„Ich dachte, jeder kann Gebärdensprache“

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„Ich dachte, jeder kann Gebärdensprache“

BUTZBACH. Annalisa Weyel aus Butzbach ist Teil der Kampagne „Generation Grenzenlos“ der Hertie-Stiftung. 

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Hertie-Stiftung unterstützt ehrenamtliches Engagement der Butzbacherin Annalisa Weyel für Inklusion Gehörloser

BUTZBACH (thg). Die Hertie-Stiftung würdigt das ehrenamtliche Engagement der Butzbacherin Annalisa Weyel. Gemeinsam mit ihrer Projektpartnerin Maisaa Al Dubai hat die 19-Jährige kostenlose Gebärdensprachkurse organisiert. „Es ist mir total wichtig, dass man der Gehörlosengemeinschaft, die fast unerkannt auch in Butzbach lebt, einfach zuhört, sie sieht und sie einbezieht“, sagt sie. Dass zunehmend Gebärdendolmetscher eingesetzt werden, etwa bei den Pressekonferenzen des Robert-Koch-Instituts oder der Landesregierung sei ein wichtiger Schritt. 

Weyel spricht Gebärdensprache, kann jedoch selbst hören und kennt deshalb sowohl die gehörlose als auch die hörende Welt. Denn sie ist mit gehörlosen Eltern aufgewachsen. „Das war für mich ganz normal. Als ich in Oppershofen, wo wir damals wohnten, in den Kindergarten kam, dachte ich, alle können Gebärdensprache. Aber als ich gebärdete, verstand mich keiner, das war wie eine andere Welt“, berichtet die ehemalige Weidigschülerin. 

„Ich musste auch manches Mal übersetzen“, erinnert sie sich, wenn andere Kinder oder auch jetzt noch Freunde zu Gast seien. „Für mich war das eine große Lebenserfahrung, ich habe es nicht als Belastung empfunden.“ Es sei vielmehr eine Bereicherung gewesen, wie ihre Eltern Gerald Mielke-Weyel und Claudia Weyel mit der Situation umgegangen seien. Aber beispielsweise für Gespräche mit Lehrern in der Schule gebe es auch Dolmetscher. 

Gehörlose haben meist ein sehr großes Netzwerk, berichtet Weyel. Ihre Mutter sei in den 80er Jahren Mitgründerin der Gehörlosen-Gemeinde in Friedberg gewesen, dort finden regelmäßig Treffen, Gottesdienste oder auch Freizeiten statt. Dort hatte sie auch viele Kontakte zu Kindern, deren Eltern ebenfalls gehörlos waren. Ferner ist ihre Mutter an der Gehörlosenschule in Fried-berg tätig. 

Im vergangenen Jahr begann Weyel ihr Studium an der Uni in Frankfurt. Auf einer Veranstaltung für Erstsemester wurde sie darauf aufmerksam, dass sich auch Al Dubai für Gebärdensprache interessiert. Es begann damit, dass sie erste kostenlose Kurse gaben. Darin wollten sie den Teilnehmern nicht nur die Gebärdensprache beibringen, sondern auch dazu beitragen, dass Barrieren überwunden werden. Die Kurse seien eine Art Sozialexperiment. Über fünf Wochen gibt es je eine Unterrichtseinheit, in der sechsten Woche folgt dann eine gemeinsame Aktivität. Die circa 40 Teilnehmer sind höchst unterschiedlich, Gehörlose und Hörende, die jüngste bislang war zwölf, der älteste 60 Jahre alt. Auch Migranten hätten teilgenommen, die auf diese Weise auch noch einmal einen anderen Zugang zur deutschen Sprache erhielten. 

Dass die „Mehrheitsgesellschaft“ sehr viel von Gehörlosen lernen kann, steht für Weyel außer Frage. Deshalb hat sie sich zum Ziel gesetzt, die Grenze zwischen Hörenden und Gehörlosen zu durchbrechen und sich für Inklusion einzusetzen. Inklusion und inklusives Lernen auf beiden Seiten ist für Weyel der Schlüssel zum Erfolg: Denn für sie bedeutet es, dass auch Hörende von Gehörlosen lernen. 

„Wer sich mit Mimik und Gestik verständigt, gibt vor allem viel von sich preis und lernt sich innerhalb der Kommunikation zu öffnen. Etwas, wovor sich die hörende Welt oft verschließt.“ Hörende könnten damit etwas von Gehörlosen lernen. 

Auf ihrem Instagram-Channel veröffentlicht Annalisa neben anderen Themen auch Gebärden. Sie digitalisiert inklusives Lernen und thematisiert dabei gleichzeitig Feminismus, Ökologie und Antirassismus – Weyel ist somit grenzenlos engagiert.

Mit der Jahreskampagne „Generation Grenzenlos“ will die Hertie-Stiftung herausragendes Engagement junger Menschen sichtbar machen und andere zum Handeln in-
spirieren. „Generation Grenzenlos ist ein tolles Netzwerk. Wir alle wollen auf unseren Gebieten etwas bewegen, jeder auf seine Weise – das ist inspirierend und gewinnbringend für mich“, sagt Weyel. Die Hertie-Stiftung unterstützt die beiden jungen Frauen mit der Social-Media-Kampagne. 

Wegen Corona dürfen derzeit die Kurse nicht stattfinden. „Wenn es wieder möglich ist, werden wir wieder einsteigen“, kündigt die Butzbacherin an. In der Zwischenzeit hat sie kurze Lerneinheiten in Youtube-Videos und auf Instagram veröffentlicht. Sie wünscht sich, dass das Bewusstsein auch in Deutschland stärker wird, dass Gehörlose wichtige Informationen benötigen. In den USA würden Pressekonferenzen und politische Sitzungen mit Gebärdendolmetschern gezeigt. In Deutschland habe noch nicht einmal jede Fernsehsendung Untertitel. „Wir kämpfen dafür.“

Informationen gibt es auch unter www.generation-grenzenlos.de. Die Hertie-Stiftung hat auch ein Video über Annalisa Weyel produziert, zu finden ist es unter https://youtu.be/29SQvMA1PCQ.

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