu erkennen. Text +  Repro: ikr

Blindgänger-Entschärfung im Magna-Park bei Kirch-Göns / Erinnerungen von Zeugen des Zweiten Weltkriegs

LANGGÖNS (ikr). Vor fast 76 Jahren, an Heiligabend 1944, ging der Zweite Weltkrieg langsam seinem Ende entgegen. An diesem Tag wurde das Gelände, in dem sich heute der Magna-Park befindet, flächendeckend von US-Bombern angegriffen und bombardiert. Unzählige Blindgänger liegen seitdem hier im Boden. Deshalb wird vor jeder geplanten Bebauung ein Unternehmen beauftragt, den Boden nach Blindgängern abzusuchen. 

Am Montag wurden die Mitarbeiter eines solchen Unternehmens wieder einmal fündig. Im Bereich südlich der Straße „Auf dem Hüttenberg“, die von der Landstraße in den Magna-Park hineinführt, entdeckten sie gegen 17.20 Uhr auf einem Acker einen 50-Kilo-Blindgänger. Neben der Polizei wurde der zuständige Kampfmittelräumdienst vom Regierungspräsidium Darmstadt gerufen und die Feuerwehr Langgöns mit den Ortsteilen Lang-Göns und Niederkleen zur Amtshilfe für die Polizei alarmiert. Die Kampfmittelexperten aus Darmstadt entschieden, dass eine Evakuierung nicht erforderlich sei, auch weil die Bombe mit 50 Kilo vergleichsweise klein war.

Die Feuerwehr, die mit drei Fahrzeugen und 16 Einsatzkräften im Einsatz war, leuchtete den Fundort für die Entschärfung aus. Nach 90 Minuten war der Blindgänger erfolgreich entschärft. 

Was war seinerzeit eigentlich der Grund für das heftige Bombardement der Amerikaner? Auf dem Gelände des heutigen Magna-Parks zwischen Lang-Göns und Kirch-Göns befand sich seinerzeit ein Flugplatz der Wehrmacht, der am frühen Nachmittag des Heiligabends 1944 von US-Bombern angegriffen wurde. Nur etwa 20 Minuten dauerte der Angriff, das Gebiet wurde dabei großflächig massiv bombardiert. 

Der Heimatforscher Werner Reusch aus Ebersgöns hat die Geschichte des ehemaligen Flugplatzes, der zur Tarnung als landwirtschaftlicher Betrieb eingerichtet worden war, erforscht, mit vielen Zeitzeugen gesprochen und umfangreiches Bildmaterial gesammelt. Auf diesem ist auch das Gelände vor und nach dem Bombenangriff dokumentiert. Flugzeug- und Kfz-Stellplätze lagen am Waldrand unter den Bäumen. Doch dieser Täuschungsversuch blieb den US-Streitkräften auf Dauer nicht verborgen. Zeitzeuge Gerhard Koglin erinnert sich in Reuschs Buch „Flugplatz Kirch-Göns – Ayers Kaserne – Magna-Park“: 

„Man hatte nicht die Zivilbevölkerung zum Ziel, sondern wirklich nur diesen Platz, von dessen Bedeutung man im Feindeslager wohl mehr wusste als die Bevölkerung, die ganz dicht dabei wohnte … In einem Inferno von Lärm und Feuer, Erzittern der Erde und unsagbarer Angst der in den Kellern hockenden Kirch-Gönser Bevölkerung ging in wenigen Minuten unter, was einmal „Gutshof“, Flugplatz und Produktionsstätte war…. Über 2000 Bomben hatten den Platz in eine Kraterlandschaft verwandelt… Die uralte ‚tausendjährige Eiche‘ (Nr. 10 auf dem Foto) hatte, oh Wunder, auch dieses schreckliche Bombardement überlebt. Sie stand wie ein Symbol des Willens zum Weiterleben in einer Mondlandschaft.“

Emmy Steinecker, geb. Steinbach, aus Kirch-Göns hat mit ihrer damals dreijährigen Tochter Doris den Bombenangriff von Heiligabend 1944 überlebt. Auch sie hat in Reuschs Buch ihre Erlebnisse geschildert: Sie war auf dem Flugplatz, als der Angriff begann und suchte mit ihrer Tochter Schutz in einem Splittergraben: „Ich erinnere mich noch, wie ich zu meiner Tochter Doris sagte: ‚Immer nur die Mutti anschauen‘. Als die Bombardierung vorbei war, hat mich ein Mann aus dem Graben gezogen … In unmittelbarer Nähe des Splittergrabens hat ein Blindgänger gelegen. Wenn der explodiert wäre, wäre alles vorbei gewesen.“ 

Im Wald standen an diesem Tag 24 Fokker-Wolf Jagdflugzeuge (1a). Sie blieben den Bombern offenbar verborgen, denn sie wurden nicht beschädigt. Auch der Lebensmittelbunker (B) blieb unversehrt.

Bei diesem Angriff auf den Flugplatz wurde auch ein auf der Bahnstrecke zwischen Kirch-Göns und Lang-Göns stehender Sanitätszug beschossen. Es gab zahlreiche Tote und die vielen Verwundeten wurden im Bahnhofsgebäude in Lang-Göns versorgt. Das berichtet der Lang-Gönser Heimatforscher Otto Berndt in seinem Buch „Lang-Göns – Einblicke in die Vergangenheit“.

Zu Schaden gekommen ist in den nun fast 76 Jahren seit diesen schrecklichen Ereignissen an Heiligabend zum Glück niemand mehr auf dem großflächigen Areal. Damit dies auch zukünftig so bleibt, hat die Gemeinde ein rund 25 Hektar großes Waldgebiet südlich der Landesstraße 3133 bis zum Gelände des Magna Parks 2019 ganz offiziell umwidmen lassen: „Munitionsverdachtsfläche Betreten verboten“ steht dort auf Schildern. Neben den vermuteten Blindgängern ist dort auch eine Splitterbelastung der Bäume vorhanden. Daraus resultiert eine potentielle Gefährdung für Waldbesucher und beim Einsatz von Forstmaschinen. Besucher des Waldes sollten im eigenen Interesse auf den Wegen bleiben und nicht querfeldein durch das Unterholz laufen. 

Eine Sperrung der Flächen wurde jedoch nicht notwendig. Auch die Bejagung ist weiterhin möglich. Die Verkehrssicherung der Spazierwege besteht ebenso, das heißt, dass umgefallene Bäume oder in den Weg ragende Äste beseitigt werden.

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