Heiße Spur dank Telefon-Überwachung

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Heiße Spur dank Telefon-Überwachung

Am Gießener Landgericht beginnt Prozess nach Flucht und Todesfall in Gambacher Scheune im April

GAMBACH/GIESSEN (wiß). Am Gießener Landgericht eröffnete Vorsitzender Richter Jost Holtzmann mit über einstündiger Verspätung den auf insgesamt fünf Verhandlungstage angesetzten Prozess gegen einen 40-jährigen Polen aus Watzenborn-Steinberg, dem Verstoß gegen das Kriegswaffenkontroll- und das Betäubungsmittelgesetz in insgesamt zwölf Fällen zwischen dem 25. Februar und der Festnahme am 7. April zu Last gelegt wird. Aufgrund eines Bandscheibenvorfalls hatte sich die Anreise der Polnisch-Dolmetscherin aus Frankfurt verzögert – und somit auch der Prozessbeginn. 

Doch was dann in den ersten Sitzungsstunden zu hören war, entbehrte nicht einiger Brisanz. Die Ermittler waren auf die Spur des seit April in Untersuchungshaft sitzenden Beklagten mittels Pkw-Innenüberwachung gekommen, als sie einen Gießener mit deutschem und italienischem Pass überwachten. Daraufhin erfolgte auch bei dem Beklagten eine Telekommunikationsüberwachung die auch auf die Überwachung des Telefonanschlusses der Arbeitsstelle der 39-jährigen Ehefrau ausgeweitet wurde. Sie war seit Dezember letzten Jahres über eine Firma als Reinigungskraft im Gießener Polizeipräsidium tätig und hat eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet. Eingeleitet wurde bereits ein Verfahren wegen Verletzung des Dienstgeheimnis, wozu sie aber bisher noch nicht gehört wurde. 

Sichergestellt wurden bei der Festnahme des Angeklagten neben einem A-Klasse Mercedes auch ein Dualsim-Handy sowie in der Wohnung in Watzenborn-Steinberg eine Pistole. Eingezogen wurde weiterhin ein Geldbetrag von 9569 Euro. 

Staatsanwalt Rouven Spieler verlas die Anklage, wobei die zur Last gelegten Taten sich in Krefeld, Mönchengladbach, Münchholzhausen und Londorf wie auch in Watzenborn-Steinberg ereigneten. Neben dem Handel mit Maschinengewehren und Pistolen samt Munition wurde auch der Handel mit Cannabis und Marihuana sowie Anabolika genannt. Zur Last gelegt werden dem Polen unerlaubter Handel mit Betäubungsmitteln in nicht unerheblichen Mengen. Während der Beklagte wohl seine Waffen von einem Händler in Krefeld bezog, beschaffte er sich die Drogen aus Holland. Sowohl die Ehefrau aus Pohlheim wie auch der 21-jährige Sohn aus Fernwald machten von ihrem Zeugnis- und Auskunftsverweigerungsrecht gebrauch. 

Wie der ersten Vernehmung eines Kriminalbeamten des Gießener Polizeipräsidiums zu entnehmen war, ergaben sich die Ermittlungen wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz erst im Laufe der Ermittlungen. Dabei lassen sich vor allem die Verkäufe von Marihuana an den Sohn mittels Chat-Verlauf klar belegen. Dieser ging nicht nur auf das in deutscher Sprache zwischen dem Beklagten und dem überwachten Gießener mit deutschem und italienischem Paß in einem Pkw in Gießen am 25. Februar ein, sondern auch auf die daraufhin erfolgte GPS-Fahrzeug- und Telekommunikationsüberwachung des 40-Jährigen. In dem Gespräch ging es um das Zusammentreffen mit einer unbekannten Person in Londorf, die am Kauf einer tschechischen Skorpion-Maschinenpistole interessiert war. Der bereits von den Fahndern überwachte Gießener fungierte dabei als Vermittler, während der Verdächtige den Kontakt zu einem Waffenhändler in Krefeld hatte. Die Waffe wurde dabei als „Flasche Sliwowitz“ oder auch „Pflaume“ bezeichnet. 

Der „Sliwowitz“-Verkauf samt Munition kam dann bei einem zweiten Termin im März in der Londorfer Feldgemarkung zustande. Für die Abwicklung des Geschäfts hatten sich der Angeklagte und der Doppelpass-Gießener in der Weststadt getroffen um gemeinsam nach Londorf zu fahren. Zwei Tage zuvor war die Waffe in Krefeld vom Beklagten gekauft worden. Gegen den Händler in Krefeld, der die Waffen nach den Ausführungen des Ermittlers „besitzen und herumfahren aber nicht an privat verkaufen darf. Seine Waffenverkaufserlaubnis erstreckt sich nicht auf den Handel dieser Waffen“, laufen Ermittlungen in Krefeld. 

Am 4. April fuhr der Beklagte in die Niederlage und Mönchengladbach, um sich dort mit dem Waffenhändler zu treffen, um sechs Pistolen und eine Maschinenpistole Uzi zu kaufen. Eine Pistole wurde wohl von seinen Kunden beanstandet, so dass sie in der Wohnung in Watzenborn-Steinberg deponiert und dann später sichergestellt wurde. 

Am 7. April traf sich der 40-Jährige mit seinem Cousin in dessen Wohnung in Münchholzhausen. Dort wurde eine Uzi mit Munition an einen 27-Jährigen verkauft. Die Ermittler nahmen daraufhin den Beklagten in Kleinlinden fest, während der 27-Jährige in Langgöns sich dem Zugriff entzog, flüchtete, bei der Autobahnauffahrt in Münzenberg mit einem Zivilfahrzeug der Polizei kollidierte und nach Gambach flüchtete, wo er dann leblos in einer Scheune aufgefunden wurde. Ein Fremdverschulden wurde aufgrund der Ermittlungen ausgeschlossen; es fanden sich Hinweise auf den Konsum von Betäubungs- oder Arzneimitteln und eine kardiologische Vorerkrankung. In der Nähe des Fluchtweges in Gambach wurden eine Maschinenpistole, Munition und Drogen sichergestellt. Noch vier weitere Verhandlungstage sind im Oktober angesetzt.

 

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