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BUTZBACH. Barbara Ruschers Geschichten drehen sich um die Themen des Alltags und den Selbstoptimierungswahn unserer Gesellschaft. Text + Fotos: win

LIVE – Kabarettistin Barbara Ruscher fühlt sich wohl in Alter Turnhalle und beschreibt alltäglichen Wahnsinn

BUTZBACH (win). Ihre Geschichten drehen sich um die Themen des Alltags und den Selbstoptimierungswahn unserer Gesellschaft. Deutschlands Kabarett-Lady Barbara Ruscher war am Samstag mit ihrem Programm „Ruscher hat Vorfahrt“ in der Alten Turnhalle zu Gast. Die rheinische Frohnatur mit abgeschlossenem Lehramtsstudium und Referendariat in Musik und Germanistik fühlte sich gleich richtig wohl. Der Empfang sei so herzlich gewesen und die Betreuung durch das Organisationsteam um Rita Herth so gut. „Das ist ja fast schon Pflegestufe 1“, lobte sie. Sichtlich beeindruckt zeigte sie sich von der wunderbaren Location: „ Das ist hier wohl die Carnegie Hall von Butzbach, oder?“

Ihr Publikum bezog sie von Anfang an mit ein, flachste immer wieder mit Dieter aus Bayern, der in der ersten Reihe saß und sich schmunzelnd vereinnahmen ließ. Ziemlich treffend konfrontierte die Mutter von zwei halbwüchsigen Kindern die Zuschauer mit der heutigen Realität opulenter Kindergeburtstage, die im Zeitalter rasant steigender Ansprüche Eventcharakter bekommen hätten. Es hatte den Anschein, dass einigen Müttern und Vätern derartige Erlebnisse durchaus bekannt vorkamen. So sei es durchaus mit Schwierigkeiten verbunden, den Kindergeburtstag in eine Retro-Party umzukrempeln, mit Sackhüpfen und Topfschlagen. Sogar bei der Reise nach Jerusalem komme da eine gewisse politische Brisanz auf. Zudem noch auf die gewohnten Geburtstags-Tütchen zu verzichten, bringe die kleinen Partygäste und deren Mütter an ihre Belastungsgrenze. 

Auf Helikoptereltern zwischen Schule und Fußballfeld war sie ohnehin nicht gut zu sprechen. „Die schlimmsten Hooligans stehen am Spielfeldrand von Jugendmannschaften und nennen sich Eltern“, wusste sie in einer Fußballspiel-Reportage um Thermomix-Thekla und Co. zu berichten. Befremdlich sind ihr Ausmalbücher für Erwachsene, die angeblich zur Beruhigung führen sollen, bei ihr aber eher ins Gegenteil umschlagen. Nicht minder kurios findet sie touristische Highlights in deutschen Landen – und nannte als Beispiel den Nacktwanderweg in Brandenburg. Ja, den gibt es wirklich. 

Aufregen kann sie sich auch über männliche Raser in Innenstätten und spekulierte: „Die haben alle Frauen mit Wehen im Auto“. Partnerportale erinnerten sie ans Schrottwichteln, ließ sie ihr Publikum wissen und klärte auf, warum es Lehrermangel gibt. „Alle arbeiten wie ich bei der Comedy“. 

Immer wieder brillierte sie gesanglich und begleitete sich dabei selbst am Klavier. Bei ihrem Lied über Fitnesstracker – „Bändchen am Händchen“ – witzelte sie über Volkszählung früher und Datenklau heute. Auch darüber, dass es mit dem Datenschutz in Frauenarztpraxen und Apotheken manchmal nicht weit her ist, hatte sie Insiderwissen parat. Viel Applaus gab es für ihren Sprechgesang über „Erich und sein Liegerad“, zu dem sie sich stylisch mit Fahrradhelm und getönter Brille präsentierte und eine Luftpumpe zum Musikinstrument umfunktionierte. Beim Refrain sprach das Publikum sichtlich erheitert und gewollt monoton mit: „Liegerad, Liegerad“. Am Ende war sie sich – mit einem Seitenhieb auf Rapper Kollegah – auch nicht zu schade für einen schrägen Rap und amüsierte sich, dass auch die dümmsten Deppen rappen könnten. 

Ihre jungen Kollegen kennen sie meistens nicht, macht sie doch seit 30 Jahren Kabarett, als viele von ihnen noch nicht einmal geboren waren. Ihnen erzählt sie dann gerne, sie sei die Mutter von Mario Barth, was meistens ungläubiges Staunen auslöst. Damit aber nicht genug. „Ich bin seine Großmutter“, korrigiert sie sich und setzt dem Fass die Krone auf. Humor ist, wenn man auch über sich selbst lachen kann. 

Als Zugabe gab es einen kleinen Ausschnitt aus ihrem Buch „Fuck the Reiswaffel“ zu hören, mit dem sie die Zuschauer an ihren satirischen Betrachtungen von Babys und Kleinkindern teilhaben ließ. Scharfzüngig, intelligent und charmant ging Ruscher zwei unterhaltsame Stunden lang aktuellen gesellschaftlichen Fragen nach und suchte den Wahnsinn im Alltäglichen. Die Zuschauer bedankten sich mit viel Applaus für die Aufklärung und einen überaus heiteren Abend.

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