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Integration gelungen – Laden geöffnet

GAMBACH. Gambachs Ortsvorsteherin Gabi Sickel (l.) und Wolfgang Meintrup von der Nachbarschaftshilfe Münzenberg haben Atighola Nezami ehrenamtlich sehr intensiv unterstützt. Bürgermeisterin Dr. Isabell Tammer (2. v.r.) freut sich über die Eröffnung der Änderungsschneiderei von einem „ihrer“ Flüchtlinge. Text + Foto: Müh

Atighola Nezami ist gebürtiger Afghane mit 35 Jahren Berufserfahrung und betreibt in Gambach Schneiderei

GAMBACH (Müh). Atighola Nezami eröffnet eine Änderungsschneiderei in Gambach. Er war erst zehn Jahre alt, als er mit seinen Eltern aus Afghanistan flüchten musste. Ziel der Familie war 1983 der Iran. Zwei Jahre später begann der junge Atighola bei einem Schneider zu arbeiten, um die Familie zu unterstützen. Bereits mit 18 Jahren besaß er genug Erfahrung, gepaart mit Können und einem Gespür für Stoffe, Schnitte und Farben, um sich selbstständig machen zu können. Erfolgreich – denn sonst hätte er seine große Liebe Latifa nicht schon 24 Monate später heiraten können.

Über drei Jahrzehnte war für ihn und seine inzwischen fünfköpfige Familie die Welt weitgehend in Ordnung. Bis sich das Leben für geflüchtete Afghanen im Iran immer schwieriger gestaltete. Je größer die durch politische Sanktionen bedingte Wirtschaftskrise im Iran wurde, desto öfter wurden Menschen wie die Nezamis angefeindet, vom sozialen Leben ausgeschlossen und oft genug in die Illegalität abgedrängt. In Afghanistan gab es für Atighola und seine Familie nichts, was sie zurückzog. Also entschlossen sich er und Latifa, in Deutschland um Asyl zu bitten. Das war im Jahr 2015 und so landete die ganze Familie durch eine entsprechende Zuweisung im Oktober 2015 in Gambach.

Der Antrag der Familie wurde schließlich positiv beschieden. Die Erleichterung war groß. Doch die eigentliche Arbeit für die Neubürger begann erst. Deutsch lernen, eine bezahlbare Unterkunft finden, Arbeit suchen. All das in einem fremden Land, einer völlig anderen Kultur. Ein Mammutprojekt, schier unmöglich zu stemmen.

Gut, dass es in Münzenberg seit über fünf Jahren engagierte Menschen mit sehr viel Herz gibt, die die große Lücke füllten, die trotz Sozialarbeiter und städtischer Betreuungskräfte klaffte. Eine von diesen ist Gabi Sickel. Ihr lag Familie Nezami von Anfang an am Herzen. Sie schaffte es mit viel Energie, dass Atighola und seine Lieben in Gambach Fuß fassen konnten.

Zuletzt war Sickel maßgeblich daran beteiligt, die berufliche Zukunft des Hausherrn anzustoßen. Sie vermittelte den Kontakt zu Liesel Kristen, einer Gambacher Schneidermeisterin. Inzwischen über 80 Jahre alt, war Liesel Kristen entzückt, in Nezami einen fähigen Nachfolger für ihr Metier zu finden. Etliche Fachgespräche überzeugten sie von Nezamis Können und so schenkte sie ihm für den Start seines eigenen Schneiderateliers Stoff und eine Umkleidekabine.

Das am 1. März 2020 in Kraft getretene Fachkräfteeinwanderungsgesetz brachte für Nezami die entscheidende Wende für seinen beruflichen Start in Deutschland. Endlich kann und darf er seine Berufserfahrung aus über 35 Jahren als Schneider aktiv einsetzen und so hoffentlich bald ohne staatliche Unterstützung für den Lebensunterhalt für sich und seine Familie verdienen. Beim unfangreichen „Papierkram“ hilft der frühere Unternehmensberater und Nachbarschaftshelfer Wolfgang Meintrup. 

Das Beispiel des afghanisch-stämmigen Schneiders macht deutlich: Ja – es gibt gelungene Integrationsarbeit. Doch der Weg dorthin ist lang, zeitintensiv und ohne umfassende Unterstützung nicht zu schaffen. Unterstützung der Behörden wie Jobcenter oder Wetteraukreis, Unterstützung der Kommunen vor Ort und vor allem Unterstützung durch Ehrenamtler wie Meintrup und Sickel.

Eine der ersten Kundinnen der Änderungsschneiderei Nezami war Bürgermeisterin Dr. Isabell Tammer, die sich im Vorfeld bei den verschiedenen zuständigen Stellen auf Kreisebene für Nezami eingesetzt hatte. „Ich bin begeistert und freue mich sehr, dass alles ein gutes Ende genommen hat“, sagte sie.

Die Öffnungszeiten der Änderungsschneiderei in der Mittelstraße 23 sind ab sofort: Montag bis Freitag von 14.00 bis 19.00 Uhr sowie Samstag von 10.00 bis 14.00 Uhr.

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