Herzenssache christlich-jüdischer Dialog

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Herzenssache christlich-jüdischer Dialog

Matinee Sänger, Schauspieler und Geschichtenerzähler Dany Bober zu Gast im Butzbacher Museum

BUTZBACH (pe). Über ein volles Haus freute sich Museumsleiter Dr. Dieter Wolf. Zahlreiche Gäste waren zu einer spannenden Zeitreise durch die jüdische Geschichte mit dem in Wiesbaden lebenden Sänger, Schauspieler und Geschichtenerzähler Dany Bober gekommen. Alles in allem eine auch dieses Mal von den Veranstaltern glücklich platzierte Sonntag-Morgen-Matinee im Museum: Der Freundes- und Förderkreis des Museums Butzbach fungierte mit dem Museum zusammen als Veranstalter, das Bundesprogramm „Demokratie leben“ förderte dieses kulturelle „Event“.

Tatsächlich erlebte das sehr aufmerksame Publikum eine musikalisch vielseitig und vielsprachig umrahmte Zeitreise durch drei Jahrtausende jüdischer Geschichte. Im ersten Teil des Programmes standen Altertum und Mittelalter im Blickpunkt der schillernd vorgetragenen Geschichte des Volkes Israel. Neu vertonte Psalmen aus der Zeit der israelitischen Könige David und Salomon waren zu hören, später Lied-Kostproben (Liebeslieder) aus dem muslimisch besetzten, aber in Glaubensdingen recht tolerant regierten mittelalterlichen Spanien, wohin sich viele sephardische Juden gerettet hatten.

Der zweite Teil von Bobers Zeitreise wandte sich der Neuzeit zu, dem weit verzweigten Judentum in den Schtetln des Ostens, in der sich die aus Westeuropa mitgebrachte mittelhochdeutsche jüdische Umgangssprache zum Jiddischen entwickelte. Jiddisch wird, wie zu erfahren war, bis heute vor allem in Israel von eingewanderten Juden gesprochen.

Bobers Frankfurter Akzent war besonders im zweiten Programmteil durchgehend zu hören, was die Erzählungen noch verstärkte. Er begrüßte die Zuhörer mit einem „herzlichen Schalöm’che“. Sein Vater, Kurt Bober, war geborener Frankfurter, die Eltern, die sich noch rechtzeitig vor den Nazis retten konnten und mit der neu gegründeten Familie den Krieg in Palästina überlebten, kehrten 1956 von Israel in die Heimatstadt des Vaters am Main zurück, dabei der achtjährige Dany. Und die ehemals große Jüdische Gemeinde Frankfurt bot auch zahlreiches Material zur Gestaltung und bildlichen Ausmalen jener neuzeitlichen Geschichte der Juden, die nach dem Ausbruch aus den Ghettos der Städte sich in vieler Hinsicht stark auch kulturell, politisch wie wirtschaftlich entfalten konnten. Der Sänger und Erzähler griff auf das Liedgut des deutschen Vormärz zurück.

Auch dabei begleitete Bober seinen Gesang auf der Gitarre, und auch dies empfanden die begeisterten Zuhörer die Darbietungen durchweg als sehr warmherzig und ergreifend vorgetragen. Der gezielt dargebotene verschwommene Klang seines Instruments ließ die Texte in den Mittelpunkt rücken und untermalte noch die Schönheit der Melodien.

Fesselnd waren Bobers Erläuterungen immer. Er spannte den Bogen zu dem evangelischen Religionsphilosophen Martin Buber (1858-1965; zeitweise in südhessischen Heppenheim lebend). Von Buber stammt der Satz: „Humor ohne Glauben führt zu Zynismus, Glauben ohne Humor führt zu Engstirnigkeit“. Der christlich-jüdische Dialog liegt Bober, wie er mehrfach andeutete, sehr am Herzen. Mit großer Hochachtung spricht er besonders über die Menschen, die er auf dem Katholikentag und verschiedenen evangelischen Kirchentagen kennenlernen konnte.

Durch den ganzen Vormittag bewahrte sich Bober eine Leichtfüßigkeit, zu der sich freilich manchmal eine gewisse Traurigkeit hinzugesellte, die sich ergab vor allem auch wegen der zahlreichen Verfolgungen der Angehörigen des Volkes Israel durch dessen mehrtausendjährige Geschichte, die in den Holocaust mündeten.

Beklemmend war der Vortrag des aus den Dreißigerjahren stammenden Gedichts von den „zehn kleinen Meckerlein“. In ihm wird symbolisch beschrieben, wie ein Gegner der Nazis nach dem anderen von der Bildfläche verschwindet. Am Ende sitzen alle Oppositionellen im Konzentrationslager.

 Großartig waren zwei Lieder in Ladino, der Sprache der sephardischen Juden, in der sich aramäische, spanische und hebräische Sprachelemente finden. Ladino war auch die Muttersprache des in Bulgarien geborenen Schriftstellers, Aphoristikers und Literaturnobelpreisträgers Elias Canetti (1905–1994). Ein literarischer Ausflug ins Frankfurt der Vormärzzeit folgte, Bober erzählte unter anderem  über „Der Schleier im Main“, jenen Roman Alexandre Dumas (1802–1870), der erst 2002 auf Deutsch erschien und deshalb hier erst so spät wahrgenommen wurde.

Ein enorm kenntnisreich wie liebevoll und abwechslungsreich „verpackter“ Geschichtsunterricht mit vielen Liedern, Berichten, Gedichten, Plaudereien und Witzen in Hebräisch, Sephardisch, Jiddisch, Mundart (Frankforderisch) und natürlich auch Deutsch, die sich liebevoll und oftmals mit ironischem Unterton abwechselten.

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